Erhard Stahlberg ist Landwirt in Brandenburg. Er hat davon gehört, dass er jetzt für den Weltmarkt produziert. Gemerkt hat er davon noch nichts

Im globalen Dorf

Daniela Zinser
7 Min

KRANEPUHL. Auch hier soll er also angekommen sein, der Weltmarkt. In Kranepuhl in Potsdam-Mittelmark, eine Autostunde von Berlin entfernt. Still liegt das Dorf zwischen Wiesen und Wäldern, gleich daneben stehen Ställe, Getreidelager, ein türkis gestrichenes Verwaltungsgebäude. Das ist der Hof Flämingrind, eine Produktivgenossenschaft; hier werden Rinder gezüchtet und gemästet, wird Getreide angebaut und Milch gemolken. Lebensmittel werden hier produziert, für die man in Deutschland seit einiger Zeit mehr Geld bezahlen muss, weil sie jetzt auf der ganzen Welt begehrt sind.Weil Asiaten Milchpulver und Fleisch von hier kaufen, weil in Australien, der Ukraine und in Kanada die Ernte schlecht war und dort jetzt Getreide fehlt, weil mehr und mehr Felder zur Energieproduktion verwendet werden; weil es auf der Erde immer mehr Menschen gibt und immer weniger Anbauflächen.Die Welt verändert sich und mit ihr die Welt der deutschen Bauern. Die Berufsgruppe, die jahrzehntelang den Ruf von Subventionsschmarotzern aushalten musste, soll sich plötzlich als Global Player fühlen. So jedenfalls hat Bauernpräsident Gerd Sonnleitner in einem Anflug von Euphorie die Landwirte bezeichnet. Wir sind wieder wer, den Satz benutzt er gern.Wenn Erhard Stahlberg ihn hört, lehnt er sich erst einmal zurück und sieht eigentlich gar nicht aus wie jemand, der findet, dass es ihm bis jetzt an Anerkennung gefehlt hat. Er sagt: "Wir sind hier schon seit längerem ganz zufrieden". Er sagt aber auch: "Wir wissen, wie es den Bauern wirklich geht." Erhard Stahlberg, 57, ist Vorstandsvorsitzender des Betriebs. Er hat schon einmal erlebt, wie die freie Marktwirtschaft auf den Hof drängte. Vor der Wende war er Buchhalter der LPG Tierproduktion Kranepuhl, nach 1989 hat er die Umwandlung in eine Produktivgenossenschaft mitorganisiert. Jetzt verwaltet er mit zwei weiteren Vorstandsmitgliedern einen Betrieb, der mit 1 530 Hektar etwa zehn Mal so groß ist wie ein durchschnittlicher Bauernhof. 1 800 junge Rinder werden hier gemästet, 135 Milchkühe geben etwa 3 000 Liter Milch am Tag. 24 Mann machen die Arbeit, auf drei Millionen Euro Umsatz kommt die Genossenschaft Flämingrind im Jahr.Vielleicht liegt es daran, dass Stahlberg mit seinem Betrieb schon größere Veränderungen durchgemacht hat als jene, die der Weltmarkt jetzt nach Kranepuhl bringen könnte. Oder daran, dass der Mann in Strickpulli und Cordhose, dessen Eltern auch schon Landwirte waren, einfach zur Sachlichkeit neigt. Zu Begeisterung über die ausgezeichnete Lage der Bauern, von der überall die Rede ist, lässt er sich jedenfalls nicht hinreißen.Zufrieden sei er in diesem Jahr, mehr eigentlich nicht. Vom gestiegenen Milchpreis sei kaum etwas zu spüren, das Kilo Rindfleisch bringe immer noch kaum mehr als drei Euro und die Getreideernte der Produktivgenossenschaft sei 15 Prozent unter dem Plan; schuld ist das Wetter. Die höheren Getreidepreise seien für viele Bauern, die auf Tierzucht spezialisiert sind, fatal, denn sie müssen plötzlich mehr für das Futter bezahlen. Auf den Feldern von Kranepuhl wächst Getreide, und das landete in diesem Jahr vor allem in den Mägen des Viehs. "Die Tiere müssen ja fressen", sagt Stahlberg. Weil weniger Getreide verkauft wurde als sonst, hatte man nicht viel von den gestiegenen Preisen.Und der Weltmarkt? "Da wird man als Einzelner doch gar nicht rangelassen", sagt Erhard Stahlberg. Vier Bullen verkauft er jede Woche an den Fleischer in Belzig, die meisten Rinder gehen zurück nach Bayern, wo sie als Jungtiere gekauft wurden. Die Milch wird in der Umgebung verkauft und das Getreide, das übrig bleibt, auch.Hartmut Schulze, ebenfalls Vorstandsmitglied des Betriebs und Leiter der Pflanzenproduktion, kommt dazu und grummelt: "Ganz so gut geht's uns Bauern wirklich nicht." Mit den Getreidepreisen seien auch die Kosten für Pflanzenschutz- und Düngemittel raufgegangen, um bis zu 25 Prozent. Futtermittelzusätze seien um bis zu 50 Prozent teurer geworden. Was die eine Hand hinzuverdient, muss die andere wieder ausgeben.Hartmut Schulze sagt dann aber auch noch, dass er froh ist. Froh, dass zum Beispiel Brot endlich annähernd so viel koste, wie Arbeit drinstecke. "Die Verhältnisse haben einfach nicht mehr gestimmt", sagt