Eisschnellläuferin Gunda Niemann-Stirnemann geht am Wochenende in Berlin in ihre 15. Weltcupsaison

Geld allein ist keine Motivation

BLZ
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BERLIN, 15. November. Es ist wie in jedem Jahr: Am dritten November-Wochenende beginnt in Berlin-Hohenschönhausen mit dem Weltcup-Auftakt der internationale Eisschnelllauf-Winter. Für die Thüringerin Gunda Niemann-Stirnemann ist es der Start in die 15. Weltcup-Saison.Erfolgreiche Sportler müssen damit leben, dass ihre Siege in der Öffentlichkeit weniger Beachtung finden als Niederlagen. Sie haben am vergangenen Wochenende bei den nationalen Meisterschaften über 3 000 Meter den Titel geholt, über 1 500 Meter aber wurden Sie nur Dritte.Und prompt trat ein, was Sie sagen: Die Berichte konzentrierten sich auf den dritten Platz. Irgendwo habe ich dafür auch Verständnis. Wenn immer der- oder dieselbe gewinnt, ist dies doch langweilig. Wobei ich sage muss, dass es ja schon mehr als einmal vorkam, dass ich nicht Erste war. Andererseits: Was den Gesamt-Weltcup betrifft, lag ich in den letzten Jahren am Ende der Saison tatsächlich immer vorn, sowohl über die Langstrecken als auch über die 1 500 Meter. Wie bewerten Sie dann den dritten Platz hinter Anni Friesinger und Monique Garbrecht-Enfeldt?Da gibt es nicht viel zu bewerten. Anni ist zwar erst 23, gehört aber seit Jahren zur absoluten Weltspitze. Und Monique ist die weltbeste Sprinterin, da überrascht es nicht, wenn sie auch über die 1 500 Meter schnell ist. Hinzu kam, dass ich gesundheitlich nicht ganz auf dem Posten war und auch jetzt noch nicht bin. Ich hatte schon erwogen, eventuell nicht zu laufen, dann aber habe ich mich dazu gezwungen. Aber ich möchte dieses Thema nicht ausbauen, weil es letztlich immer wie eine Entschuldigung klingt. Sie haben im Eisschnelllaufen alles erreicht, sind Olympiasiegerin, Welt- und Europameisterin in einer Zahl, die nur noch Statistiker überblicken. Was ist das Motiv, sich im Training weiter zu quälen? Diese Frage wird mir in letzter Zeit öfter gestellt. Nicht böswillig, sondern anteilnehmend. So wie letztens von einer Frau aus München. "Warum tun Sie sich das eigentlich noch an", fragte sie mich etwas verschämt, nachdem sie mir zuvor erzählt hatte, wie sehr sie Anteil an meiner Karriere nimmt. Ich kann hier nur wiederholen, was ich der Frau gesagt habe: Es macht mir einfach noch immer Spaß. Für den Normalbürger ist das kaum nachvollziehbar, sich abzuschinden für Erfolge, die Sie ja alle schon einmal erreicht haben. Ich müsste lügen, wenn ich nicht zugäbe, dass Erfolg auch ein bisschen süchtig macht. Entscheidend aber: Für mich ist es ein unheimlicher Anreiz, meine Möglichkeiten auszuloten. Sehen Sie, trotz zunehmenden Alters habe ich mich immer noch verbessert. Die Weltrekorde über 3 000 und 5 000 Meter bin ich im Januar diesen Jahres gelaufen, in Hamar und in Calgary. Und ich bin sicher, dass dies noch nicht mein letztes Wort war. Sie haben im Frühjahr den Trainer gewechselt. Statt von Stephan Gneupel werden Sie jetzt vom Chemnitzer Klaus Ebert betreut. Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?Ich muss dazu sagen: Es war keine Entscheidung gegen den bisherigen Trainer, sondern eine Entscheidung, noch einmal neu anzufangen, neue Reize zu setzen. So wie nach der Olympiasaison 1994, als ich von meiner damaligen Trainerin Gabi Fuß zu Herrn Gneupel ging. Was die Arbeit bei Klaus Ebert betrifft, muss ich sagen, dass es meiner Psyche unheimlich gut bekommt, mit Männern zu trainieren. Trotz aller Strapazen geht es da irgendwie lockerer zu. Und Frank Dittrich und Knut Morgenstern haben ja schon bewiesen, dass die Gruppe erfolgreich arbeitet. Entschuldigen Sie, wenn ich noch einmal auf die Altersproblematik zurückkomme: Trotz aller Bewunderung gibt es auch Stimmen, die meinen, die "Alten" hemmen die Entfaltung des Nachwuchses. Im Kanusport ist eine potenzielle Olympiasiegerin wegen Birgit Schmidt sogar nach Australien ausgewandert. Und ist sie Olympiasiegerin geworden? Nein. Na sehen Sie. Wenn man die Beste werden will, dann muss man doch froh sein, wenn man die, die man ablösen will, in der Nähe hat. Das fördert doch den ständigen Leistungsvergleich. Und ich bin überzeugt, dass die Erfolge von Claudia Pechstein, Monique Garbrecht und auch von mir positiv für die Nachwuchsentwicklung sind. Was antworten Sie jenen, die sagen, Sie machen nur weiter, weil Sie nicht wüssten, was Sie sonst tun sollen. Dass dies Unfug ist. Ich habe klare Vorstellungen von der Zukunft. Ich freue mich schon darauf, im Eisschnelllaufen als Nachwuchstrainerin arbeiten zu können. Und ich hab auch schon ein Angebot vom Fernsehen, später als Ko-Kommentator tätig zu sein. Es gibt viele Möglichkeiten, ich werde es ausprobieren. Bis zu den Olympischen Spielen 2002 aber werde ich auf jeden Fall weiterlaufen, zumal inzwischen ja auch in unserem Sport einiges an Geld zu verdienen ist. Ist Geld für Sie ein Motiv weiterzulaufen? Geld allein auf keinen Fall. Aber wenn man Spaß an seinem Sport hat, warum soll man es da nicht mitnehmen? So hart wie wir trainieren, haben wir es auch verdient.Interview: Karl-Heinz Bergmann18 Weltcup-Siege // Die Dominanz von Gunda Niemann im Weltcup ist einmalig: Je neunmal holte die Erfurterin den Gesamt-Weltcup über 3 000/5 000 m sowie über 1 500 m. Dabei verbuchte sie 97 Einzelerfolge auf ihrem Konto.Die Internationale Eislauf-Union (ISU) hat die Prämien im Weltcup aufgestockt: Der Gesamtstreckensieg wird mit 14 000 Dollar (31 500 Mark) belohnt. Das sind 4 000 Dollar mehr als bisher.Der Einzelstreckensieg wird wie bisher mit 1 500 Dollar belohnt. Die Wettbewerbe am Sonnabend und Sonntag in Hohenschönhausen beginnen jeweils um 13 Uhr.

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