Er hat den Mac-Computer erfunden. Er war mit 23 Millionär, hat ein Schloss und Fans auf der ganzen Welt. Heute lässt sich Steve Jobs in San Francisco für seine neuesten Ideen feiern

Alles unter Kontrolle

Thomas H. Wendel
5 Min

Die Show wird pünktlich beginnen. Steve Jobs duldet keine Verspätungen. Um neun Uhr morgens wird der Chef des Computerkonzerns Apple in San Francisco auf die Bühne treten. In verwaschenen Jeans, schwarzem Pullover oder T-Shirt. Und mit lockerem Gang. So wie immer, wenn Jobs zur Apple-Messe "Macworld" seinen Auftritt des Jahres absolviert: die Präsentation der Produkt-Neuheiten. Tausende Mac-Fans werden in San Francisco dabei sein; tausende weitere sind in London per Satellit live dazu geschaltet. Was immer Jobs zeigen wird - ein iPod-Handy?, Spielfilm-Downloads aus dem Internet? - seine Sätze werden von Aahs und Oohs unterbrochen werden und von frenetischem Beifall. Die Mac-Gemeinde feiert ihren Meister.Steve Jobs steht im Zenit seines Ruhmes: Apples Computer sind hip, der tragbare Digital-Musikspieler iPod ist es noch mehr. Niemals zuvor in der dreißigjährigen Firmengeschichte hat Apple so viel Umsatz gemacht - vierzehn Milliarden Dollar waren es im vergangenen Geschäftsjahr. Und nie sah die Zukunft glorreicher aus: Jobs wird zugetraut, die Unterhaltungsindustrie zu revolutionieren. Der Kauf von Musik im Internet, den Apple mit dem "iTunes Music Store" weltweit populär gemacht hat, ist erst ein Anfang.Steve Jobs weiß, was er seinen Fans schuldig ist. Eine perfekte Show. Der "Beethoven des Geschäftslebens", wie ihn ein amerikanischer Management-Berater einmal nannte, komponiert seine Auftritte. Ihm würden dabei nie Fehler unterlaufen, die bei seinem Gegenspieler Bill Gates gang und gäbe sind: ein Rechner, der abstürzt; eine Computerspiel-Konsole, deren Bildschirm während eines Autorennens einfriert. So etwas hasst Steve Jobs.Ganz groß, ganz kleinEs gibt wohl keinen zweiten Chef eines so großen Unternehmens, der bei Pressekonferenzen alles selbst macht: Der 50-Jährige präsentiert, moderiert und erteilt das Wort. Er ist ein Perfektionist, bis ins Detail. Wandert ein Mikrofon nicht binnen Sekunden zu jener Stelle, wo es Jobs hinhaben möchte, kann das die Stelle des Verantwortlichen bedrohen. Auch Hausbedienstete müssen damit klarkommen: Reist Jobs auf seinem französischen Privat-Schloss an, müsse die Flasche Mineralwasser der richtigen Marke am richtigen Fleck stehen, sagen Eingeweihte. Wehe, wenn nicht.Pedanterie, Star-Allüren, Kontrollzwang? Und wenn schon. Das alles hat Steve Jobs reich und groß gemacht. Zwischendurch aber auch klein. Schon 1976 schraubten Jobs, seine Halbschwester Patty und sein Freund Steve Wozniak in der elterlichen Garage die ersten Tischcomputer der Welt zusammen. Der PC wurde zum Massenartikel. Mit 23 war Jobs Millionär. 1984 stellte Apple den Macintosh vor - den ersten Computer, der sich per Maus bedienen ließ und dessen Bildschirmdarstellung es auch Laien erlaubte, mit dem PC umzugehen.Das ganz große Geschäft machte jedoch ein anderer - Bill Gates. Der Microsoft-Gründer ist das Gegenteil von Jobs: Er ist kein technologischer Visionär und kein Perfektionist. Er ist Kaufmann. Er will so viel Software verkaufen, wie es nur geht. Er verteilt Lizenzen für seine Computer-Betriebssysteme an jeden, der sie haben will. Ihn stört es kaum, wenn einzelne Programme nicht auf allen Rechnern laufen. Er will Umsatz. Er wird damit zum reichsten Menschen der Erde. Jobs hingegen warf man Mitte der achtziger Jahre aus seiner eigenen Firma heraus. Apple ging es schlecht. Die Idee, Software und Hardware im aufeinander abgestimmten Bündel anzubieten, mündete im Debakel: Die ganze Branche stand gegen Apple. Sie nutzte MS-DOS und später Windows. Aber keine Mac-Software.Aus dieser Zeit stammt der Ruf Jobs, er sei ein David, der gegen den Goliath Gates verloren habe. Der Apple-Computer ist seither auch ein politisches Statement: gegen das "böse (Betriebs-)System", das Gates verkörpert. Selbst als Apple kaum mehr innovative Produkte liefert, halten die Fans dem Konzern die Treue. Jobs baut in der Zwischenzeit das Computer-Trickfilmstudio Pixar auf, das Filme wie "Findet Nemo" produziert.Ende der Neunzigerjahre kehrt Steve Jobs zu Apple zurück. Und mit ihm die alte Idee, Hardware und Software aus einer Hand zu bieten. Er hat ein neues PC-Betriebssystem entwickelt, das mit der Kreuzung eines Porsches mit einem Panzer verglichen wird. Damit ist Steve Jobs diesmal auf der Höhe der Zeit. Denn die Computerwelt hat sich verändert: Sie ist vernetzt über das Internet, in ihr fließen Töne, Bilder, Filme und Informationen zusammen. Das erfordert leistungsfähige Geräte und darauf exakt abgestimmte Software.Mit dem tragbaren Musikspieler iPod bricht Apple 2001 in die Unterhaltungselektronik ein. Jobs' enge Kontakte zu den Hollywood-Filmstudios und zu Künstlern ermöglichen ihm überdies, was zuvor unmöglich erschien: Die großen Musikfirmen der Welt erlauben Apple, ihre Songs im Internet zu verkaufen. Der Erfolg nährt den Erfolg. Apple ist weltweit die klare Nummer eins im Online-Musikgeschäft und auch bei digitalen Musikspielern.Die Nebenwirkungen seines Erfolgs kommen Steve Jobs jedoch oft ungelegen. Als er im vergangenen September in Paris eine Apple-Messe eröffnet, bricht er einen Hallenrundgang nach wenigen Minuten ab: Die Journalisten, die Steve Jobs gerne als Transporteure seiner Werbebotschaften einspannt, kommen ihm plötzlich zu nahe. Der Apple-Chef flieht durch einen unterirdischen Gang. Bevor alles außer Kontrolle gerät.------------------------------Foto: Steve Jobs weiß, was er bei Präsentationen bieten muss - die perfekte Show.------------------------------KORREKTURDer Apple-Macintosh war nicht der erste Computer, der mit einer Maus ausgestattet war, wie auf Seite 3 in der Dienstag-Ausgabe behauptet. Diese Ehre gebührt dem Gefriertruhen-großen Xerox-Alto, der bereits 1973 per Maus gesteuert wurde. Den Xerox- Alto benutzten vor allem Forscher. Der Mac war hingegen der erste Maus-gesteuerte PC, der als Massenprodukt erfolgreich war. (12.01.2006)

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