9/11-Spezial

Erinnerungen an 9/11: Die Reaktionen unser Leserinnen und Leser

Unsere Leserinnen und Leser wurden gefragt, ihre Erinnerungen an 9/11 mit uns zu teilen. Die Zahl der Einsendungen war überwältigend. Die Zuschriften.

Tomasz Kurianowicz Die Leserinnen und Leser der Berliner Zeitung
1 hr
Wolfgang Koch in New York. Der Leser hat uns eines seiner privaten Fotos zur Verfügung gestellt.

Wolfgang Koch in New York. Der Leser hat uns eines seiner privaten Fotos zur Verfügung gestellt.

© Privat


Ich saß an diesem Tag am Schreibtisch und arbeitete am Computer. Im Nebenraum lief der Fernseher, in dem eine Bundestagsdebatte übertragen wurde, der ich mit halbem Ohre zuhörte. Als ich bemerkte, dass der Ton weg war, ging ich in den Raum und sah statt des Plenarsaals den brennenden Turm des World Trade Centers. Es kann sein, dass zu diesem Zeitpunkt schon beide Türme brannten. Mir stockte der Atem, war ich doch noch im April dieses Jahres als Leiter einer Jugendbegegnungsreise in New York und besuchte den Aussichtsbereich. Wenn ich dort oben stand, wo die Fenster bis auf den Fußboden gingen und man sich direkt an die Scheibe setzten konnte, waren die Flugzeuge der drei umliegenden Airports JFK, LaGuardia und Newark gut zu sehen. Hoffentlich kommt keines mal von der Flugroute ab, waren bei den vielen Besuchen in New York immer wieder meine Gedanken, schließlich flogen sie nicht viel höher als das WTC in den Himmel ragte.

Die Wochenendausgabe
Berliner Verlag

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Am 11./12. September 2021 im Blatt: 
Wo warst Du? 20 Jahre nach 9/11: Unsere Leserinnen und Leser erinnern sich

Street-Style bei der Fashion Week: Das trägt Berlins Mode-Avantgarde wirklich

Auto oder Fahrrad, Christian Lindner? „Taxi.“ Das Interview mit dem FDP-Chef

Hinkelsteine und Pflanzenkübel: Der Bergmannkiez kämpft gegen Autolärm – und seine Anwohner?

Wo knutscht es sich diskret? Unsere Autoren kennen Berlins beste Orte fürs Date

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Am 11. September 2001 hatte ich Tickets für das Renaissance-Theater. Der Berliner Sänger und Autor Klaus Hoffmann wollte in einer Lesung sein Buch „Afghana“ vorstellen, mit Musik aus seinem neuen gleichnamigen Album. Zwei Stunden vor Konzertbeginn erreichte mich die Nachricht, dass es ausfallen werde, so wie alle Veranstaltungen an diesem Abend. So beobachtete ich bis spät in die Nacht das Fernsehprogramm mit dem inzwischen völlig übermüdeten Ulrich Wickert. Immer wieder wurden die Bilder von den Flugzeugen gezeigt, die in die Türme rasten.

Dass dies der Beginn eines großen Konfliktes sein würde, war allen klar. Dass daraus ein 20-jähriger Krieg in Afghanistan wurde mit Tausenden weiterer Opfer, konnte ich an diesem Abend noch nicht abschätzen. Die Ereignisse dieses Tages haben sich ins Gedächtnis gebrannt. In den Jahren danach habe ich immer wieder New York besucht und stand fassungslos vor Ground Zero. Zehn Jahre lang war ich nicht mehr in New York. Jetzt bin ich 72 und hoffe es noch zu schaffen, mir das neue World Trade Center ansehen zu können.

Wolfgang Koch, Berlin (oben sehen Sie ein Foto von unserem Leser in New York)


Aus meinem Arbeitszimmer ging der Blick hinunter zur Insel Mainau. Aber nicht an diesem Tag, da hing er gebannt am Bildschirm fest. Auch an die Arbeit dachte ich überhaupt nicht. Stattdessen war da das deutliche Gefühl: die Geschichte ist zurück. 12 Jahre, nachdem meine Mannschaft den Kalten Krieg klanglos verloren hatte, war schlagartig klar: Fukuyama lag falsch, das war nicht das Ende der Geschichte. Sehr aufwühlend damals, diese plötzliche Einsicht, und noch immer präsent.

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M. U., Dresden


Als Angehöriger des Landeskriminalamtes Berlin wurde ich von August 2001 bis August 2002 zur United Nations Interim Administration Mission im Kosovo abgeordnet. Ich versah dort meinen Dienst bei der Special Operations Division in der Close Protection Unit. Der Gesamteinsatz basierte auf der UN-Resolution 1244 vom 10. Juni 1999, die den UN-Generalsekretär zum Aufbau einer Interims-Zivilregierung bevollmächtigte. Dazu sollten neben der militärischen Komponente (KFOR) auch 4.500 Polizeibeamtinnen und -beamte beitragen. Unsere Dienststelle befand sich etwas außerhalb Pristinas, in einem speziell gesicherten Bereich. Dort waren alle Spezialeinheiten in mehreren Compounds untergebracht. Ich habe es als eine große persönliche Bereicherung empfunden, mich in diesem multinationalen Einsatz einbringen zu können.

Unsere Einheit bestand überwiegend aus westeuropäischen und amerikanischen Kolleginnen und Kollegen. An diesem 11. September 2001 hatte ich um 8 Uhr Dienstbeginn. Die Kommandoführer trafen sich zu einem kurzen Briefing und die Operator genossen eine Tasse Kaffee im Aufenthaltsraum. Auf dem ständig flimmernden Flatscreen lief meistens CNN, weil sich die zahlenmäßig größere Gruppe der Floridaboys durchgesetzt hatte. Gegen 08:46 Uhr wurde die aktuelle Berichterstattung unterbrochen und es wurden Live-Bilder aus New York von den Twin Towers gezeigt. Als wir zusehen mussten, wie das erste Flugzeug einschlug, erstarrten alle im Raum wie zu Salzsäulen. Wir sahen uns alle ungläubig an und konnten die Tragweite dieses Terroraktes noch gar nicht fassen. Ich musste dann selbst zu einem Einsatz und ließ meine Kollegen mit dem Schmerz, der Fassungslosigkeit zurück.

Kurz nach Verlassen der Dienststelle informierte man uns über Funk, dass ein 2. und 3. Flugzeug entführt wurden. Mir wurde klar, dass die Geschehnisse in den USA auch Auswirkungen auf unsere Tätigkeit hier vor Ort haben würde. Als wir nach unserem Einsatz zurückkehrten, war der Aufenthaltsraum voll und alle starrten auf die schrecklichen Bilder der hilflosen Menschen, die sich aus den Towern in den Tod stürzten. Gegen 16 Uhr sollten alle verfügbaren Kräfte abmarschbereit in den Fahrzeugen sitzen.

Der Auftrag lautete, ein Gebäude und die sich darin aufhaltenden Mitarbeiter des State Departments zu sichern. Die Sicherheitsstufen für amerikanische Personen und Einrichtungen im Ausland wurden sofort erhöht, da man mit weiteren Anschlägen rechnete. Wir wurden dann nach 36 Stunden herausgelöst. Mein Mitbewohner Lance (s. Foto) kam vom LAPD aus Kalifornien. Wir saßen zusammen, tranken ein paar Dosen Bier und er ließ seiner Wut und dem Schmerz freien Lauf. Ich tat was ich konnte und hörte einfach zu. Im Januar 2002 beendete er völlig überraschend die Mission und kehrte in die USA zurück.

Leider habe ich nie wieder mehr etwas von ihm gehört. Der Einsatz im Kosovo dauert seit 22 Jahren und ein Ende ist leider nicht in Sicht. 2009 wurde ich vorzeitig pensioniert und danach habe ich seit 2010 regelmäßig Afghanistan bereist. Ich konnte mich davon überzeugen, wie internationale Hilfsgelder in die Taschen der Warlords und von korrupten Politikern floss. Oder wie Flüchtlingscamps ohne Fenster und Türen, ohne Wasser- und Stromanschluss und ohne jegliche Infrastruktur in die weiten Afghanistans gebaut wurden.

Mit freundlichen Grüßen, Christian Tatarzycki


Es war ein wunderbarer, für die Jahreszeit ungewöhnlich sonniger und recht warmer Tag; mein Freund schaute in den Fernseher und kommentierte dort unwirklich erscheinende Bilder von den Einstürzen des World Trade Center. Das mich übrigens nie sonderlich interessiert hatte. Dass aber so viele Menschen dort täglich zur Arbeit aus- und eingingen und auf ihre Sicherheit in den Türmen vertrauten, war mir auch nicht bewusst; bis zu dem Zeitpunkt, als die rapide zunehmende Zahl der Toten genannt wurde.

Ich erinnere mich, dass ich mich bei den recht präzis und zeitgleich gesendeten Bildern wunderte, wer so schnell die passenden Kamera-Teams und die für die weltweite Übertragung notwendigen Geräte in Stellung gebracht hatte. Sehr schnell schon waren in all dem gezeigten Chaos und in den zahlreichen Berichten der Dauer-Übertragungen im Fernsehen Namen der Attentäter genannt worden und dass einige von ihnen in der Stadt, in der ich zu dem Zeitpunkt lebte, gewohnt und studiert hatten. Viele anscheinend unzweifelhafte Hintergrund-Informationen, die jetzt in kürzester Zeit feststanden.

