Im Januar 1975 betraten fünf junge Männer die Bühne eines Gasthofs bei Berlin. „Engerling heißen die“, sagte der Wirt und schüttelte den Kopf. „Mit dem Namen kommen die nicht weit.“ Das war vor 51 Jahren. Am Sonnabend, 10. Oktober, spielt die nach der Larve der Scarabaeoidea-Käfer benannte Band im Theater Ost. Zum Glück hat die Metamorphose noch nicht eingesetzt, ist sie noch kein Maikäfer geworden – denn der wäre schon längst auf und davon gebrummt. So führt die Rock-’n’-Blues-Jubiläumstour „50 + 1 Jahre Engerling“ die Berliner Band für ein einziges Konzert in die Heimatstadt.
Ein Echo von John Lee Hooker und Grateful Dead
„Wir waren absolut fehl am Platz“, sagte Wolfram „Boddi“ Bodag einmal rückblickend. Der Pianist und Songwriter gründete Engerling 1975 mit Rainer Lojewski in Ost-Berlin. Den DDR-Kulturfunktionären war die Band zu weit weg vom liedhaften Rock als „eigenständigem DDR-Beitrag zur internationalen Musikkultur“. Den Blues-Puristen wiederum war sie zu unrein, denn Engerling mischte Rock und Soul unter den Blues und improvisierte ausgiebig.
Aber das Publikum hat ja auch was zu sagen; es feierte die Band und reiste mit ihr durchs Land. Für die Blueser und Tramper mit langen Haaren und Parka stand der Blues für Ehrlichkeit, als Gegenentwurf zum DDR-Spießertum – und Engerling ließen ein Echo nicht nur von John Lee Hooker, sondern auch von Led Zeppelin, den Stones oder Grateful Dead in das kleine, nach Westen abgeschottete Land.
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MehrWarum der Blues in der DDR zählte
Dass der Blues im Osten so treue Anhänger fand, hatte Gründe: Er ist einfach gebaut, geht in Bein und Herz, braucht keine große Show und funktioniert auch in kleinen Sälen, Jugendclubs und Gasthöfen. Vor allem klang er anders als alles Verordnete, und wer ihn hörte, suchte vielleicht Ehrlichkeit oder Eigensinn, vor allem aber seine Ruhe im verordneten Aufbau-Optimismus und in der ideologisch sortierten Wirklichkeit, wie sie die „Aktuelle Kamera“ vorgaukelte. Warum die hier Erwähnung findet, dazu später im Text.
Amiga, Wende, Mitch Ryder
Titel wie „Mama Wilson“, „Tommy Simpson“ und „Narkose Blues“ machten Engerling zur populärsten Blues- und Boogieband des Landes. 1977 erschienen bei Amiga die ersten Singles, 1979 die LP „Engerling Blues“, die sich über 100.000-mal verkauft haben soll. Man höre sich mal wieder den „Moll-Blues“ an, einen zehnminütigen ironisch-melancholischen Song über einen Mann, der festsitzt und in die Vergangenheit rutscht, während die Gegenwart weiterzieht: „Die Erinnerung wird schwerer, das Wasser fließt so schnell.“ Wer kennt es nicht?
Im September 1989, wenige Wochen vor dem Mauerfall, spielte Engerling erstmals im Westen, in Hamburg. Während viele Ostbands nach der Wende verstummten, überstand Engerling sie unbeschadet, sortierte sich neu und veröffentlichte 1992 „Egoland“. Ab 1994 begleitete die Band über 30 Jahre lang den US-Rocksänger Mitch Ryder, den Bodag schon zu DDR-Zeiten in Berlin erlebt hatte, auf Tourneen durch Europa. So werden Träume wahr, man sollte sich nicht daran gewöhnen.
Unterwegs in der Zeit
Seit 51 Jahren feilt Engerling beharrlich am eigenen Stil und spielt heute vor einem treuen Publikum, mit intelligenten Texten im Grenzbereich zwischen Deutschrock und eben doch Blues. Auf der Bühne stehen Wolfram Bodag (Gesang, Keyboards, Mundharmonika), Heiner Witte (Gitarre), Manne Pokrandt (Bass) und Hannes Schulze (Schlagzeug).
Der Ort passt dazu: Das Theater Ost wurde in den 1950er-Jahren als erstes und einziges Fernsehtheater Deutschlands gebaut, später entstand hier die „Aktuelle Kamera“. Eine Bluesband, die ihren Platz gefunden hat: unterwegs in der Zeit, immer schon da, wenn Kreise sich schließen.
Engerling: 50 + 1 Jahre. Konzert am 10. Oktober, 19.30 Uhr (Einlass 18.30 Uhr), Theater Ost, Moriz-Seeler-Straße 1, Adlershof. Karten je nach Ermäßigung zu 31/26/16 Euro im Theater, Tel.: 23 93 45 79 und über eventfrog.de
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