In Madagaskar ritzen Naturschützer Buchstaben in lebende Schildkrötenpanzer. „MG“, dazu eine Seriennummer.
Der Grund ist so simpel wie bitter: Der goldene Panzer der Madagassischen Schnabelbrustschildkröte ist das Einzige, was Schmuggler an ihr interessiert. Fachleute vergleichen die Methode mit dem Enthornen von Nashörnern. Weniger als 400 Tiere leben noch in freier Wildbahn.
Diese Schildkröte steht jetzt auf einer Liste, die Leonardo DiCaprio und Jeff Bezos an diesem Dienstag veröffentlicht haben.
Phoenix Species Project: 200 Millionen Dollar für 100 Arten
Die Naturschutzorganisation Re:wild und der Bezos Earth Fund haben das Phoenix Species Project gestartet. 200 Millionen Dollar stehen bereit, je zur Hälfte von beiden Seiten, dazu Geld von DiCaprio persönlich, der Organisation Age of Union und der Todd Graves Family Foundation.
Re:wild hat der Schauspieler mit dem Biologen Wes Sechrest gegründet. Den Bezos Earth Fund führt der Amazon-Gründer als Vorsitzender, seine Frau Lauren Sánchez Bezos ist Vizechefin.
Nach Angaben der Beteiligten ist es der größte private Fonds, der ausschließlich der Erholung akut bedrohter Arten dient. 100 Arten, 30 Länder, fünf Kontinente.
Die 100 Arten: Nachtsittich, Geigenrochen und ein „flauschiger Bauchnabel“
Die Auswahl liest sich wie das Inventar eines exzentrischen Museums.
Der Nachtsittich etwa, Australiens einzige nachtaktive Papageienart, galt jahrzehntelang als verschollen. 1990 fanden Ornithologen ein überfahrenes Exemplar am Straßenrand, erst 2013 gelang das erste Foto eines lebenden Vogels.
Dazu kommen der Goldkronen-Sifaka, ein Lemur aus dem Norden Madagaskars, und der Rundkopf-Geigenrochen, der vorn wie ein Rochen aussieht und hinten wie ein Hai.
Auf der Liste steht auch eine südafrikanische Sukkulente, die im Englischen „Fuzzy Belly Button“ heißt, flauschiger Bauchnabel. Und der Charco-Azul-Kärpfling aus Mexiko, ein Fisch, den es in freier Wildbahn nicht mehr gibt. Er existiert nur noch in menschlicher Obhut.
Der wohl kurioseste Fall ist der Attenborough-Langschnabeligel. Das eierlegende Säugetier trägt Stacheln wie ein Igel und eine Schnauze wie ein Ameisenbär, verwandt ist es mit keinem von beiden.
2023 tappte es in Neuguinea nach mehr als 60 Jahren wieder in eine Wildkamera. Vier Wochen lang hatte ein Team der Universität Oxford nichts gesehen, der Treffer kam in der letzten Nacht.
Der Rundkopf-Geigenrochen trägt dornige Wülste über Kopf und Rücken. Trotz seines haiartigen Hinterteils ist er ein Rochen – und eine der 100 Arten des Phoenix Species Project.
© Mark Erdmann
Fünf Jahre Förderung: Was am Phoenix-Fonds neu ist
Der eigentliche Clou steckt nicht in der Summe, sondern in der Laufzeit. Jede Art wird fünf Jahre am Stück gefördert.
Kleine Organisationen vor Ort hangeln sich sonst von Kurzzeit-Zuschuss zu Kurzzeit-Zuschuss, oft läuft das Geld aus, bevor sich eine Population erholt hat. Geplant sind Zuchtprogramme, Umsiedlungen, die Bekämpfung eingeschleppter Arten und Krankheitsmanagement.
Mehr als 100 lokale Partner sollen die Arbeit leiten, darunter indigene Gemeinschaften und Regierungen. Die Artenschutzkommission der Weltnaturschutzunion IUCN liefert das wissenschaftliche Fundament.
DiCaprio argumentiert, Arten am Rand des Aussterbens hielten oft ganze Ökosysteme zusammen. Wer sie rette, rette Wälder und Feuchtgebiete gleich mit.
Der Anfang liegt fünf Jahre zurück. Im Frühjahr 2021 traf DiCaprio zusammen mit Sechrest das Ehepaar Bezos, es ging um die Frage, wie privates Geld das Artensterben bremsen kann. Im Herbst desselben Jahres entstand daraus zunächst eine Initiative für Schutzgebiete.
Keine europäische Art auf der Liste
Wer nach heimischen Arten sucht, sucht vergebens. Die Projektregionen sind Afrika, Asien, Australasien, die Karibik, Lateinamerika und Nordamerika.
Europa taucht nicht auf. Der Fonds konzentriert sich auf Regionen mit hoher Artenvielfalt und schwacher staatlicher Finanzierung.
Kritik: 200 Millionen gegen 49.000 bedrohte Arten
Ganz ohne Fragezeichen bleibt das Vorhaben nicht. Die IUCN führt mehr als 49.000 bedrohte Arten, rund 28 Prozent aller bewerteten.
Gemessen daran sind 200 Millionen Dollar wenig. Und wer auf die Liste kommt, entscheiden Stiftungen, nicht Parlamente. Der Bezos Earth Fund ist mit zehn Milliarden Dollar ausgestattet und hat seit 2020 nach eigenen Angaben 591 Millionen für Naturprojekte vergeben.
Die 200 Millionen sind ausdrücklich als Startsumme deklariert, weitere Geber werden gesucht.
Tiana Andriamanana leitet die madagassische Organisation Fanamby, die den Goldkronen-Sifaka seit Jahren mit einem Budget schützt, das der Art nie gerecht wurde. Sie sagte: „Ihn aussterben zu lassen, war nie eine Option.“
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