Wer hatte denn rechtzeitig vor allem das zweite Flugzeug gefilmt, das dann in den Nachbar-Turm flog und warum schaute es am anderen Ende noch ein bisschen heraus, statt total zerstört schon im Inneren des Towers verblieben zu sein.

Der Podcast „Wo warst Du?“
Berliner Verlag

Der Podcast „Wo warst Du?“

Anja Reich und Alexander Osang leben am 11. September 2001 mit ihren Kindern in New York. Der Tag beginnt wie jeder andere. Dann schlagen die Flugzeuge ins Word Trade Center. Osang, Reporter beim Spiegel, rennt zu den brennenden Türmen, Reich bleibt bei den Kindern. Bald brechen alle Verbindungen ab…

Erst Jahre später erzählen sie einander, was sie am Tag des Terrors erlebt haben. Daraus wird ein Buch, das es nun als Hörbuch gibt, gelesen von den Autoren: 9/11 - Ein Paar, zwei Erzählungen. Sechs Folgen - ab 6. September 2021 auf allen Podcast-Portalen und auf www.berliner-zeitung.de/podcast

Eine Produktion von Berliner Zeitung, Der Spiegel und radioeins.

Natürlich erfasste mich eine große Traurigkeit, ein panischer Schrecken, während das Fernsehen zeigte, wie Menschen auf dem Dach des noch eine kleine Weile intakt gebliebenen Turms standen und – so wurde berichtet – von dort noch mit dem Handy Abschiedsgespräche an ihre Lieben zu führen oder vielleicht wenigstens eine letzte Nachricht im Angesicht des sicheren Todes zu senden. Dann Menschen, die aus größer Höhe aus den Fenstern herausfielen, offenbar um nicht im brennenden, schon erzitternden Turm verbrannt und zermalmt zu werden.

Bis heute ist es schwer zu vermuten, dass über 3000 unschuldige Menschen sterben mussten, damit ein Krieg um Rohstoffe und Macht in anderen Teilen der Welt legitimiert werden konnte. Was ist allen Verantwortlichen ein Menschenleben wert? Warum werden in der kompletten Intransparenz und der Weigerung einer glaubhaften Aufarbeitung des Geschehenen die wahren Verantwortlichen nicht genannt?

Warum konnten Saudi-Arabische hochgestellte Familien trotz der internationalen Sperrung des Luftraums noch ungehindert ausreisen? Was geschah wirklich beim Pentagon? Wo ist das zum Absturz gebrachte Verkehrsflugzeug, wo sind Spuren davon an der berichteten Absturzstelle? Alle Fragen und Vermutungen wurden von den damals noch nicht (wie heute) komplett gleichgeschalteten Qualitätsmedien umgehend als „Verschwörungstheorien“ abgetan und unterdrückt.

Zuückgeblieben sind bei mir eine große Traurigkeit, ja Verzweiflung über die vielen Schicksale der „Geopferten“, die extreme Materialvernichtung im Zusammenhang mit diesem Coup und der komplette Verlust meines Vertrauens in eine USA, in der ich Verwandte und Freunde habe, die dort gerne leben und die an die Überlegenheit ihrer Nation und die Güte ihrer politischen Führer glauben.

Wenn mich heute (auch im Lichte der weltweiten „Pandemie“-Maßnahmen bzw. -politik) jemand als „Verschwörungstheoretikerin“ einordnen wollte, würde mich dies nicht beeindrucken. Ich würde entgegnen, dass ich eine entschiedene „Verschwörungsgegnerin“ bin, noch mehr als einige Zeit nach dem medialen „overkill“ am 11. September und danach. Jetzt erst recht.

Freundliche Grüße, Lilija Stöppler


Der 11. September 2001 war für mich als Schülerin einer 8. Klasse ein ganz normaler Schultag an einem Gymnasium im Osten von Berlin. Auf meiner längeren Fahrt nach Hause in den Speckgürtel habe ich mich auf meine Anime-Sendung im Fernsehen gefreut - kurz abschalten, bevor die Hausaufgaben und das Vorbereiten auf den nächsten Schultag anstehen. Zu Hause war ich dann ernüchtert und verstand nicht, wieso Nachrichten liefen. Immer wieder wurde die Situation gezeigt, in der das zweite Flugzeug in den zweiten Turm flog und ich fragte mich, wieso das normale Fernsehprogramm für einen neuen Actionfilm abgeändert wird.

Ich schaltete den Fernseher nach wenigen Minuten aus, als kurz darauf mein Vater völlig aufgeregt nach Hause kam und fragte, ob ich die Nachrichten schon gesehen hätte. Dieses Gefühl und diesen Moment vergesse ich bis heute nicht. Die Erkenntnis, dass diese Bilder real und kein Trailer waren, haute mich damals um. So verbrachten zunächst mein Vater und ich und etwa zwei Stunden später auch noch meine Mutter den Nachmittag und Abend ungläubig auf dem Sofa und schauten uns alle Nachrichtensendungen dazu an. Verwundert hat es mich, dass es am nächsten Schultag kaum mit uns Schülerinnen und Schülern darüber gesprochen wurde. Etwas, was ich heute als Lehrerin bewusst anders mache und dabei denke ich immer noch an diesen Nachmittag und dieses Gefühl von vor 20 Jahren zurück.

Franziska Herms


An diesem Tag war ich mit der Personalchefin meines damaligen Arbeitgebers (bundesweit tätiges Unternehmen der Sozialwirtschaft) in einer Kindertagesstätte in Bergfelde. Anlass war eine Mitarbeiterinnenversammlung.

Ich war in der Funktion als Vorsitzender Mitarbeitervertreter mit der Personalchefin zur Versammlung geladen, um den Mitarbeiterinnen den angestrebten Wechsel aus der kommunalen Verantwortung in ein betriebswirtschaftliches Unternehmen zu erklären, Ängste bei einem in Aussicht genommenen Betriebsübergang zu nehmen. Das bedeutete im Einzelnen die Arbeitsfelder des vermutlich neuen Arbeitgebers aufzuzeigen, arbeitsrechtliche Bedingungen, insbesondere die zukünftige Lohngestaltung zu erläutern und vieles mehr.

Nach der Versammlung begab ich mich mit der Personalleiterin in deren Auto (ca. 11 Uhr), um nach Berlin zur Geschäftsstelle zu fahren. Das Radio wurde in Betrieb genommen. Sogleich wurde nach den ersten Sätzen klar, dass etwas geschehen ist, was bisher in dieser Wucht und Tragik nicht erlebt wurde. Die Radiobotschaften waren noch nicht eindeutig, denn mit Sicherheit konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht eindeutig geklärt werden, ob ein Attentat stattgefunden hat oder ob ein Unglück Ursache der sich andeutenden Katastrophe vorlag.

Die eintreffenden Meldungen aus dem Studio oder die Live-Berichte aus den Staaten oder anderer Länder überschlugen sich. Es verbreitete sich die Meinung, dass Tausende Menschen Opfer geworden sind. Geschildert wurden die vergeblichen Bemühungen in das Studio zur Berichterstattung zu kommen.

Die Rückfahrt von Bergfelde nach Berlin verlief meiner Erinnerung nach fast stumm. Ab und zu Worte wie „das darf doch nicht wahr sein“, „Was wird das in der Welt auslösen, wenn es ein Attentat war?“ und so weiter.

Es kristallisierte sich heraus, dass es offensichtlich nicht nur ein, sondern mehrere Anschläge waren, denn die Nachricht, dass das Pentagon ebenfalls Anschlagziel war, wurde bestätigt. Mich hielt die Berichterstattung so fest im Griff, dass ich die Personalleiterin bat, mich zu Hause abzusetzen und mich nicht mit zur Geschäftsstelle zu nehmen. Ich wollte nicht nur Worte zu den Anschlägen hören, sondern ich wollte Bilder sehen. Ist das alles wirklich wahr?

Zu Hause schaltete ich den Fernseher ein und sah die entsetzlichen Bilder, die Rauchwolken, die Lichter und Sirenen der Feuerwehr und der Polizei, die Aufgeregtheit und doch Sachlichkeit der Journalisten hier und in Amerika. Sehnsüchtig wartete ich auf meinen Sohn, der vom Zivildienst kommen sollte, damit ich jemanden Vertrauten in meiner Nähe hatte und mit ihm diesen einschneidenden Tag in der Geschichte durchleben konnte.

Das sind meine Erinnerungen zum 11. September 2001. In den Jahren danach besuchte ich New York. Schaute mir das damals noch leere Grundstück des World Trade Centers an und ließ meine Gedanken zurückwandern. Weitere Jahre später besuchte ich einen Freund in Alexandria (Virginia) in der unmittelbaren Nähe des Pentagon. Gemeinsam dachten wir noch einmal zusammen an diesen denkwürdigen Tag und die vielen toten Menschen. Mit ein paar Jahren Abstand konnten wir aber auch nachspüren, was sich in der Welt verändert hatte. Der Irak-Krieg, weitere Attentate in Madrid und so weiter.

Siegfried Vix


Meine langjährige Freundin würde am Abend ihren 40. Geburtstag feiern, mein Mann und ich freuten uns auf eine fröhliche Feier. Bis dahin besuchte ich meine Schule, bildete mich gerade weiter. Mitten im Unterricht am Nachmittag erhielt ich eine SMS von meiner Schwester. Den Inhalt der Nachricht vergesse ich nie: „IN NEW YORK BRENNEN DIE ZWILLINGSTÜRME. SCHRECKLICH.“

Uns verband eine besondere Erinnerung an diesen Ort, im Hotel Marriott World Trade Center teilten wir uns während unseres ersten Amerikaurlaubs im Frühjahr 1995 ein Zimmer. New York war ein endlich in Erfüllung gegangener Traum, bis zur Wende für uns unerreichbar. Zwei Jahre später stand ich mit meinem väterlichen Freund sogar auf der Aussichtsplattform des Nordturms, beseelt von dem Blick über die Stadt.

