TV-Kritik

„Elodie“ in der ARD: Drama über Babyzeit und Trauma

Das Familiendrama mit Karoline Schuch fragt nach frühen Prägungen – und verzichtet auf klare Schuldzuweisungen. Die Kritik.

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Was ist passiert, als Elodie (Karoline Schuch, l.) als Baby bei Frau Wontroba (Eva Mattes) war?

Was ist passiert, als Elodie (Karoline Schuch, l.) als Baby bei Frau Wontroba (Eva Mattes) war?

© NDR/Sandra Höver

Familienfeiern im Film verlaufen selten harmonisch – regelmäßig enden sie im Crash. Die Autorin Esther Bernstorff und die Regisseurin Nicole Weegmann sind Spezialistinnen dieses Genres. In dem ARD-Drama „Ein Teil von mir“ platzt eine obdachlose Mutter in die Hochzeit ihrer Tochter, in „Querschuss“ erschießt sich ein Jubilar direkt vor seiner Feier zum 80. Geburtstag.

Diesmal fliegen beim 65. Geburtstag von Barbara (Sibylle Canonica) auf einem idyllischen Heidehof die Fetzen. Denn Tochter Elodie (Karoline Schuch) erfährt von einer Freundin der Familie (Adriana Altaras) nebenbei, dass sie als Baby für einige Monate zu einer Kinderfrau gebracht worden war.

Die Mutter und der Vater (Michael Wittenborn) versuchen vergeblich, das Thema erst zu verschweigen, dann kleinzureden. Doch Elodie lässt sich von den Beschwichtigungen nicht aufhalten. Eine Jugendfreundin (Minna Wündrich) berichtet, dass sie von derselben Kinderfrau sogar misshandelt worden sei. Elodie hat keine konkreten Erinnerungen an diese sehr frühe Phase, nur schemenhafte Bilder blitzen auf.

Die Wissenschaft diskutiert bis heute, wie weit zurück die „frühkindliche Amnesie“ reicht, ab welchem Alter Kinder überhaupt Erinnerungen speichern können – und setzt den Zeitpunkt immer früher an.

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Psychogramm statt Nanny-Thriller

Im US-Kino treten dubiose Nannys gern in Thrillern à la „Die Hand an der Wiege“ auf. Der ARD-Film spielt nur kurz mit Schockmomenten, als Elodie die Kinderfrau (Eva Mattes) in deren düsterer Wohnung tatsächlich aufsucht. Er entwickelt sich zum Psychogramm einer Frau, die nach einer Ursache für ihre Bindungsprobleme sucht. Ihr Jugendfreund weiß bis heute nicht, warum ihre Liebe nicht hielt; der Vater ihres Sohnes will sich gerade von ihr trennen, weil er sie als gefühlskalt empfindet.

So zieht „Elodie“ eine direkte Linie vom gestörten Urvertrauen in der Babyzeit bis zur seelischen Krise von heute. Derzeit werden diese Probleme ja vor allem anhand der Wochenkrippenkinder der DDR diskutiert. Hier geht es in die niedersächsische Provinz der 1980er-Jahre.

Schwache Militärmetapher, starke Frauen

Überfrachtet wird das Drama durch seine Umgebung: Rings um das Heidedorf ist das Militär zugange, Hubschrauber und Panzer dröhnen, Elodies Vater arbeitet in einer Hightech-Waffenschmiede und hat starke emotionale Defekte. Familie sei für sie der „Kriegsschauplatz Nummer eins“, erklärt Regisseurin Weegmann im ARD-Interview. Die militärische Beschwörung der Gewalt wirkt hier überflüssig und störend. Denn der Film kann sich ganz auf seine starken Schauspielerinnen verlassen.

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Karoline Schuch in der Titelrolle überzeugt als stark beherrschte, rational wirkende Tochter, deren emotionaler Panzer erst spät aufbricht – dann aber umso eindrücklicher. Da sich Bernstorff und Weegmann allen Schuldzuweisungen oder gar Verurteilungen verweigern, bleiben auch die anderen Rollen spannend.

Sibylle Canonica zeigt eine Mutter, die verzweifelt gegen ihre Wochenbettdepression angekämpft hat. Selbst Eva Mattes in der Rolle der Kinderfrau verkörpert eine ambivalente Figur, die eher sorglos bis überfordert mit ihrer Aufgabe als notorisch bösartig war.

Elodie. 7. Oktober, 20.15 Uhr in der ARD, und in der Mediathek

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