ENERGIE - Nach dem Lieferstopp an die Ukraine kommt auch im übrigen Europa weniger russisches Gas an. In Deutschland wächst die Sorge vor Engpässen. Ein Überblick über mögliche Alternativen.

"Null Atomkraft, mindestens ein Drittel erneuerbare Energien"

Jörg Michel
2 Min

Herr Kelber, ist das Vorgehen Russlands im Gas-Streit gerechtfertigt?Wir erleben eine unnötige Eskalation der Lage. Russland handelt politisch. Man kann nicht von der Ukraine höhere Gaspreise verlangen von Weißrussland aber nicht.Bedroht der Stopp auch die Gas-Versorgung in Deutschland?Derzeit nicht. Da die Energieressourcen aber immer knapper werden wird man sich zukünftig nicht immer darauf verlassen können, dass sich alle Vertragspartner vernünftig verhalten. Wir erleben davon gerade einen Vorgeschmack.Müssen wir also unabhängiger vom russischen Gas werden?Sicher. Für Importe müssen wir verschiedene Lieferanten haben. Wir müssen uns stärker auf heimische Energiequellen verlassen. Ich denke vor allem an erneuerbare Energien, also Biomasse, Off-Shore-Windkraft und Geothermie. Wir müssen Energie effizienter nutzen.Wie können wir uns noch besser wappnen?Die beste Versorgungssicherheit ist, weniger Energie zu benötigen. Zum Beispiel durch bessere Wärmedämmung in Gebäuden. Wir planen da ein milliardenteures Programm. Wir müssen verbrauchsarme Geräte fördern. Es gibt Computer, die zwanzig Mal mehr Strom verbrauchen als vergleichbare Geräte.Hilft die Kernkraft?Nein. Kernkraft macht uns nicht unabhängig. Wir müssen Uran ja auch aus dem Ausland importieren. Die Vorräte reichen nur noch 40 Jahre. Danach müsste man in die Plutoniumwirtschaft einsteigen. Außerdem spielt Atomenergie nur bei der Strom- nicht aber bei der Wärmeversorgung eine Rolle. Man bräuchte also weiter Gas.Wirtschaftsminister Glos will Kernkraftwerke aber langfristig nutzen.Das ist ein Pawlowscher Reflex. Herr Glos sollte wissen, wann eine Schlacht verloren ist. Wir sollten statt dessen ein Energiespar-Programm beschließen. Meine Prognose: In fünf Jahren könnte man so viel einsparen, wie unsere Atomkraftwerke derzeit produzieren.Die SPD wird den Atomausstieg also nicht rückgängig machen?Nein. Die CDU muss da mit sich alleine verhandeln, für uns ist das Thema abgeschlossenWie sollte der deutsche Energie-Mix in zwanzig Jahren aussehen?Null Atomkraft, mindestens schon ein Drittel erneuerbare Energien, effizientere Gas- und Kohlekraftwerke.Interview: Jörg Michel.------------------------------Foto: Ulrich Kelber ist Vize-Chef der SPD-Fraktion und zuständig für Umwelt und Energie.

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