Nach Erhalt der Nachricht, inzwischen bestätigt durch Radio und Anrufe, wollte ich nur noch nach Hause. Ein Gefühl von Angst machte sich in mir breit, sehr intensiv, aber auch surreal. Ich nahm die U- Bahn. Nie zuvor, nie mehr danach habe ich erlebt, dass es im Waggon absolut still war. Alle schauten stumm auf die kleinen Bildschirme und die sich ständig aktualisierenden Nachrichtenlaufbänder. Zuhause saßen wir stundenlang vor dem Fernseher und versuchten, zu verstehen, was nicht zu verstehen war.
Die Feier fiel aus.

Anke Lüth


Manchmal gibt es Tage im Leben, da spielt sich eine kleine, eher unspektakuläre Geschichte ab, die bis zum Lebensende untrennbar mit einem Ereignis historischen Ausmaßes verbunden sein wird, das sich offensichtlich rein zufällig an demselben Tag ereignet.

An diesem, wie es schien, ganz normalen Wochentag hatte unsere Freundin Birgit zwei tatkräftige Männer aus ihrem Freundeskreis eingeladen, um eine überflüssige Couch abtransportieren zu lassen. Die Vertrautheit zwischen Birgit und ihrem aktuellen Freund Uwe hatte ein Level erreicht, welches zukünftig die gemeinsame Nutzung von Birgits Wohnung zu rechtfertigten schien. Deshalb musste etwas Platz geschaffen werden. Freund Uwe wollte seine Wohnung nördlich der Bernauer Straße aufgeben und nur das Nötigste in Birgits Wohnung in die Strelitzer Straße mitnehmen.

Als wir, die beiden tatkräftigen Männer, nachmittags bei Birgit eintrudelten, war Uwe noch nicht zugegen. Wir tranken Kaffee und beobachteten währenddessen entgeistert, wie im Fernsehen die Türme des World Trade Centers in New York in sich zusammenfielen. Die Einschläge der Flugzeuge in die beiden Türme und die wieder und wieder eingespielten Sequenzen vom Einsturz der riesigen Gebäude wirkten gespenstisch und völlig unwirklich. Nur einer Tatsache waren wir uns wirklich sicher: Hier läuft kein Film von Roland Emmerich!

Irgendwann drängte ich zum Aufbruch. Die Zeit lief uns davon, unser angemietetes Transportfahrzeug musste wieder abgegeben werden. Wir verluden die Couch. Da wir einen so geräumigen Transporter hätten, wäre es doch eine gute Gelegenheit, noch ein paar Kleinigkeiten aus Uwes Wohnung abzuholen, überzeugte uns Birgit. So fuhren wir zu dritt zu Uwes aktueller Bleibe und Birgit führte uns durchs Treppenhaus hinauf zu einer der höher gelegenen Etagen. Unser erster Eindruck beim Blick ins Innere der Wohnung: Auf Um- oder Auszug deutet hier nichts hin! Alles schien an seinem gewohnten Platz zu stehen, keine einzige gepackte Umzugskiste weit und breit, dafür Autoreifenstapel in der Küche.

Aber wir hatten uns hier nur um ein Sitz-, Schlaf- und Liegemöbel zu kümmern, welches Uwe offensichtlich besonders ans Herz gewachsen war. Auch die Umzugswürdigkeit des Teils hatten wir nicht zu beurteilen, wir sollten es nur transportieren. Eben wollten wir Hand anlegen, da wies Birgit noch auf eine alte Waschmaschine im Bad hin, die es, die Gelegenheit beim Schopfe packend, zu entsorgen gelte. „Na, wenn das so ist, dann erst die schweren Teile“, waren sich die beiden tatkräftigen Männer einig.

Wo nur Uwe bleibt? Die Waschmaschine stand noch voll im Saft, kein Anschluss war getrennt. Werkzeug wäre hilfreich gewesen. Nachdem wir die Demontage des Gerätes auch ohne Einsatz angemessener technischer Hilfsmittel vollzogen hatten, begann die Restlauge des letzten Waschgangs ungehindert auszulaufen. Mit jeder Bewegung der Maschine, schwappte uns ein Schuss Lauge auf und vor die Füße. Im Treppenhaus, bereits auf dem ersten Zwischenpodest bekamen wir dicke Hälse. Ein dritter Mann musste her.

Wir begaben uns nach unten vor die Haustür, um nach einem potentiellen Träger Ausschau zu halten. Allahs Zorn auf die westliche Zivilisation hatte sich heute schon am anderen Ende der Welt entladen. Uns war das Glück holt. Ein neugieriger, hilfsbereiter Zeitgenosse griff uns bei der Verladung des ausgedienten Waschautomaten sowie der sperrigen Liegenkonstruktion selbstlos unter die Arme.

Als hätte er sich hinter der nächsten Häuserecke bis eben versteckt gehalten, um den erfolgreichen Abschluss des Ladevorgangs zu beobachten, tauchte im selben Moment der gehetzt wirkende Uwe auf. Die Zeit drängte. Um die umweltfreundliche Entsorgung der ausgesonderten Waschhilfe sowie der Couch noch vor Toresschluss beim Recyclinghof in den Griff zu bekommen, folgten die beiden tatkräftigen Männer in ihrem gemieteten Kleintransporter auf einem wilden Zickzackkurs dem in seinem PKW vorauspreschenden Uwe. Mit Erfolg, auch die sperrige Sitz-, Schlaf- und Liegegelegenheit gelangte wohlbehalten in die Strelitzer Straße. Nach Integration des Möbels in die bereits gut gefüllte Wohnung überließen wir Birgit und Uwe sich selbst. Mit dem heutigen Tag würde ein neues Kapitel in ihrem gemeinsamen Leben beginnen.

Aber wie sollte man diesen eigentümlichen Tag grundsätzlich einordnen? In einem Biergarten in Friedrichshain tranken zwei tatkräftige Männer noch ein Bier. Es gab nicht mehr viel zu besprechen. Ein etwas chaotischer kleiner Umzug innerhalb Berlins lag hinter ihnen. Im Kopf hatten sie die Bilder von einstürzenden Neubauten in New York. Beginnend mit dem heutigen Tag würde die Welt insgesamt eine andere sein.

Mit freundlichen Grüßen, Wolf-Dieter Blankenburg


Wie viele Menschen, weiß auch ich, wo ich an diesen Tag war. Ich war im Büro. Es war so gegen 15:00 Uhr unserer Zeit. Da rief die Frau von meinem Chef an und war sehr aufgeregt. Ich dachte erst, es ist etwas mit der Familie. Nach dem Gespräch kam mein Chef aus seinem Büro gerannt und erzählte uns, ein Flugzeug ist auf das World Trade Center gefallen. Wir glaubten alle an einen Flugzeugabsturz. Dann sahen wir im Fernsehen (Internet gab es bei uns in der Firma noch nicht) die schrecklichen Bilder und wie ein zweites Flugzeug in das WTC flog. Da war uns klar, das ist ein Terroranschlag. Wie erstarrt saßen wir da, keiner von uns konnte sich mehr richtig auf seine Arbeit konzentrieren. Es war einfach nur furchtbar. Dann sagte einer von uns, es wird Krieg geben. Ich bekam Angst.

Liebe Grüße, Heike Franke


„America is under attack“, sagte der Pilot unseres Lufthansa-Flugs. „Wir dürfen nicht mehr landen. Der Luftraum von Amerika wurde gesperrt – kein Flugzeug darf mehr starten oder landen.“ Schreiende Stille im Flugzeug. Es war der 11. September 2001. Wir wussten nicht, was passiert war. Wir konnten es uns auch nicht vorstellen. Bilder gab es nicht. Terrorflugzeuge gegen das New Yorker World Trade Center – das war nicht vorstellbar.

Ich befand mich an Bord der Lufthansa-Maschine Richtung Miami. Ich sollte einen US-Luftwaffenstützpunkte besuchen. Auf mich warteten Interviewpartner auf US-Militärbasen im ganzen Land. Daran war jetzt nicht mehr zu denken. Der Flieger musste umkehren und in der Karibik einen Zwischenstopp machen. Niemand durfte vom Platz aufstehen. Es herrschte eine gespenstische Stille an Bord. Erst später konnte ich per Telefon meinen Partnern absagen, mein Lebenspartner Otfried Nassauer war erleichtert, als er meine Stimme hörte. Erst am nächsten Tag sahen wir uns wieder. Die Lufthansa hatte Taxis geordert. Per Taxi fuhr ich vom Frankfurter Flughafen nach Hause nach Berlin. Erst dann sah ich im Fernsehen die Bilder.

Fernseh-Journalistin Susanne Härpfer


Guten Morgen,

ja, der 11.09.2001. Vorneweg: Ironischerweise habe ich an diesen Tag meinen 14. Geburtstag gefeiert. (11.09, ist mein Geburtstag.) Ein Kumpel und ich hatten die ganze Zeit vorher gezockt und hatten das am Anfang gar nicht realisiert, dass dies alles in echt passiert. Wir dachten, das dies ein Film sei, waren „voll dabei“ – gespannt wie es weitergeht.

