Theater

Erfurts Theater verliert nach 25 Jahren ein Urgestein: Kittel geht nach Mannheim

Er war fast ein Vierteljahrhundert Chefbühnenbildner am Erfurter Theater. Nun sagt Hank Irvin Kittel mit seinem zehnten Bühnenbild auf den Domstufen adieu.

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Ein Urgestein geht: Hank Irvin Kittel verlässt zum Ende der Spielzeit das Erfurter Theater, wo er jahrelang das Bühnenbild verantwortete.

Ein Urgestein geht: Hank Irvin Kittel verlässt zum Ende der Spielzeit das Erfurter Theater, wo er jahrelang das Bühnenbild verantwortete.

© Ingo Eckardt

Hank Irvin Kittel galt schon früh als überaus talentierter Künstler. Er studierte an der Kunstakademie Karlsruhe und verließ die hochkarätige Bildungsstätte als Meisterschüler bei Prof. Gerd van Dülmen. Als Maler und Installationskünstler lebte er seine kulturelle Verve aus, feierte Erfolge in Deutschland und außerhalb. 1989 zog es ihn nach Berlin, wo im Zeichen des Mauerfalls gerade einer der größten Umbrüche der Neuzeit für künstlerische Befruchtung sorgte.

Die letzten 25 Jahre aber verbrachte er in Erfurt, wo er als Chefbühnenbildner am Theater tätig war und reihenweise Inszenierungen bebilderte, die den Theaterfreunden bis heute im Kopf blieben. Vergangene Woche wurde er zur gefeierten Premiere von „Jesus Christ Superstar“ bei den Domstufen-Festspielen offiziell aus dem Team des Theaters verabschiedet. „Er ist ein Urgestein“, befand sein langjähriger Wegbegleiter Rainer Zaun, der zuvor als fröhlicher Pontius Pilatus in der doch recht ernsten Rockoper-Aufführung für ein bisschen Leichtigkeit gesorgt hatte. Nun aber klang Wehmut in seinen Worten.

Abschied mit Träne im Knopfloch: Zur Premiere von „Jesus Christ Superstar“ wurde Hank Irvin Kittel von seinen Wegbegleitern vor mehr als 2000 Besuchern verabschiedet.

Abschied mit Träne im Knopfloch: Zur Premiere von „Jesus Christ Superstar“ wurde Hank Irvin Kittel von seinen Wegbegleitern vor mehr als 2000 Besuchern verabschiedet.

© Ingo Eckardt

Außer in Berlin und Erfurt schätzte man sein Wirken bereits zu Zeiten seines festen Engagements auch an Opernhäusern und Theatern in Monte Carlo, Riga, Lissabon, Bratislava, Shanghai, Bilbao, Triest, Antwerpen, Gent, Amsterdam, Pretoria, Austin, St. Gallen, Innsbruck und Linz. Zudem stattete er mehrere Festivals mit seinen opulenten Bühnenbildern aus.

„Der Liebe wegen“ geht es nun nach Mannheim

„Die Liebe hat letztlich den Ausschlag gegeben“, lacht Kittel auf die Frage, warum er denn die Thüringische Landeshauptstadt verlasse. Seine Frau arbeitete in den letzten Jahren in Weimar an der dortigen Musikhochschule, während er als Führungskraft am Theater wirkte. Nun habe sie an der Musikhochschule Mannheim eine neue verantwortliche Stellung als Korrepetitorin angeboten bekommen. „Sie ist mir hierher gefolgt, jetzt bin ich mal dran“, meint der Bühnenbildner, der aus der Gegend um Heilbronn stammt und nun in seine baden-württembergische Heimat zurückkehrt.

