Vor zwei Jahren ist hier in Klagenfurt eine Autorin nach ihrer Lesung dermaßen in die Mangel genommen worden - der gebürtigen Tschechin wurden etwa schlechte Deutschkenntnisse vorgeworfen -, dass ihr Verlag daraufhin das Buch zurückgezogen hat. Schlimmer als in diesem Fall kann es beim Bachmann-Wettbewerb nicht kommen. So etwas darf eigentlich nicht passieren. Der Juror, der die Frau nominiert hat, ist Gott sei Dank nicht mehr dabei; sein Job wäre es gewesen, diese Schriftstellerin zu verteidigen. - In diesem Sinne habe ich gestern wirklich Glück gehabt. Hildegard E. Keller, meine Jurorin, hat für mich gekämpft und immerhin noch Burkhard Spinnen und Ijoma Mangold auf ihre Seite gezogen. Nun ja: Das war's dann für mich, obschon ich verwirrt bin, was da alles hineininterpretiert wurde. Der Held meiner Novelle heißt mit Vornamen Benno und der Erzähler wird verdächtigt, für das Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet zu haben - angeblich soll das eine Art Allegorie auf den Mord an Benno Ohnesorg sein. Ich hab dann noch versucht, einiges richtig zu stellen, ohne Erfolg. Außerdem ist es eben immer ein Problem, in Klagenfurt aus einem längeren Text einen Auszug vorzustellen. Doch was soll's.Wenn bei der Fußball-Weltmeisterschaft eine Mannschaft ausscheidet, dann muss sie nach Hause fahren. Anders im Bachmann-Wettbewerb: Ich bin zwar wohl raus, mit vier zu drei Stimmen gegen mich - dafür aber fängt mit diesem Nachmittag der Kurzurlaub an. Vielleicht scheint ja ab morgen wieder die Sonne, Badezeug habe ich jedenfalls dabei. Drei Tage werde ich noch hier sein und mich von jetzt an durch die Restaurants arbeiten.Ausgenommen heute Abend. Da beehrt sich der Bürgermeister der Landeshauptstadt Klagenfurt/Wörthersee zu einem Empfang einzuladen "mit anschließendem Büffet". Gestern noch hatte ich Zweifel. Anderen Autoren, wie etwa Andreas Schäfer und Philipp Weiss, ging es ähnlich, immerhin ist das Stadtoberhaupt Mitglied beim BZÖ, dem von Jörg Haider gegründeten "Bündnis Zukunft Österreich", mit anderen Worten: der Mann ist zumindest extrem rechts. Ich meinte also zu den Kollegen, dass wir doch genügend Restaurant-Bons bekommen haben.Die Boykottfrage ist aber durch jemand anderes beantwortet worden: Josef Winkler. Der Büchner-Preisträger, geboren 1953 in Kärnten, hat die Eröffnungsrede zu den 33. Tagen der deutschsprachigen Literatur gehalten. Und das muss man einfach erlebt haben: In der zweiten Hälfte seines Vortrages kam jeder Satz einer Gewehrsalve gleich. In der ersten Reihe saßen die BZÖ-Politiker sowie Haiders Witwe. Eine solche Abrechnung eines Schriftstellers mit dem politischen Establishment wäre in Deutschland nicht vorstellbar, wobei wir auch kein BZÖ haben. Josef Winkler gab den Haider-Getreuen die Schuld am Unfalltod eines Kindes. Der kleine Junge würde noch leben, wenn Haider in Klagenfurt nicht für 70 Millionen Euro ein Stadion gebaut hätte - für lächerliche vier Europameisterschaftsspiele! Einem Steuerberater zahlten diese Politiker sechs Millionen Euro für zwei Wochen mündlicher Beratungstätigkeit. Es hätten zwölf Millionen sein sollen, nach heftigen Protesten gewährte er 50 Prozent "Patriotenrabatt". Gleichzeitig ist Klagenfurt in Europa die einzige Stadt mit 100 000 Einwohnern, die keine Bibliothek hat. - Der beste Text in Klagenfurt kam also von einem Schriftsteller, der gar nicht nominiert war! Die erste Reihe saß dort mit kreidebleichen Gesichtern: "...wie lange werden sich die Bevölkerung des Landes K. von diesen schamlosen und räuberischen Politikern des Landes K. (...) noch ausbeuten lassen, wann werden sie endlich auf die Straße gehen und den Mund aufmachen, wie lange werden sie sich noch schweigend einrichten, wie lange noch werden sie demütig sein und sich ausrauben lassen..." - Den Beifall kann man sich gar nicht vorstellen, wie eine Explosion. Das Publikum tobte, bis auf die erste Reihe, versteht sich. Und genau deshalb gehen wir zum Empfang des Bürgermeisters. Josef Winkler hat auch eine Einladung; das will sich keiner entgehen lassen.Ach ja, und was nun die Zukunft meines Buches betrifft: Da kann nichts passieren, die Novelle ist bereits in der Druckerei.------------------------------Unser nominierte Autor berichtet morgen wieder aus Klagenfurt.
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