Nun, um es mal so auszudrücken, mein Geburtstag war dann nicht mehr so schön und lustig wie gedacht... Der geplante Tierpark-Besuch war dann natürlich nicht mehr drin, wir saßen nur noch vor dem Fernseher. Die Jahre darauf waren dann natürlich auch nicht mehr so schön, wenn gefragt wurde: „Was hast Du am 11. September an Deienm Geburtstag gemacht?“

Grüße Daniel Steger


Hallo, ich war wie viele in Deutschland am Nachmittag noch im Büro und bin meiner täglichen Arbeit nachgegangen. Als auf einmal die Meldung kam, ein Kleinflugzeug ist ins World Trade Center geflogen. Das war erst einmal überraschend. Ich bin dann bei meiner Kollegin im Büro gestanden und wir haben gemeinsam vor einem privaten Foto der Türme darüber sinniert, wie denn da ein Kleinflugzeug reinfliegen kann.

Nach einer Weile nahte der Feierabend und ich machte mich auf den Weg zu meinem damaligen Freund. Ich meine, dass in der Zeit die Meldung kam, dass das zweite Flugzeug in den nächsten Turm geflogen sei. So langsam wurde einem auch bewusst, dass es nicht nur ein kleiner Unfall war, sondern eine größere Katastrophe und in mir wuchs das mulmige Gefühl, dass der geplante USA-Urlaub, der zwei Wochen später stattfinden sollte, nicht nach New York gehen würde.

Bei meinen Schwiegereltern in spe angekommen sah ich zum ersten Mal die Bilder und war schockiert, auch darüber, wie dann nacheinander am Abend die Türme einstürzten. Somit war dann auch klar, dass ich mich am nächsten Tag darum kümmern müsste, dass wir unsere Reise stornieren und ggf. was anderes machen.

Ich versuchte, über Reiseveranstalter, Fluglinie und Reisebüro herauszufinden, was möglich ist. Eine völlig entspannte, aber auch überforderte Dame am Telefon der Lufthansa sagte mir wortwörtlich: „Ich solle mich nicht so anstellen, nur weil ein paar Häuser zusammengekracht sind, könnten wir ja in zwei Wochen immer noch nach New York fliegen.“ Circa 2 Stunden später purzelten alle Absagen und Stornierungsmöglichkeiten ein. Wir sind dann nach Korfu geflogen und die Griechenland-Liebe begann. Aber in 2008 ist es dann wahr geworden und ich habe endlich die wunderbare Stadt New York kennengelernt.

Danke und Gruß Jessica Metzner


Hallo, ich habe es auf der Arbeit im Radio gehört. Habe mich abends mit einem Bekannten getroffen. Haben im TV alles verfolgt. Seine sofortige Reaktion war, dass man dagegen mit Gewalt vorgehen muss. Ich war und bin der Meinung, dass Krieg und Gewalt nie eine Lösung sind. Heute wissen wir das leider. Deutschland hat 20 Jahre seine Sicherheit in Afghanistan verteidigt. Ich war von Anfang an dagegen. Habe leider recht behalten. Wem hat der Einsatz genutzt? So meine Erinnerung.

Tamara Völker


Damals war mein Kind, auf welches ich sehr lange gewartet hatte, gerade fünf Jahre alt, ich selbst 50 Jahre alt und berufstätig. Nachdem ich auf meiner Arbeitsstelle zufällig auf dem Fernseher wie gelähmt und voller Entsetzten sah, wie ein Flugzeug in den zweiten Turm raste und diesen zerstörte, stahl ich mich stillschweigend weg, holte schnurstracks mein Kind im Kindergarten ab, fuhr sofort zu „Aldi“ und kaufte dort 10 Kilogramm Mehl, Zucker, Cornflakes, Butter und Öl ein: Panik hatte mich ergriffen, ich wollte wenigstens mein lang ersehntes Kind retten bzw. ernähren, falls es zu Versorgungsschwierigkeiten oder sogar zu einem möglichen Krieg kommen sollte. Die Situation war zu diesem Zeitpunkt für mich total unübersichtlich, erschien surreal und war insgesamt angsteinflößend.

Ruth Neumeister


Eigentlich wollte ich eine Rundreise an Kanadas Ostküste machen. Montreal -Toronto – Quebec – Otawa. Die Reise war lange gebucht, die Freude auf den Canadien Summer schon sehr groß. Also ging es am 11.9. um 9 Uhr ab Tegel nach Amsterdam, um dort gegen 15 Uhr weiter zu fliegen nach Toronto. Ich sollte in Amsterdam am Flughafen auf eine Reisegruppe aus Stuttgart treffen, die ich an auffälligen Kofferanhängern erkennen sollte.

Da in Amsterdam komplett neu eingecheckt werden musste, habe ich die Gruppe bald erkannt und mich vorgestellt („Ach, da isch ja der Berliner“), und gemeinsam wurden wir dann eingecheckt. Da war es 11.30 Uhr. Boarding zum Weiterflug war um 14.30Uhr. Da ich in Berlin nicht viel gegessen hatte, bekam ich nun auch Hunger. Mit dem Gedanken, im Langstreckenflieger gibt’s ja nachher reichlich zu essen, also jetzt nur ne Kleinigkeit, suchte und fand ich in der Stadt, wo ich abenteuerlicher Weise mit einem Bus hinfuhr, einen von einem früheren Besuch in der Stadt bekannten Matjesheringstand, wo der Fisch mit Zwiebeln aus der Hand gegessen wird. Nach Dreien von der Sorte war es Zeit für den Rückzug zum Flughafen. Meine Gruppe aus Stuttgart erwartete mich schon, um gemeinsam durch die anstehenden Kontrollen zu gehen. Ohne langes Warten ging es dann schon zum Boarding.

Die Uhr zeigte auf 14.45., als sich der Flieger in Bewegung setzte und sich in die Startkolonne einreihte. Nach 20 Minuten Schleichfahrt zur Startbahn kam tatsächlich die Startfreigabe, also START!. Aber nach einer kurzen Startphase, wir ware so bei 150 Km/h, kam ein abrupter Bremsvorgang des Fliegers bis zum Stillstand. Erst Stille in der Kabine, dann sagte jemand was von „Kidnapping“. Daraufhin brach ein Gelärme und Gekreische aus, dass man die Durchsage aus dem Cockpit nicht verstehen konnte. Eine vorbeieilende Stewardess sagte mir, ein Sportflieger sei in New York abgestürzt, wir müssen warten. Dann, nach fast einer Stunde auf der Rollbahn, kam die Durchsage, dass ein Flugzeug einen Turm des WTC gerammt hat, der Luftraum der USA gesperrt wurde und wir wieder zurückkehren müssen. Vom Zweiten Turm war noch nicht die Rede.

Nun begann ein Chaos. Alle Flieger im Abflugmodus rollten zurück an ihre oder irgendwelche Gates, die aber oft noch besetzt waren. Flieger Richtung USA wurden zurückbeordert, Maschinen, die aus den USA kamen, landeten oder waren in der überfüllten Warteschleife.

Nach zwei Stunden Wartezeit konnten wir die Maschine verlassen, mit dem Hinweis, dass unser Gepäck auch entladen wird, und wir es vom Gepäckband mitnehmen müssen. In der Gepäckhalle stand eine unübersehbare Menschenmenge von gestrandeten oder gelandeten Passagieren, die alle ihr Gepäck suchten. Dazwischen völlig entnervte Flughafenmitarbeiter, dazu eine immer größer werdende Masse an zurückkehrenden Gepäckstücken.

Ein nicht zu beschreibendes und nicht beherrschbares Chaos. Tausende suchten ihre Gepäckstücke. Ich suchte nicht nur meinen Koffer, der auf einem der zehn Gepäckbänder gelandet sein muss, sondern auch meine Gruppe, von denen ich mir natürlich kein Gesicht gemerkt habe. Durch ganz großen Zufall habe ich dann doch einige der Gruppe und dann mit deren Hilfe auch meinen Koffer gefunden. Dass ich vorher schon leicht panisch wurde, ist sicher verständlich.

Das Chaos wurde noch untermalt durch die überall präsenten Monitore, die jetzt ununterbrochen den wahren Grund der entstandenen Situation zeigten: das zerstörte WTC. Unfassbar! Inzwischen war es schon spät abends, als sich unsere Gruppe über das weitere Vorgehen beriet. Das Naheliegendste war, den Reiseveranstalter anzurufen und zu informieren, um weitere Schritte festzulegen. Da dieser Anschlag am Nachmittag nach Mitteleuropäischer Zeit geschah, war der Stuttgarter Veranstalter besser informiert als wir und schon auf alles vorbereitet. Er hatte für uns schon einen Bus und zwei Hotels organisiert, wo unsere Gruppe übernachten sollte, um vielleicht am nächsten Tag fliegen zu können.

Nun war es an uns, den Bus zu finden. Also raus und unter den zahlreichen Bussen den Richtigen finden. Als ich das Flughafengebäude verließ, stand ich vor einer riesigen Videowand, auf der erst der eine, dann der zweite Turm des WTC zusammen sackte. Ich kann nicht beschreiben, was da in mir vorging. Es ist heute noch ein Gänsehautmoment, wenn ich davon erzähle. Alle standen wie versteinert vor dieser Wand, bis uns ein Bus die Sicht nahm. Der Bus hatte einen Zettel an der Frontscheibe: Gruppe Stuttgart / Berlin, es war unser Bus. Der verteilte uns dann in zwei schöne Hotels. Dort saßen wir noch lange bei Bier, Genever und einem kleinen Imbiss, um das Ungeheuerliche dieses Tages noch einmal zu rekapitulieren. Da hörte ich das erste mal den Namen „Bin Laden“!

