Wenn ein Elefant am Mount Elgon Bauchweh hat, frisst er offenbar nicht einfach weiter. Er läuft los, zielstrebig, bis zu einem ganz bestimmten Baum.
So erzählen es Männer, die seit Jahrzehnten neben den Herden im Westen Kenias leben. Ein Team um Fabien Schultz vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) hat ihre Beobachtungen erstmals systematisch ausgewertet. Die Studie erschien am 24. September im Fachjournal Scientific Reports.
Ihre erstaunlichste Szene: Elefantenkühe, die ihren Kälbern Heilkräuter in die Milch mischen sollen.
35 Heilpflanzen in der Elefanten-Apotheke
Der Mount Elgon ist ein Vulkanmassiv an der Grenze zu Uganda. Seine Elefanten kratzen in Höhlen Salz aus dem Gestein, nach Angaben des BNITM bis zu 160 Meter tief im Berg.
Befragt wurden acht Männer der indigenen Sabaot, darunter Wildhüter und ein ehemaliger Ranger. Jeder von ihnen kennt die Herden seit mehr als 20 Jahren.
Sie nannten 39 natürliche Mittel, darunter 35 Pflanzenarten. 25 davon bezeichneten sie ausdrücklich als Medizin für Elefanten.
Rinde vom Heilbaum: Was kranke Elefanten fressen
Sichtbar kranke Tiere sollen die Rinde des Baumes Croton macrostachyus fressen. Kaum ein Mittel nannten die Befragten häufiger.
Drei Arten der Gattung Dombeya helfen den Beobachtern zufolge bei der Verdauung und machen den Dung weicher.
Ein Informant beschrieb das Muster so: Liegt die Pflanze 20 Kilometer entfernt, gehen die Tiere direkt hin und fressen unterwegs nichts. Für ein Tier, das sonst stundenlang frisst, ist das ein auffälliger Verzicht.
Kräutermilch als „Impfung“ für Elefantenbabys
Laut den Berichten mischen Elefantenkühe Teile des Feigenbaums Ficus natalensis und zweier weiterer Pflanzen mit ihrer Milch und geben das ihren Kälbern. Die Beobachter halten das für eine Art Immunisierung. Mit Aloe sollen Mütter zudem den Appetit ihres Nachwuchses anregen.
Belegt ist davon bislang nichts. Das BNITM betont, dass weder der Vorgang noch ein Nutzen nachgewiesen sind. Das Team will das Verhalten jetzt auf Video festhalten.
Elefanten und Menschen teilen sich die Heilpflanzen
87 Prozent der genannten Mittel nutzen auch die Menschen am Mount Elgon als Medizin. Für neun der zehn meistgenannten Pflanzen sind in der Fachliteratur bereits pharmakologische Wirkungen beschrieben.
Ein Befragter erinnerte sich an die Großväter: „Was bei Elefanten wirkt, wirkt auch bei uns.“ Zwei andere warnten, manche Elefantenkost sei für Menschen giftig.
Das schönste Kapitel der Studie: Ein Mann nahm die Pflanze Rhamnus prinoides als Medizin ein, ein Elefant sah ihm dabei zu. Am nächsten Tag hatten die Elefanten sie ebenfalls gefressen. Wer hier von wem lernt, bleibt offen.
Salz aus den Höhlen: Die Elefanten mögen es einfach
Das berühmte Erdefressen in den Höhlen halten die Experten dagegen nicht für Medizin. Sie sehen darin Nachschub an Salz und Eisen. Und sie glauben, dass die Tiere es schlicht genießen.
Acht Interviews sind noch kein Beweis
Ernst nehmen sollte man die Studie trotzdem. Die Befragten kennen die Pflanzen aus der eigenen Volksmedizin, was ihre Deutung färben kann. Das räumen die Autoren selbst ein.
Mitautorin Elodie Freymann sieht darin eher eine Stärke: Menschen nah an den Tieren kennten „deren Geheimnisse schon seit Generationen“.
Für Schultz folgt daraus ein Auftrag: Wenn Mensch und Elefant aus derselben Apotheke schöpfen, wird der Schutz der Wälder zur Gesundheitsfrage für beide. Mit jeder Rodung am Mount Elgon verschwindet womöglich nicht nur Futter, sondern ein Teil des Medizinschranks der bedrohten Tiere.
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