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Mit Blick zurück auf seine Zeit beim Theater Erfurt bleiben ihm einige Erinnerungen im Gedächtnis und vor allem im Herzen, wie er verrät. „Ganz zu Beginn hatte ich ein Bühnenbild für ‚Don Giovanni‘ gemacht, das sehr kontrovers besprochen wurde, aber das Publikum hat es geliebt. Zehnmal habe ich in all den Jahren auch die Bühne für die Domsrufen bereitet. Das waren immer besondere Vorstellungen, wie die ‚Tosca‘ oder eben jetzt ‚Jesus Christ Superstar‘. Man ist immer im Spannungsfeld zwischen den Ideen des Regisseurs und der technischen und künstlerischen Machbarkeit an diesem speziellen Aufführungsort“, erzählt Kittel.

Hingucker: Am speziellen Aufführungsort, den Domstufen in Erfurt, zelebrierte Kittel die Macht von (Bühnen-)Bildern.

Hingucker: Am speziellen Aufführungsort, den Domstufen in Erfurt, zelebrierte Kittel die Macht von (Bühnen-)Bildern.

© Lutz Edelhoff

Künftig will er freischaffend arbeiten, kann sich aber vorstellen, irgendwann auch mal als Gast-Bühnenbildner nach Erfurt zurückzukehren. Doch was ist denn nun das Besondere am Genre Bühnenbild? Mit einer Antwort auf diese Frage tut sich Kittel nicht sonderlich schwer: „Es ist die Vergänglichkeit von Kunst, die es im Theater ja ohnehin gibt. In jeder einzelnen Aufführung ist der jeweilige Moment unwiederbringlich. Ich habe immer nach Ablauf der Stücke alles, was zum Bühnenbild führte, alle Skizzen und Modelle, vernichtet. So etwas kommt – bis auf wenige Ausnahmen – nie ins Museum. Ich finde Ausstellungen über Bühnenbilder immer verstaubt, weil sie den einmaligen Vorgang der Theaterkunst nie konservieren können“, ist Kittel beinahe philosophisch unterwegs.

Der Charme der Vergänglichkeit von Theaterkunst

Theaterkunst sei immer ein einmaliger Vorgang, der im Gedächtnis des Publikums bleibe oder für immer verloren und vergessen sei. Doch genau das Vergängliche sei für ihn das Besondere. Er weine den vergangenen Bühnenbildern nicht nach. „Denn vom Schweiß der Theaterschaffenden sollen die Besucher ja nichts sehen – Theater soll dramatisch, tragisch oder komisch sein, aber immer auch leicht wirken“, so der studierte Maler. Er habe es immer geliebt, Modelle selbst nach seinen Skizzen zu bauen und den Kontakt zu den Leuten in den Werkstätten zu halten.

Nun aber freue er sich darauf, sich nur noch um die künstlerische Seite zu kümmern. „Die ganze Administration fällt weg. Ich liebe eher die Diskussionen, die man mit dem Regisseur führen muss, wo seine Schauspieler entlanglaufen können, und über technische Umsetzungen, wie hier an den sieben Bilderrahmen, von denen der eine oder andere auch umklappbar sein musste“, weist er auf seine kreierte Optik zwischen Dom und St. Severinkirche in Erfurt hin. Die bürokratischen Arbeiten müssten dann andere erledigen, freut er sich auf etwas mehr Zeit für Kreativität.

Die sieben überdimensionalen Rahmen als Sinnbild für die sieben letzten Tage Jesu sind seine Idee für das diesjährige Domstufen-Festival in Erfurt.

Die sieben überdimensionalen Rahmen als Sinnbild für die sieben letzten Tage Jesu sind seine Idee für das diesjährige Domstufen-Festival in Erfurt.

© Ingo Eckardt

Diese will er auch nutzen, um an manch freiem Nachmittag wieder mal zu Pinsel oder Stift zu greifen und aus purer Lust zu malen oder zu zeichnen. Und vielleicht sieht man Kittels Bilder dann doch wieder mal im Museum – ganz abseits der letzten zweieinhalb Jahrzehnte im Zeichen künstlerischer Vergänglichkeit.

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