Am nächsten Tag fuhr uns der Bus wieder zum Flughafen, falls der Flug doch noch nachgeholt wird. Wurde er aber nicht. Da habe ich mich von der Gruppe verabschiedet, denn für die war ein Bus nach Stuttgart unterwegs. Ich konnte kurzfristig mit einer Maschine zurück nach Berlin fliegen. Dort wurde ich von meiner aufgeregten aber erleichterten Familie in Empfang genommen. Der Reiseveranstalter hatte alle entstandenen Kosten übernommen und die Reisekosten anstandslos zurückerstattet. Somit konnte ich diese Reise ein Jahr später nachholen. Aber solche Erlebnisse in solchen Situationen gehen einem nicht mehr aus dem Kopf.

Ulrich Grocholl


Ich war von Ende August 2001 für vie Wochen in Montreal und wohnte in einem Hostel. Sowohl beim Hinflug als auch beim Rückflug hatte ich einen Zwischenstopp in New York. Während meiner Montrealzeit waren wir eine kleine Gruppe, bestehend aus Deutschen, Mexikanern, Brasilianern. Alle um die 20 Jahre alt. Und wir wollten an diesem Tag nach Quebec fahren. Am 11.09. trafen wir uns vor der Abfahrt zum Frühstück im Fernsehraum des YMCA-Hostels. Es liefen Nachrichten (ohne Ton), die wir so nebenbei sahen, aber dem nicht so viel Aufmerksamkeit schenkten.

Auf einmal schaute ich auf den Fernseher und meinte: „Oh mein Gott, wie krass!“ Alle schauten hin und meinten, wie schlimm, so ein schlimmer Unfall, o je, da sind viele Menschen umgekommen, so traurig. Tatsächlich war ein New Yorker Ausflug mit Begehung des WTC geplant.

Dann sind wir zu unserem Ausflug gestartet und erst spät in der Nacht wieder zurück gewesen. Am nächsten Morgen gab es (gefühlt in ganz Montreal) nur ein Gesprächsthema und da begriffen wir erst, es war kein Unfall. Ich glaube, wir hatten das schon als Unfall wahrgenommen und auch schon verarbeitet. Dass es nun ein Terrorakt war, war für uns unbegreiflich und wir haben uns damit nicht mehr beschäftigt.

Auf dem Rückweg nach Deutschland landete ich für einen Zwischenstopp auf dem JFK-Airport und da überrollte mich das Geschehene und ich fing das Ausmaß an zu begreifen. Ich war mehr oder weniger die Einzige auf dem Flughafen. Es war ein strahlender Tag, der Himmel war blau. Indian Summer. Ab und an sah ich ein bis zwei Stewardessen oder Flughafenpersonal. Besonders erschreckend war die gespenstische Stille im ganzen Gebäude. Kein Lachen, kein Geklapper von Geschirr, kein Duft nach Bagels oder Burgern, niemand rannte einen um, niemand redete, kein Handyklingeln, so wie noch oder nur vier Wochen vorher. Viele Absperrungen mit schweren, schwarzen Schleifen, rote Teppiche lagen auf dem Gangway und überall lagen Newspaper mit den Anschlagsbildern aus. Verschiedene Zeitungen illustrierten die Opfer, deren Geschichten, trauernde Eltern, Kinder, fassungslose Überlebende. Es fühlte sich apokalyptisch an und total surreal.

Ein Jahr später war ich für ein Jahr in Boston als Au-Pair. Ich lernte viele Familien kennen, die am 11.09.2001 ein Familienmitglied verloren hatten. Besonders eine Geschichte nahm mich sehr mit. Eine Familie (der Sohn der Familie ging in die selbe Primary-School wie der Junge meiner Hostfamilie) zog Anfang September 2001 von NY nach Boston/Belmont. Der Vater dieser Familie flog am 11.09. nach NY, um sein Büro zu räumen oder war schon auf dem Rückweg und saß in einem der Flugzeuge. Im Oktober 2002 saßen wir Open Air im Stadion. Als Flugzeuge über dem Stadion flogen, schauten alle nach oben und hielten die Luft an, selbst die Spieler.

Insgesamt habe ich 2002 die Stimmung an der Ostküste als sehr angespannt, gelähmt, verhalten und z.T. melancholisch empfunden. In San Francisco (Mai 2003) hingegen als sehr rassistisch und aggressiv. Viele Autos hatten den Aufkleber „First Irak, than Europe“, Hamburger, French Fries, French Dressing durfte nicht mehr so genannt werden. Sämtliche europäische, hauptsächlich französische (Wein, Käse) Produkte wurden nicht mehr gekauft. In Gesprächen hörte ich oft, wie enttäuscht man über Germany ist, weil sie sich so raushalten und Amerika nicht gut unterstützen und man könne nicht mehr auf Unterstützung jeglicher Art der Amerikaner hoffen: „Das habt ihr euch Deutsche verspielt“.

Viele Grüße, Susann Suchy


Ich war mit meiner Freundin im Urlaub in Ungarn, wir hatten soeben unsere Pension am Balaton bezogen und saßen in einem hübschen Weinlokal direkt am Ufer des Plattensees. Da erreichte uns eine SMS von der Tochter meiner Freundin, sie lautete: „Mutti, zwei Flugzeuge sind in das World Trade Center geflogen! Ist jetzt Krieg?“

Wir konnten es nicht glauben, schauten uns um. Alles war so friedlich. Die Menschen tranken ihren Wein oder Kaffee und schauten auf das Wasser. Niemand ahnte, welche Katastrophe sich in diesen Minuten in New York abspielte. Smartphones gab es noch nicht. Wir sind sofort zurück in unsere Pension geeilt und schalteten den Fernseher ein. Dort sahen wir das Grauen, stundenlang weinten wir, telefonierten mit der Familie in Deutschland und überlegten, den Urlaub abzubrechen. Diese schlimmen Emotionen von damals werden immer präsent sein und mit den Erinnerungen an diesen Tag, der sich nun zum 20. Mal jährt, werden sie wieder wach.

Es bleibt die Hoffnung, dass es niemals einen 3. Weltkrieg geben möge; die Hoffnung, dass die Vernunft in den Menschen siegen wird. Und die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Kerstin Woischnik


Am 11. September 2001, gegen 8:40 Uhr, befand ich mich an der Ecke 86. Straße und Central Park West in Manhattan, wo ich, wie jeden Tag, zur gleichen Zeit eine Zeitung kaufte. Der Zeitungsmann und ich bewunderten den klaren Himmel und die freundliche Sonne und entschieden, dass dieser Tag der schönste des Spätsommers werden würde.

Doch er wurde, wie sich in den folgenden zwei Stunden herausstellte, der schrecklichste Tag der Geschichte New Yorks und meines Lebens. Ich bin gebürtiger Duisburger, wohne heute in Berlin und hatte damals in New York als Journalist gelebt. Vom Terroranschlag erfuhr ich zuerst aus dem Radio, und vom Kollaps der World-Trade-Center-Türme auf der Straße, wo mir Tausende Menschen entgegen liefen. Die Subway hatte ihre Fahrten eingestellt. Leute versammelten sich an Hot-Dog-Ständen, um aus den Radios Aktuelles zu erfahren.

Restaurants stellten die Fernseher an und servierten kostenlos Getränke für alle, die nicht allein sein wollten. Eine Freundin von mir, eine Reiseführerin, zeigte Touristen oft die Stadt von der Aussichtsplattform eines der Türme aus. Es dauerte einige Stunden, bis ich sie ausfindig machte. An diesem Tage hatte sie dort keinen Termin. Ich werde nie den Mann vergessen, der mit seinem kleinen Sohn über den Broadway eilte und in die schweigende Nacht schrie, mehr aus Angst als aus Wut: „Jetzt muss dein Vater in den Krieg!“ Der Junge sah in Horror zu Boden. An Laternen und Ladenfenstern erschienen tausende Zettel mit Fotos, Menschen suchten Angehörige und hofften noch, sie zu finden.

Für einige Tage lief ich wie benommen durch die Stadt. An einigen Stellen, zum Beispiel am Washington Square, trat ich mehrmals auf die Straße, um mich davon zu überzeugen, dass die Türme wirklich weg waren. Bis heute muss ich mich abwenden, wenn ich die Bilder von den Flugzeugen sehe, wie sie in die Türme einschlagen.

Wichtig ist zu erwähnen, wie die New Yorker sich nach dem Anschlag verhielten: An hunderten Straßenecken hielt man Kerzenandachten ab, Nachbarn besuchten Nachbarn oder bekochten Feuerwehrstationen. Tausende ließen ihre Arbeit liegen und strömten zu der Katastrophenstelle, „Ground Zero“, um bei den Aufräumarbeiten ihre Hilfe anzubieten. Die New Yorker, die sonst Blickkontakt vermeiden, nahmen Fremde bei der Hand, wenn sie weinten, oder boten sich Plätze in der Subway an. Der Ruf nach Rache, nach Krieg, war hier, wo man für einen kurzen Moment selbst Kriegsschrecken erfahren hatte, am leisesten. In Boom-Zeiten fahren die New Yorker ihre Ellenbogen aus, jeder will der erste und schnellste und erfolgreichste sein und ist sich selbst der nächste, aber in Zeiten der Krise gibt es keinen Ort, an dem ich lieber wäre als in New York, denn an keinem Ort halten die Menschen besser zusammen, wenn die Katastrophe hereinbricht – damals wie heute.

