Im Athener Krankenzimmer hängen rosa Luftballons, Blumen stehen neben dem Bett. Die drei Tage alte Georgia liegt im Arm ihrer Mutter Cristina Rapti-Tzelepi. Ihr Vater Constantinos Raptis, 60 Jahre alt, steht daneben.
Noch wenige Monate zuvor hatte das Paar seinen 21 Jahre alten Sohn Giorgos bei einem Verkehrsunfall verloren. Nun kam ein Mädchen zur Welt, das aus derselben Kinderwunschbehandlung stammt wie sein verstorbener Bruder. Der dafür verwendete Embryo war seit März 2004 eingefroren.
„Wir haben beschlossen, dem Leben eine zweite Chance zu geben und neu anzufangen“, sagte die 54-jährige Mutter der Nachrichtenagentur AP. Ihre Tochter solle gesund und glücklich aufwachsen, voller Freude wie ihr erstes Kind.
Tochter Georgia erinnert an ihren verstorbenen Bruder
Rapti-Tzelepi hatte sich bereits 2004 einer künstlichen Befruchtung unterzogen. Nach dem ersten Embryotransfer brachte sie ihren Sohn Giorgos zur Welt. Weitere Embryonen aus der Behandlung wurden eingefroren und eingelagert.
Im Oktober 2025 starb Giorgos im Alter von 21 Jahren bei einem Verkehrsunfall. Wenig später entschieden sich seine Eltern, einen der verbliebenen Embryonen einsetzen zu lassen.
Der Transfer fand am 23. Dezember 2025 in einer privaten Klinik in Athen statt. Am Mittwoch brachte Rapti-Tzelepi ihre Tochter zur Welt. Das Mädchen wog bei der Geburt 3490 Gramm. Die Eltern nannten es Georgia in Erinnerung an seinen verstorbenen Bruder.
Ihre Tochter könne Giorgos nicht ersetzen, betonten die Eltern. Sie habe jedoch Hoffnung und Licht in ihr Haus zurückgebracht. Der Vater sagte über den behandelnden Arzt: „Er nahm uns an der Hand und zog uns aus unserer tiefsten Dunkelheit.“
Mutter hatte nur zweieinhalb Monate Zeit
Für die Behandlung blieb dem Paar nur wenig Zeit. In Griechenland dürfen Frauen bis zum Alter von 54 Jahren medizinisch unterstützte Fortpflanzungsverfahren in Anspruch nehmen. Frauen über 50 benötigen zudem eine Genehmigung der nationalen Behörde für assistierte Reproduktion.
„Ich hatte nur ein Zeitfenster von zweieinhalb Monaten“, berichtete Rapti-Tzelepi. Sie habe die Zeit als belastend erlebt, die Hindernisse jedoch mit Unterstützung ihres Arztes und dessen Team überwunden.
Der Embryo war am 17. März 2004 kryokonserviert und 21 Jahre, neun Monate und sechs Tage später für den Transfer aufgetaut worden. Die häufig genannte Zeitspanne von 22 Jahren, fünf Monaten und 23 Tagen bezeichnet dagegen den Zeitraum vom Einfrieren bis zur Geburt.
Der Gynäkologe Kostas Pantos forderte angesichts des Falls eine Debatte über die griechische Altersgrenze. Nach geltendem Recht sei eine Behandlung selbst einen Tag nach dem 54. Geburtstag nicht mehr möglich. Das Paar schließt nach Angaben von AP ein weiteres Kind nicht aus und erwägt dafür notfalls eine Behandlung im Ausland.
Wie können Embryonen so lange überleben?
Bei der Kryokonservierung werden Embryonen mit speziellen Schutzstoffen behandelt und in flüssigem Stickstoff gelagert. Die Stoffe entziehen den Zellen Wasser und sollen verhindern, dass sich schädliche Eiskristalle bilden.
Heute verwenden Kliniken überwiegend die sogenannte Vitrifikation. Dabei wird das Zellmaterial so schnell abgekühlt, dass es glasartig erstarrt. Mit welcher Methode der griechische Embryo im Jahr 2004 eingefroren wurde, teilte das medizinische Team nicht mit.
Nach Angaben der britischen Aufsichtsbehörde für Reproduktionsmedizin HFEA gibt es keine Hinweise darauf, dass allein die Dauer der Lagerung Embryonen schädigt. Allerdings sind die Daten zu sehr langen Zeiträumen begrenzt. Nicht jeder Embryo übersteht das Einfrieren und spätere Auftauen.
Für die Aussicht auf eine Schwangerschaft ist vor allem entscheidend, wie alt die Frau bei der Entnahme der Eizellen war und welche Qualität der Embryo zu diesem Zeitpunkt hatte. Das Alter des Embryos wird während der Lagerung gewissermaßen angehalten.
Arbeit unter dem Mikroskop in einem Kinderwunschzentrum. Der Embryo des griechischen Paars war seit März 2004 kryokonserviert.
© A. Noor/imago
Geburt ist außergewöhnlich, aber kein Weltrekord
Das griechische Ärzteteam bezeichnet den Fall als längsten in der medizinischen Fachliteratur dokumentierten Zeitraum zwischen dem Einfrieren eines Embryos und einer späteren Geburt. Die klinischen Daten sollen allerdings erst noch bei einer internationalen Fachzeitschrift eingereicht werden. Eine unabhängige wissenschaftliche Prüfung hat daher noch nicht stattgefunden.
Als vorherige veröffentlichte Fälle nennt das Team Geburten nach Zeiträumen von 18 Jahren und drei Monaten in Japan sowie 17 Jahren in Israel.
Ein allgemeiner Weltrekord ist die Geburt Georgias dennoch nicht. In den USA kam 2025 ein Junge aus einem gespendeten Embryo zur Welt, der mehr als 30 Jahre zuvor eingefroren worden war. Dieser Fall wurde von Guinness World Records anerkannt.
Die medizinische Besonderheit steht für die Eltern jedoch nicht im Mittelpunkt. „Wir sind dieser Dunkelheit entkommen“, sagte Raptis. Nun glaube er wieder, dass seine Familie noch viel vor sich habe.
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