Mit Samba kennen sie sich aus in der Lausitz. Obwohl es bereits Jahre her ist, dass die Rhythmen im Stadion der Freundschaft erklangen. Es war eine Ära, die für eine der erfolgreichsten Zeiten von Energie Cottbus steht, in der die Rot-Weißen in der Bundesliga für einiges Aufsehen sorgten und zweimal drei Spielzeiten in der Beletage des deutschen Fußballs verbrachten.
Das ist auch heute noch überaus bemerkenswert und für manchen noch immer nicht richtig zu begreifen. Denn für Energie reichte es in 42 Jahren DDR-Oberliga nur in sieben Jahren für die höchste Spielklasse und Titel waren so weit entfernt wie das Fürst-Pückler-Museum vom Mond. Allein der Klassenerhalt zählte.
Wenn die Lausitz zur Copacabana wurde
Manche Brasilianer hinterließen kaum Spuren in der Lausitz. So blieben Adi Rocha, Sidney und – trotz des vielversprechenden Namens – Brasilia fast Randnotizen. Es gab aber auch Roger Bernardo und Marcelo Freitas. Es gab ebenso Vragel da Silva, Abwehrkante mit Kopfball-Torgefahr in über 100 Bundesligaeinsätzen. Und es gab vor allem Franklin Bittencourt.
Vom Lehrling zum Führungsspieler: Leonardo Bittencourt und das Cottbuser Kollektiv
Mit ihm, einem technisch versierten Offensivspieler, begann 1998 eine Geschichte, die 28 Jahre später mit seinem Sohn Leonardo ihre Fortsetzung findet. Der Filius ist in Leipzig geboren, weil Papa Franklin, als 23-Jähriger von Fluminense Rio de Janeiro gekommen, beim damaligen VfB angeheuert hatte und für die Sachsen 1993/94 auch in der Bundesliga spielte. Und in der mittlerweile reifen Vita von Sohn Leo steht als der Verein, bei dem er das Fußball-Abc erlernte, der FC Energie Cottbus.
Nach 14 Jahren, nach 42 Spielen in verschiedenen Nachwuchsteams des DFB, nach Engagements bei Borussia Dortmund, Hannover 96, dem 1. FC Köln, der TSG Hoffenheim und zuletzt sieben Jahren bei Werder Bremen und nach 304 Bundesligaspielen also noch einmal Cottbus. Ein Wunder, denn zu stemmen war die Rückkehr von Energie kaum.
Wie die Rückholaktion gelang
Auch viele warme Worte von Trainer Claus-Dieter Wollitz („Er hat eine einzigartige Art, mit dem Fußball umzugehen“, „ein bodenständiger Junge“, „Er spielt Fußball, wie ich ihn liebe“) machten es nicht allein. Da musste schon ein Sponsor einspringen, um den 32-Jährigen, der nach seinem Vertragsende an der Weser auch mit dem 1. FC Union Berlin und mit Bundesliga-Rückkehrer Schalke 04 in Verbindung gebracht worden war, in die Lausitz zu locken. „Am Ende“, so Wollitz, „haben wir nur acht Minuten miteinander telefoniert, und die Sache war klar.“
Der Energie-Coach ist so etwas wie Leonardo Bittencourts Ziehvater. Als der damals 17-Jährige im Zweitligaspiel gegen Duisburg, bei dem Nils Petersen zwei Treffer zum 3:1-Sieg erzielte, eingewechselt wurde und sein Profidebüt feierte, stand an Energies Seitenlinie: Claus-Dieter Wollitz. Der ist selbst fasziniert von dem Transfercoup und sagt: „Dass mit unserem Aufstieg eine Rückkehr realisiert werden konnte, ist für den Klub, für ihn und auch für uns als Mannschaft eine wunderbare Geschichte.“
Die Anhänger jedenfalls waren von der ersten Minute an hin und weg. Ein Fan-Shirt und eine Leo-Bittencourt-Tasse waren schnell auf den Markt gebracht. In den sozialen Netzwerken schwappte die Euphorie regelrecht über. Ein Lkw-Fahrer habe vor Freude „bitterlich zu heulen angefangen“, als er die Meldung gehört habe: „Ich konnte einfach nicht weiterfahren, so liefen mir die Tränen.“ An Papa Franklin habe er in jenem Moment denken müssen, wie der die Massen mitriss und nach Siegen auf Schultern vom Platz getragen wurde.
Das oberste Ziel muss der Klassenerhalt sein
So riesig die Euphorie in der Lausitz mit dem neuerlichen Hauch Copacabana auch ist, ein Garant ist die Rückkehr von Leonardo Bittencourt trotzdem erst einmal für gar nichts. Eine zentrale Rolle soll er dennoch spielen. Allein seine Erfahrung, seine Spielintelligenz und sein Auftreten prädestinieren ihn dafür. Zur Technik sind in den Jahren Dynamik, Hartnäckigkeit und auch eine Prise Schlitzohrigkeit hinzugekommen. In Summe macht ihn das im Plan von Wollitz zu einem Antreiber, einem Anführer.
Wollitz gibt neunten Transfer bekannt: So plant Energie Cottbus für die 2. Liga
Nur: Mit Romantik allein hat noch kein Aufsteiger in der 2. Bundesliga die Klasse gehalten. Das wird auch Energie nicht gelingen. Deswegen basteln sie um ihren Königstransfer herum ein Team, das vom ersten Spiel an darum kämpfen will, in dieser Liga zu bestehen.
Gleich zum Auftakt am 9. August geht es im Heimspiel gegen Hannover, ein Team, das sich nach dem knapp verpassten Aufstieg erneut im Vorderfeld sieht. Geht es nach Wollitz, dann geht seine Mannschaft nicht als Betonmischer in die Zweite Liga, sondern mit rauschhaftem Angriffsfußball. Die Rolle, die Bittencourt in diesem Gebilde einnehmen soll, ist dem Trainer von Anfang an klar: „Seine Karriere ist noch nicht zu Ende. Sondern er möchte einen Beitrag dazu leisten – und ich bin überzeugt, dass er es auch wird –, dass wir weitermachen mit unserem Spektakelfußball.“
Gutes Gelingen, Leo!
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