Bernd Hendricks


Ja, ich brauchte recht lange, um die Wirrnisse in meinem Kopf zu ordnen, über die unmittelbare Betroffenheit und meine Anteilnahme hinausgehend. Die Lesung von Ulrich Mühe und Susanne Lothar aus der Bibel und aus dem Koran hatte ich noch im Kopf, vorgetragen seinerzeit im Schloss Neuhardenberg. Das war eine ganze Folge.

Eine Ausstellung zur Neuordnung Mitteleuropas schon vor Tausend Jahren unter selbstverständlicher Berücksichtigung verschiedenster Kulturen hatte ich noch aus Magdeburg im Kopf. Nun also dies. Ein Trauerspiel. Einige Wochen vergingen, da fanden sich Worte fast wie von selbst ein. Meine Hand schaffte es gerade noch, dem Fluss der Worte zu folgen: Sind die menschenverachtenden Anschläge von New York und Washington nicht die in unversöhnlichen Gegensatz gebrachten Prinzipien einer all zu großen Beständigkeit und einer alles überrennenden, blindwütigen Dynamik?

Auf der einen: etwas so tief „Verwurzeltes“, das starr und unbeweglich ist in sich selbst, immun gegenüber allen Umständen im Laufe der Zeit die Menschen: auf ewig eingebunden wie ein „Organ“ im großen Ganzen; auf der anderen: etwas, das sich erdabgewandt dem Himmel entgegenstreckt. Rasend, fernab jeglicher natürlicher Zeitempfindung, in unablässiger Veränderung, Zerstörung, Überformung alles Äußeren, aller Hüllen, begriffen, weil es sein Inneres nicht finden kann. Danke für Ihr Engagement.

Helmut Krüger


Wir hatten in Kladow eine Wohnung gekauft und am 1. September bezogen. Am 9. fuhr ich in die Stadt und hörte im Autoradio die Meldung vom Einschlag der ersten Maschine in einen der beiden Tower. Ich war gerade auf der Höhe der General-Steinhoff-Kaserne und dachte: „War das eine gute Entscheidung, so dicht neben einer Kaserne zu wohnen?“.

Dietmar Liste


Am elften September absolvierte ich im Rahmen meiner Ausbildung zur Chemielaborantin ein Praktikum der präparativen Synthese in dem Ausbildungslabor der Freien Universität Berlin. An dem Tag wurde eine Synthese unter Schutzgasatmosphäre durchgeführt, ein Versuch, der ständige Überwachung aus Sicherheitsgründen erforderte.

Plötzlich stürmte ein Ausbilder in das Labor und berichtete den anderen Kollegen von einem Flugzeug, welches in eines der Twin Tower geflogen sei. Alle Ausbilder und Schüler stürmten in sein Büro zum PC, jeder wollte es sehen. Eine einzige pflichtbewusste Dozentin schrie uns hinterher, dass wir die Apparaturen nicht verlassen dürfen. Sie blieb allein im Labor zurück. Alle starrten auf den PC, als das zweite Flugzeug in das WTC einschlug. Mit diesem Einschlag war klar: Es ist kein Unfall, sondern gewollt.

Ein Anschlag in einer Form und einer Durchführung, wie ihn die Welt bisher noch nicht erlebt hatte. Auf meinem Heimweg gab es kein anderes Thema in Bus und Bahn, Menschen telefonierten, redeten miteinander, es war die Stimmung einer kollektiven Betroffenheit, die mir in Erinnerung ist, die den Anschlag erscheinen ließ, als ob dieser in Berlin und nicht 10.000 Km entfernt war.

Noch heute weiß jeder in meinem Bekanntenkreis genau, was er/sie an dem Tag getan hat. Plötzlich wusste jeder, was islamistische Glaubenskrieger sind, dass es Afghanistan mit seiner verzweifelten politischen Situation gibt. Und jeder hatte das ungute Gefühl nach den Reden von Bush und den sofortigen Solidarisierungen aus Europa, dass dies der Beginn von etwas Schrecklichem ist. Diese Befürchtung bewahrheitete sich, Terror einer ganz neuen Qualität und Motivation trifft unvermittelt Zivilisten in ihren Alltag, schürt Hass und Vorurteile. Dazu ein Krieg in Afghanistan und ein Leben insbesondere für Frauen dort, welches überhaupt an Hoffnung für dieses Land zweifeln lässt.

Jule Tesch


Ich bin kein Schreiberling. Ich habe im Zweiten Weltkrieg viele Bombenangriffe erlebt.
Am 11.9.01 war ich schockiert, weil man Menschen im Flugzeug als Bomben benutzt hat.
Im Fernseher haben wir alles miterlebt. In meinem Holzschnitt habe ich das Ereignis festgehalten. Das Trade Center existierte nicht mehr. Die weiße Fläche zeigte, was nicht mehr vorhanden war. Meine Enkeltochter war vor Kurzem in New York und schickte ein Foto vom neuen Turm. Ich konnte ihn in meinen Holzschnitt auch wieder neu einbauen.

Harald Reibke


Meinerseits arbeitete ich gerade an der Vorbereitung einer Messeteilnahme meiner Firma. Und zwar an der Boradcast Messe IBC Amsterdam 2001. Ich hatte mich in meinem Büro abgeschirmt, um mich besser zu konzentrieren und hatte ein aufgeregtes Gespräch mit der Zimmerverwaltung dieser Messe. Weit und breit gab es null freie Übernachtungsmöglichkeiten. 

Einige Kollegen mussten ca. 150 Kilometer entfernt in Deutschland übernachten. Auf meine ungeduldige Nachfrage sagte auf einmal mein Korrespondent, er hätte nun eine Menge freie Zimmer. Und ich dachte, der verdeppert mich; nein, die Annulierungen aus den USA überschwemmten die Reservierungszentrale und als ich die Tür meines Büros öffnete, hörte ich nur entsetztes Geschrei durch die Firma und konnte kaum fassen, was passiert ist. Die Messe fand trotzdem statt, ohne die Amerikaner, die nicht ausreisen durften und das Messegelände sah wohl ziemlich traurig aus, da viele Aussteller  und Besucher absagten. Jahre danach habe ich einmal in einem alten gut illustrierten Buch geblättert über diverse Skryscraper und da stand drin: die Twin Tower sind architektonisch langweilig und werden  nicht in die Geschichte eingehen. Bis heute kenne ich niemanden, der sich nicht an sie erinnert.

Beste Grüße aus dem französischen Elsass, Michèle Obringer


Nein Mann und ich, Thomas und Barbara Wiegel, lebten von August 1999 bis Juli 2003 in New York City, in Manhattan, an der Upper West Side, zwischen der 66. und der 70. Straße, direkt am Hudson River. Der 11. September 2001 war sozusagen unser Bergfest. Wir haben diese vier Jahre für das Auswärtige Amt an der deutschen Ständigen Vertretung bei den Vereinten Nationen gearbeitet. Mein Mann als Leiter des Besucherbüros, ich im Büro unseres Vereinte-Nationen-Botschafters. An den 11.9.2001 erinnere ich mich noch, als wäre es gestern gewesen. Es war ein wunderschöner Spätsommertag, nicht zu heiß, nicht zu kalt. Blauer Himmel mit ein paar blassen Wölkchen, perfektes Wetter. Wir haben morgens ganz normal unseren Dienst angetreten und waren wie immer kurz vor 8.00 Uhr im Büro.

Der Botschafter war am Tag zuvor aus einem mehrwöchigen Heimaturlaub in Deutschland zurückgekehrt, hatte am 11.9. also seinen ersten Tag zurück im Büro, was normalerweise immer etwas mehr Hektik als sonst versprach. Unsere Arbeitsstelle befand sich im so genannten German House, an der 871 UN Plaza, schräg gegenüber vom Vereinte-Nationen-Sekretariatsgebäude. Mitten in Midtown, beste Lage. Ich hatte mein Büro im 21. Stock, von der Teeküche aus konnte man die oberste Spitze der Twin Tower sehen, obwohl diese sich ja doch ein ganzes Stückchen entfernt weiter südlich befanden. Als ich an diesem Morgen das Kaffeewasser aufsetzte, war mir nicht klar, dass ich schon ein paar Stunden später entsetzt vom Küchenfenster aus sehen sollte, wie die Spitze der Twin Tower, die man eben noch sehen konnte, in sich zusammen sank und in einer Riesenstaubwolke aufging.

Man hat ja so seine Routine morgens im Büro: Jacke ablegen, aufhängen, Handtasche abstellen, alle Knöpfe anschalten und die Geräte hochfahren lassen, den Anrufbeantworter abhören, einen schnellen Blick über die Post werfen, Kaffee kochen, kurz mit den Kollegen schnacken. Als ich dann nach 30 bus 40 Minuten endlich am PC saß, einen Blick in die Mails geworfen und die ersten Zeilen geschrieben hatte, rief meine Kollegin aus dem Büro des Generalkonsuls im 7. Stock an und fragte, ob ich denn die Nachrichten auf dem TV sehen würde, es wäre gerade ein Flugzeug in die Twin Tower geflogen. Sie sprach von einem Sportflugzeug, das Wort „Palästina“ fiel auch, ich konnte mir zunächst keinen Reim darauf machen.

