ERDERWÄRMUNG - Die Konzentration des Treibhausgases Kohlendioxid in der Atmosphäre ist so hoch wie nie. Niemand kann die Anzeichen des Klimawandels mehr übersehen. Ab Montag beraten Experten in Nairobi, wie die Erde zu retten ist.

"Wir haben zehn Jahre verloren"

Stefan Ehlert
3 Min

Herr Steiner, als Chef des UN-Umweltprogramms sind Sie Gastgeber des Weltklimagipfels in Nairobi. Wird es konkrete Abschlüsse geben, eine Nairobi-Deklaration mit Lösungen für die Klimapolitik in der Zeit nach 2012, wenn das Kyoto-Protokoll ausgelaufen ist?Das wäre zu viel erwartet. Politisch kann es noch keinen Konsens für post-2012 geben. Das liegt an der Entwicklung in den USA, aber auch an den Gräben zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. CO2-Emissionen bleiben bis zu 200 Jahre in der Atmosphäre. Es ist nicht akzeptabel für die Entwicklungsländer, dass wir sie beim Kampf gegen die Erderwärmung unter Druck setzen, wenn nicht berücksichtigt wird, dass letztlich die Industrieländer die historische Verantwortung dafür haben.Also viel Konferenz für kein Ergebnis?Wenn man schnelle Fortschritte möchte, sind solche Konferenzen frustrierend. Aber wir müssen uns klarmachen: Wir sprechen über 191 Regierungen, die versuchen, für 6,5 Milliarden Menschen einvernehmlich Grundelemente der Wirtschafts- und Geopolitik zu verändern. Es ist nur unter der Schirmherrschaft der UN möglich, die globalen Umweltveränderungen anzugehen. Beim Streit um Anpassungsstrategien kann Nairobi Ergebnisse hervorbringen: Wo wird der Anpassungsfonds seine Heimat haben? Welche Mittel werden bereitgestellt?Von welchen Summen reden wir und wofür ist das Geld bestimmt?Anfänglich sind es zehn bis 20 Millionen Dollar im Jahr, später bis zu zwei Milliarden jährlich für den Anpassungsfonds. Darüber hinaus müssen die nationalen Ökonomien in den nächsten Jahrzehnten hunderte Milliarden aufbringen. Da geht es im Kern um die Infrastrukturentwicklung. Wenn wir in Zukunft Straßen bauen, Kraftwerke oder Staudämme, dann müssen wir uns mit einer Welt auseinandersetzen, die anders sein wird als heute. Ob Regenfall, Temperaturen, Zugang zu Wasser oder andere Fragen - all das müssen die Länder in ihre Entwicklungspläne einbauen.Experten sagen, wir müssen den Ausstoß von Treibhausgasen in den kommenden Jahrzehnten um 60 bis 80 Prozent verringern. Ist es überhaupt realistisch, das zu erreichen?Wenn wir wissen, dass CO2 letztlich die Grundlagen für das Überleben auf unserem Planeten zerstört, dann ist das keine hypothetische Frage, ob das geht, sondern wir haben gar keine Wahl. Wir haben zehn Jahre verloren mit der Debatte: Findet Klimawandel überhaupt statt? Das ist heute keine abstrakte Frage mehr. Aber: Was gestern unmöglich erschien, ist noch immer in der Zukunft möglich gewesen. Ein Beispiel ist der Abbau von Substanzen, die das schützende Ozon der Atmosphäre zerstören, die Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW). Die haben wir binnen 20 Jahren zu 90 Prozent aus der Welt schaffen können.Weniger Konsum bedeutet weniger Energieverbrauch und weniger Emissionen. Ist Konsumverzicht die Lösung der Klimafrage? Und wie soll er in Ländern wie China, Indien oder Brasilien durchgesetzt werden?Konsumverzicht ist nicht der erste Ansatz, schon gar nicht in China. Wenn dort 1,4 Milliarden Menschen ein Zehntel der Energie verbrauchen, die wir in Europa beanspruchen, dann ist es schwierig den Menschen zu sagen: Bleibt in euern Hütten und verzichtet auf Strom. Aber die technologische Entwicklung kann helfen. Wir planen heute Kohlekraftwerke nicht mehr so wie vor 20 Jahren. Wir haben ganz andere Möglichkeiten, Emissionen zu begrenzen, die Effizienz zu steigern.Deutschland hat sich zu Hause Versäumnisse in der Klimapolitik vorzuwerfen, gilt aber international als Vorreiter. Welche Rolle könnte Deutschland in Nairobi spielen?Ich erwarte, dass die Bundesrepublik international weiterhin die Klimapolitik intensiv vorantreibt, vor allem in Europa. Denn wenn Europa nicht die bescheidenen Ziele erreicht, die 1997 in Kyoto festgelegt wurden, dann sendet das ein falsches Signal an die Entwicklungsländer.Das Gespräch führte Stefan Ehlert.------------------------------Foto : Achim Steiner, UN-Umweltchef

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