der 48-Jährige. In den vergangenen Jahren sei das Geld in der Landwirtschaft nicht in der Produktion, sondern am Schreibtisch verdient worden - beim Ausfüllen von Anträgen für Zuschüsse.Möglicherweise wird sich das ja ändern. Möglicherweise wird Stahlberg in Zukunft nicht mehr so oft mit einem seitenlangen Formular am Schreibtisch sitzen. Weil, wenn der Markt dringend braucht, was die Landwirtschaft hervorbringt, sich die Dinge von selbst regeln und die Bürokratie weniger werden kann.Nein, sagt Stahlberg. Auf einige Regelungen könnte er zwar schon verzichten. Auf die Milchquote etwa, mit der die Milchproduktion künstlich klein gehalten wird. Stahlberg glaubt, dass, wer gute Qualität herstellt, immer Abnehmer finden wird. Doch grundsätzlich ist er der Meinung: "Ohne Subventionen kann die Landwirtschaft nicht existieren."Einer, der sich gerade von einem Brandenburger Bauern in einen Global Player verwandelt, würde wohl anders sprechen. Vielleicht will man sich in Kranepuhl den Weltmarkt auch ein gehöriges Stück vom Leib halten, sich schützen vor einer Welt, in der die Weizenpreise genauso gespannt verfolgt werden wie die Ölpreise.Diese Welt passt nicht nach Kranepuhl, wo der Chef seine Buchhaltung in Plastikhüllen auf dem Schreibtisch aufbewahrt und im Haushaltsplan das jeweilige Jahresziel mit Bleistift einträgt - damit er es bei Bedarf nach unten korrigieren kann, wenn es mal nicht so gut läuft. In der Marktwirtschaft gebe es doch immer mal ein Oben und ein Unten, sagt Stahlberg, und "ein bisschen Marktwirtschaft machen wir hier schon".Er klingt, als ob es mehr gar nicht werden müsste. Und als ob er sich sicher ist, auch in Zukunft gut mit dem zurechtzukommen, was er sein Erfolgsgeheimnis nennt: nicht an der Technik sparen, Vorausdenken, Rücklagen bilden und immer mal wieder klug etwas anlegen. In der Praxis heißt das: mal lieber hundert Tonnen Getreide als Sicherheit behalten. Oder abwarten und erst dann verkaufen, wenn die Preise am höchsten sind. Düngemittel sofort in großen Mengen kaufen, wenn die Händler einen guten Preis machen. In eine Melkanlage investieren, die per Halsband erfasst, wie viel Milch jede Kuh gibt, und die Ställe so großzügig anlegen, dass die Tiere möglichst viel Platz haben. "Hören Sie mal, wie still es hier ist, bei mehr als tausend Tieren", sagt Stahlberg, als er durch eine der Hallen führt, in denen das Vieh steht. "Zufriedene Rinder muhen nicht."Bauern sind, mehr als viele Menschen in anderen Berufen, dem Ort verbunden, an dem sie arbeiten. Für sie ist wichtig, wie das Wetter wird, wie trocken der Boden ist und wann es Frost gibt. Bauern und der Weltmarkt, das wird wohl nie ganz zusammenpassen. Der Bauer Hartmut Schulze spricht von der Natur, wenn er seinen Beruf beschreibt: "Unterm Dach kann jeder produzieren, aber unter freiem Himmel, das ist jeden Tag eine neue Herausforderung." Und Maik Nowakowski, 21, ehemaliger Lehrling und jetzt fest dabei, sagt schlicht: "Ich bin gern draußen."In einem großen runden Becken kann man allerdings doch beobachten, wie globale Phänomene ihre Wirkung zeigen in Kranepuhl.Durch zwei runde Fenster in der Beckenwand sieht man cremefarbene Bläschen, die auf einer braunen Masse schwimmen. Methangas auf Gülle und Mais, hier entsteht Biogas. 180 Kilowattstunden Strom speist die Anlage jeden Tag ins Stromnetz, 17 Cent pro Kilowattstunde bekommt die Produktivgenossenschaft. 750 000 Euro hat die neue Biogasanlage gekostet, frühestens in sechseinhalb Jahren wird sich die Investition gelohnt haben.Ein Teil der Maisernte wird nun in das runde Becken gekippt und nicht wie bisher aufs Futterförderband im Stall. Biostrom ist im Kommen, die Erderwärmung macht die Menschen umweltbewusster und klimaschonende Energie wichtig. Von dem Boom will auch die Produktivgenossenschaft etwas haben. Irgendwie steckt also der Klimawandel dahinter, wenn auf dem Hof in Kranepuhl eine eher schlecht riechende Masse vor sich hin blubbert. Die globalen Probleme sind schon da. Und vielleicht kommt ja irgendwann auch der Weltmarkt an.------------------------------"Ein bisschen Marktwirtschaft machen wir hier schon." Erhard Stahlberg, Bauer in Brandenburg------------------------------Foto: "Wir wissen, wie es den Bauern wirklich geht" - Erhard Stahlberg, Vorstandsvorsitzender der Produktivgenossenschaft in Kranepuhl, und einige seiner 3 000 Rinder.

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