Ich ging dann ins Büro des Botschafters, der noch gar nicht angekommen war und habe versucht, den Fernseher dort zum Laufen zu bringen. Leider gab es nur Schneesturm, irgendwas war mit dem Empfang nicht in Ordnung. Ich informierte die Hausverwaltung und kurze Zeit später war dann auch unser Hausmeister in der Fernsehecke zugange und versuchte, den Fernsehempfang zu reaktivieren. In der Zwischenzeit war dann auch der Botschafter eingetroffen und hatte natürlich auch ein Interesse daran, die Nachrichten zu verfolgen. Im Büro seines Stellvertreters lief der TV, also standen wir zunächst alle dort und schauten – buchstäblich – in die Röhre. Langsam wurde uns allen immer klarer, was da passierte. Als feststand, dass es sich um einen Terroranschlag handelte und noch weitere Flugzeuge von mehreren Tätern „missbraucht“ worden waren, fand dann auch eine erste Krisensitzung mit allen relevanten Persönlichkeiten unserer Vertretung oben in unserem Konferenzraum statt. In der Zwischenzeit hatte sich herausgestellt, dass es mit dem Fernsehempfang im Botschafterbüro wohl nichts mehr werden würde. Und der Hausmeister hatte den Fernseher im Flur auf den Boden gestellt, direkt neben dem Eingang zur Herrentoilette. Aus mir unerklärlichen Gründen befand sich dort auch eine Antennenbuchse und dort gab es auch Empfang. Dies führte dazu, dass an diesem Tag – ein Tag, an dem sich die Gemengelage der westlichen Welt so grundlegend geändert hat – der ständige Vertreter unseres Landes bei den Vereinten Nationen in regelmäßigen Abständen auf dem Flur vor der Herrentoilette anzutreffen war und sorgenvoll auf den auf dem Boden stehenden Fernseher hinabschaute.

Für uns brach mit diesem Tag eine sehr hektische Zeit an. Es folgten mehrere Wochen unregelmäßigen Dienstes – neben der eigentlichen Arbeit waren wir auch schichtweise immer zur Arbeit im Krisenstab eingeteilt, um die Kolleginnen und Kollegen des Generalkonsulats zu entlasten und eine Liste mit mehreren Tausend – in den ganzen USA – vermissten Deutschen nach und nach abzuarbeiten, so dass letzten Endes dann tatsächlich nur die „echten“ Opfer übrig blieben. Das Leben in der Stadt veränderte sich komplett – das Unbeschwerte, Leichte, der „Easy-going NY way of Life“, was wir bisher immer so geschätzt hatten, war ein Stück weit weg und es wurde ziemlich radikal das etabliert, was wir in der Folge immer den „Polizeistaat“ genannt haben.

Fahrzeugkontrollen an den Tunneln und Brücken, überall Polizei, misstrauische Blicke – es war merklich kühler geworden in unserer Stadt. Auch eine noch so sinnlose Kontrolle durch Polizisten in den darauffolgenden Monaten und Jahren durfte nicht hinterfragt werden, es wurde immer alles mit „Terrorabwehr“ begründet und damit waren alle Einspruchsmöglichkeiten des normalen Bürgers hinfällig.

Von unserem Wohn- und Esszimmer aus hatten wir einen direkten Blick auf den Hudson River (und den West Side Highway). Wenn man nach Süden schaute, konnte man bei klarem Wetter an der Südspitze der Insel in der Ferne die Twin Tower sehen. Nun blickten wir wochenlang auf eine Staubwolke – in den ersten Tagen wirklich riesengroß und so, als ob dort ein großes Feuer brannte, in der Folge dann immer dezenter, bis sie dann irgendwann ganz weg war.

Auf Spaziergängen durch den Financial District – als diese dann wieder möglich waren – schossen wir Fotos von verlassenen Straßenverkaufswagen, fingerdick mit Staub und Dreck belegt, von Zäunen, Wänden und anderen Oberflächen, die meterlang mit Zetteln und Postern beklebt waren, auf denen Leute ihre Verwandten, Freunde, Kollegen suchten. Dort, wo früher busseweise Touristen durch die Straßen und Gassen liefen und Fotos von den Straßenfluchten und Wolkenkratzern schossen, war nun eine gespenstische Ruhe eingekehrt.

Auch wenn nun mittlerweile 20 Jahre vergangen sind, werde ich diesen Morgen nie vergessen. Die Katastrophe und die unglaublichen Bilder, die Veränderungen des täglichen Lebens und der Kontrollstaat, der etabliert wurde und heute das normalste vom Normalen ist, aber auch, wie so ein schreckliches Ereignis zusammenschweißt, wie die Menschen dieser fantastischen Stadt zusammengerückt sind und der Welt in bewährter „Jetzt-erst-recht“-Manier gezeigt haben, dass sie sich nicht unterkriegen lassen.

Mit den besten Grüßen aus Niederschönhausen, Barbara Wiegel


In den Jahren von 1998 bis 2002 habe ich für ein großes New Yorker Ingenieur- und Architekturbüro gearbeitet. Und ungefähr neun Monate vor 9/11 schickte mein Boss mich als Berater für ein Projekt zur Port Authority, eine Agentur, die alle Flughäfen, Tunnel, Brücken, Häfen und Busterminals in der Metropolregion New York City verwaltet und deren Sitz im 73. Stock des World Trade Tower war. So ging ich täglich in mein neues Büro und ich konnte auch nach Monaten immer noch nicht mein Glück fassen, dass ich jeden Tag diesen unglaublichen Ausblick auf Manhattan, auf die Statue of Liberty und auf all die anderen Stadtteile und Sehenswürdigkeiten von New York genießen durfte.

Einen Tag vor dem Angriff bat mich ein Kollege, Dokumente im Hauptbüro in Midtown abzuholen und sie meinen Kollegen im Twin Tower zu überbringen. So geschah es, dass ich ausnahmsweise vor Arbeitsbeginn noch in die 42. Straße gefahren bin, um dort die Unterlagen abzuholen und fuhr dann im Anschluss mit der U-Bahn Richtung Downtown; stieg Fulton Street aus und ärgerte mich zunächst darüber, dass die Menschenmassen sehr viel langsamer als sonst üblich den Weg über die schmalen Treppen nach draußen fanden.

Jeder Einzelne vor mir, der die letzte Treppenstufe erreichte, verharrte für einige Sekunden, um nach oben zu blicken. Ich verhielt mich nicht anders und begriff umgehend, was die Verzögerung verursachte. Ein Stockwerk im oberen Fünftel des vom ersten Flugzeug getroffenen Tower stand komplett in Flammen. Zu diesem Zeitpunkt sah ich jedoch noch nicht das gewaltige Loch, dass das erste Flugzeug auf der Rückseite in den Turm gerissen hatte.

Kurze Zeit später wurden wir alle, die mit mir auf Straße standen, Zeugen, wie die ersten Menschen aus den geborstenen Fenstern der obersten Stockwerke sprangen, die in Flammen standen. Panikartige Unruhe breitete sich unter den Menschen auf der Straße aus, Feuerwehrsirenen waren zu hören, die Polizei kam und forderte uns auf, diesen Bereich zu verlassen, um Platz für die Feuerwehrautos zu schaffen. Daraufhin drehte ich mich um und ging in Richtung U-Bahn-Eingang, als ich eine gigantische Explosion hörte. Die Druckwelle ließ die Fensterscheiben der Straßenläden wabern. Zu diesem Zeitpunkt nahm ich noch an, die Explosion sei durch das Feuer im ersten Tower verursacht worden. Erst später habe ich, wie alle anderen, begriffen, dass das zweite Flugzeug den zweiten Turm im 83. Stock traf. Kurz darauf teilte uns die Polizei mit, dass wir nicht mehr die U-Bahn benutzen sollten.

So lief ich mit den vielen anderen Richtung Midtown zum Büro meiner Frau in der 34th Street und der Park Avenue. Auf dem Weg dorthin haben einige Passanten hysterisch geschrien, dass wir angegriffen werden. Warum sie es geschrien haben, war mir zu diesem Zeitpunkt nach wie vor unerklärlich. Mir fehlten noch die Informationen, die die Menschheit vor den Bildschirmen schon hatten.

Als ich von den Türmen etwas weiter entfernt war, konnte ich das riesige Loch in den Gebäuden sehen. Ich habe immer noch nicht verstanden, was in diesem Augenblick passierte. Das Mobilfunknetz war wegen der Überlast zusammengebrochen und ich konnte meiner Frau nicht mitteilen, dass es mir gut ging. Dies konnte ich ihr erst, als ich Chinatown erreichte und ein Münztelefon fand. Es bildete sich eine lange Schlange vor diesem Münztelefon, und alle haben nur diese vier Worte in den Hörer gesprochen: „I`m okay Honey!“, weil sie wussten, dass die vielen Menschen hinter ihnen in der Schlange auch diese Nachricht ihren Liebsten übermitteln wollten.

Meine Frau war wie jeder andere, der Familienangehörige oder Freunde hatte und der in Downtown arbeitete, erleichtert und überglücklich, mich am anderen Ende der Leitung zu hören, aber zugleich auch weiterhin betäubt, was sich an den Bildschirmen vor ihren Augen abspielte. Als ich im Büro meiner Frau in Midtown ankam, umarmte sie mich so fest wie nie zuvor und auch nie wieder danach. Sie war so unendlich erleichtert, mich wiederzusehen. Auch all ihre Kollegen und Kolleginnen, die wussten, dass ich im WTC arbeitete, freuten sich überschwänglich für ihre Kolleginnen und Kollegen, für mich, für sich alle. Diese Freude schwand schnell, als wir alle vor den Fernsehermonitoren mit ansahen mussten, wie die beiden Türme einstürzten. Wir waren total geschockt – in total disbelieve! Was ist gerade passiert?!

