ERDERWÄRMUNG - Die Konzentration des Treibhausgases Kohlendioxid in der Atmosphäre ist so hoch wie nie. Niemand kann die Anzeichen des Klimawandels mehr übersehen. Ab Montag beraten Experten in Nairobi, wie die Erde zu retten ist.

Dicke Luft

Jörg Michel
4 Min

BERLIN. Die Anzeichen sind nicht mehr zu übersehen: In Mitteleuropa tritt der Frühling heute im Durchschnitt eine Woche früher ein als in der Vergangenheit. Die Gletscher in den Alpen schmelzen und werden womöglich schon dieses Jahrhundert verschwunden sein. Das arktische Eisschild hat seit den siebziger Jahren ein Viertel seiner Fläche verloren. Die fünf wärmsten Jahre seit der Aufzeichnung der Wetterdaten fallen allesamt zwischen 1998 und 2005. Der Klimawandel ist kein Zukunftsszenario mehr. Er ist Realität: Am Bodensee sterben bestimmte Apfelsorten wie der Cox Orange aus, weil es ihnen zu warm wird. Nach Berechnungen der UN sind die Temperaturen auf der Erde in den letzten 100 Jahren um durchschnittlich 0,7 Grad gestiegen. Klimaforscher rechnen damit, dass es in den nächsten 100 Jahren zu einem weiteren Anstieg von zwei Grad kommen wird. Pessimistische Szenarien gehen sogar von sechs Grad aus.Weltwirtschaftskrise drohtWenn sich die rund 6 000 Delegierten der Weltklimakonferenz also ab Montag in Nairobi versammeln, dann fehlt es nicht an praktischen Anschauungsmaterial. Und auch nicht an alarmierenden Fakten: So hat die Konzentration des Treibhausgases Kohlendioxid im Jahr 2005 einen Rekordwert erreicht. Das berichtete die Weltwetterorganisation (WMO) gestern. "Das geltende Kyoto-Protokoll wird nicht ausreichen, um diese Konzentrationen zu stabilisieren, vielleicht wird es die Zunahme bremsen", warnte der WMO-Chefwissenschaftler, Geir Braathen. Kohlendioxid und andere Treibhausgase sind Ursache für die globale Erwärmung. Erst Anfang der Woche hat ein britischer Regierungsbericht auf deren dramatische Folgen für die Weltwirtschaft hingewiesen: Schäden von mehr als fünf Billionen Euro und eine neue Weltwirtschaftskrise ähnlich der in den zwanziger Jahren drohen, wenn der Kampf gegen den Klimawandel weiter verschleppt wird, warnte der ehemalige Chefökonom der Weltbank, Sir Nicholas Stern.Doch der Ernst der Lage steht in einem krassen Missverhältnis zu dem, was vom Gipfel in Nairobi zu erwarten ist. Angesichts der unterschiedlichen Interessen der 191 Teilnehmerstaaten wäre es schon ein Erfolg, wenn das Treffen nicht platzt und man sich verständigt, irgendwann mit neuen Verhandlungen zu beginnen.Ein solches Mandat ist dringend nötig. Denn das Klimaschutzprotokoll von Kyoto, das bislang einzige völkerrechtlich gültige Abkommen zum Abbau von Treibhausgasen, läuft 2012 aus. Es verpflichtet 35 Industrienationen, ihre Emissionen gegenüber 1990 um rund fünf Prozent zu senken. Schon heute ist absehbar, dass die viele Länder ihre Kyoto-Ziele nicht erreichen werden (siehe Grafik). In den letzten vier Jahren ist der Ausstoß sogar wieder angestiegen. Dabei sind die USA, schnell wachsende Länder wie China und Indien oder auch die Entwicklungsländer noch nicht einmal Teil des Minderungsvertrages. In Nairobi wird es also darum gehen, diese Länder erstmals einzubeziehen. Über neue Klimaschutzziele für die Zeit nach 2012 muss zumindest nachgedacht werden.Längst schon geht es nicht mehr darum, den Klimawandel komplett zu stoppen. Selbst wenn heute keine einzige Tonne Kohlendioxid mehr in die Luft gepumpt würde, wäre wegen der langsamen Reaktionszeiten in der Atmosphäre noch viele Jahre lang mit steigenden Temperaturen zu rechen. Die Weltgemeinschaft setzt sich lediglich das Ziel, das Aufheizen des Globus' bis zum Jahr 2100 auf zwei Grad zu begrenzen. Damit ließen sich Folgen wie steigende Meeresspiegel oder schmelzende Polkappen einigermaßen beherrschen. Nach Berechnungen von Klimaforschern muss dazu der weltweite Ausstoß von Klimagasen bis 2050 um mindestens die Hälfte gegenüber 1990 gesenkt werden. Die Industrieländer müssen sogar noch mehr leisten: Weil in Afrika und Asien mit mehr Auspuffabgasen zu rechnen ist, müssen Europa und Nordamerika ihre Emissionen sogar um 80 Prozent mindern.Bundeskanzlerin Angela Merkel und der britische Premierminister Tony Blair haben sich gestern Abend bei einem Treffen in London für verstärkte Bemühungen um den Klimaschutz ausgesprochen. Beide Länder wollen bei der Entwicklung eines neuen weltweiten Klimaschutzabkommens eng zusammenarbeiten. "Europa hat hier eine große Chance, die Führerschaft in der Welt zu übernehmen", sagte Merkel.Die Aussicht, dass sich Großbritannien und Deutschland mit ihren vergleichsweise klimafreundlichen Positionen durchsetzen sind allerdings gering. Klimaschutz ist teuer und schränkt die Gewohnheiten der Bürger ein - ob im Auto, bei Flugreisen oder beim Heizen. Viele hoffen auf das Jahr 2009. Da finden in den USA, also in jenem Land, das weltweit die meisten Klimagase in die Luft pustet, Präsidentschaftswahlen statt. Amtsinhaber George W. Bush, der mächtigste Blockierer in Sachen Klimaschutz, dankt ab.------------------------------Grafik : Einhaltung der Kyoto-Verpflichtung------------------------------Foto : Verdorrt: Tiefe Risse bildeten sich im Boden dieses Wasserspeichers im spanischen Alcora, der in der Sommerhitze austrocknete.

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