Trotz Schockstarre wollte ich meinen Kollegen im Hauptbüro mitteilen, dass es mir gut ging. Ich machte mich also auf den Weg zu meinem Büro in der 42. Straße. Dort angekommen, wurde ich sogar von Kollegen umarmt, von denen ich dies nie erwartet hätte. Meine Kollegen und Kolleginnen im 73. Stock haben alle den Angriff überlebt; ich habe mich mindestens genauso darüber gefreut, wie sich alle über meine Wiedersehen gefreut haben. Sie konnten über die vielen Treppenhäuser ins Freie gelangen; sie musste dabei allerdings Stockwerke queren, wenn ihnen der Weg im Treppenhaus versperrt war, um den Weg nach unten in einem anderen fortzusetzen. Als sie mir dies berichteten, konnte ich zwischen den Zeilen herauslesen, dass sie viele schreckliche Dinge gesehen haben, über die sie jedoch nicht sprechen möchten. Genauso wie meine Großmutter, die bei ihren Kriegserlebnissen nie wirklich ins Detail gehen wollte.

Die nächsten Tage erhielt von vielen, vielen Freunden und Bekannten unendlich viel Anteilnahme über die Geschehnisse am 9. September. Hierfür bin ich ihnen allen für immer und ewig unendlich dankbar.

Manolo Polap


Es ist Zufall mit Symbolkraft: Das Datum 9/11 ist gleichzeitig die Nummer für den Notruf, den man wählt, wenn ein Unfall passiert ist. Osama Bin Laden muss dieses Datum mit Absicht gewählt haben. 9/11 war der Zusammenklang von Lebenszeit und Weltzeit, um es mit dem ehemaligen Bürgermeister Bloomberg zu sagen. Wir leben in anderen Individualepochen, sozial neuen Situationen.

Meinem Wecker war an diesem Morgen die Batterie ausgegangen und ich verschlief ein Treffen in Manhattan mit einer jüdischen Frauengruppe. Ich war vor zwei Wochen 42 Jahre alt geworden und lebte in der Bronx, New York als Englischlehrerin. Gerade als ich die Kellertreppe unseres Apartments hochstieg, eilte meine Zimmernachbarin mit dem Telefon aus ihrem Zimmer, schaltete den kleinen Panasonic TV an und ich rieb mir die Augen, glaubte, es handele sich um eine Sinnestäuschung. Die geschichtsträchtige Szene, die ich da in dem kleinen Bildschirm sah, schürte Ängste und Befürchtungen. Der Anruf kam aus Ungarn und ich verstand Timea nicht, was sie so aufgeregt sagte, ich sah nur auf den Bildschirm, den sie anschaltete.

Hatte ein Flugkapitän einen Augenblick nicht aufgepasst, ist in Panik geraten oder sich in die Irre zu einer Bruchlandung verflogen? Hat er sein Ziel, das er im Blick hatte, plötzlich verpasst oder den Schalter falsch umgelegt? Das soll alles Absicht sein? Vier Flugzeuge sollen es sein? Ob das alles stimmt? Ich ging nach draußen. Das weiche Sonnenlicht in diesem Spätsommer und die unwirkliche Stille betonten die Symbolkraft dieses Vormittags.

Der graumelierte Manager des Supermarktes trat auf den Bürgersteig und sah mit mir gemeinsam hoch in die Höhe des Himmels und rief:“Unbelievable, unbelievable!“ Die Sprachlosigkeit kannte an dem Tag nur dieses eine Wort. Uns schien jegliche Illusion abhanden gekommen zu sein, dieses Ereignis zu verstehen.

Wir wohnten in einer Kellerwohnung in der Bronx, Tenbroeck Avenue. Wir, das ist eine 28 Jahre alte Ungarin, die hier Englisch lernen will und illegalerweise nebenbei in einem italienischen Restaurant arbeitete und ich, 42 Jahre alt, eine Berliner Gewinnerin der Green Card Lottery, die in New York City als Englischlehrerin in der zweitgrößten Sprachschule New Yorks arbeitete. Wochen später würde ich meine Schüler zu ihren Eindrücken etwas schreiben lassen. Tage später würde ich erfahren, dass auch einige unserer Sprachschüler von den Anschlägen betroffen waren. Nach den Meldungen legte ich mich auf das Sofa, die Zähne geputzt, satt gefrühstückt, geduscht, verängstigt vom Zustand des Schweigens angesichts vom Draußen.

Gelähmt, nutzlos empfand ich mich als gesichtslos, sterblich. Ich liebe dieses Land und möchte zum Wohl dieses Landes beitragen, auch deshalb war ich in die Staaten gekommen. Der Freund meiner Zimmernachbarin, ein marokkanischer Englischdozent von der Universität in Agadir, war zu Besuch und redete in vorgetäuschter Gelassenheit ununterbrochen von einem Terrornetzwerk, welches die Amerikaner auf eigenem Boden zugelassen hätten und in seinem Land, keinen Fuß fassen kann. Er sah die Schuld allein bei den Amerikanern, die solche Leute auf ihren Boden lassen.

Im Fernsehen sahen wir die Lebensmomente von Menschen, die ein letztes Mal ihr Leben in die eigene Hand nehmen und zum Sprung in den Tod gezwungen sind. Statt in den Flammen umzukommen, stürzten sich einige kopfüber aus dem Fenster. Es war wie eine Kriegserklärung und wir Immigranten hatten uns in eine Gefahrenzone begeben.
Wir Unbeteiligte der Katastrophe schauten zum Himmel hoch wie auf eine Bühne, die so weit und unberechenbar geworden war, dieser Vormittagshimmel, der hell und schön war und ein paar Meilen weiter doch voller Grauen, Mord, Tod, Gewalt.

Das also war der Beginn unserer neuen Zeit: jedem Terror, jedem Mord jederzeit preisgegeben alsbald man sein Haus verlässt. Der Glaube an das Gute im Menschen hat einen Knacks bekommen, man kennt sich in Wirklichkeit nicht.

Viele, die nicht festangestellt sind in einem Job, erhalten kein Geld. Auch meine Mitbewohnerin Timea hatte ihren gut bezahlten Kellnerjob verloren. Für den Notfall hatten wir beide genug Geld für die nächsten Monate um Miete, Strom. Wasser Telefon und unser Essen zu bezahlen. Auf die gewohnten Einnahmen verzichten, hieß für Timea sich eine neue Arbeit suchen.

Die New York Times die alte graue Eminenz wie Uwe Johnson sie einst nannte - Leuchtfeuer des linksliberalen Amerika, lag wie jeden Morgen im blauen Plastikabo auf der Hofeinfahrt und hatte erst am nächsten Tag über „US attacked“ geschrieben. Jeden Tag füllt das Blatt ein manchmal zwei Seiten mit Biografien von den Menschen, die im World Trade Center umgekommen waren. Es sind kurze, freundliche Geschichten von Menschen aller Nationen, Geschlechter, Hautfarbe und Alter, die mit einem Mal nichtsahnend aus ihrem Leben gerissen wurden.

Wie ein Filmset eines postapokalyptischer B-Movie streifte ich durch verödete Straßen erschreckend menschenleere Avenues, als herrschte strenge Ausgangssperre. Der öffentliche Nahverkehr war lahmgelegt. Die Abwesenheit von Getümmel. Alle Brücken waren gesperrt. Ich schaffte es noch mit der Subway nach Queens zu kommen. Mein Arbeitsplatz als Lehrerin in der Sprachschule war vorübergehend geschlossen: Aus gegebenen Anlass bleibe sie heute und morgen zu, ließ ein handgeschriebener Zettel an der Glastür verlauten. Ich hielt inne und wollte so schnell wie möglich wieder zu Hause sein, in der Bronx, eine Subwaystunde von Downtown Manhattan entfernt.

Es war pure Neugier, die mich dann aber doch Richtung World Trade Center zog. Der Broadway, die Fifith Avenue waren leer gefegt. Dabei wären die Menschen ja alle gerne hier. Tausende haben heute unfassbares Leid erlebt. Ich war an diesem frühen Dienstagabend, wie so oft, ohne festen Plan und fixe Route durch die Straßen der Stadt gestromert. Es herrschte dystopische Leere.

Außer mir keine Zivilisten unterwegs. Gelbe Sperrbänder riegeln die Umgebung des Empire State Building ab, das einst in nur 15 Monaten erbaut worden war.

Die vergangenen Tage waren dramatisch. Manche meiner Schüler waren um Haaresbreite dem Tod entronnen. Die Schule hatte von nun an die Auflage nur noch Schüler mit gültiger Aufenthaltsgenehmigung oder gültigem Visum zum Unterricht zuzulassen. Bis dahin hatten wir oft Schüler auf unseren Anwesenheitslisten stehen, die oft nie erschienen sind, weil sie meist illegal arbeiteten, um ihre überteuerten Mieten und Lebenshaltungskosten zu bezahlen. Auch die Lehrerschaft wurde überprüft. Sue Velez, eine charismatische Lehrkraftkollegin, beliebt bei Schülern und Lehrerschaft, Koriphäe im Unterrichten, musste gehen, musste das Land binnen 48 Stunden verlassen. Dafür musste sie ein One-Way-Ticket nach Carracas, Venezuela, vorzeigen. Trotz der Proteste der Schülerschaft und der erhitzten Gemüter, die Schule setzte sich nicht für ihr Bleiben ein. Es hätte wohl auch keinen Zweck gehabt. Ihre Green Card war kürzlich abgelaufen und obwohl sie mit einem Amerikaner verheiratet war, kannte die Einwanderungsbehörde kein Pardon. Für den amerikanischen Staat war sie eine Persona non grata, eine unerwünschte illegale Immigrantin und wurde somit abgeschoben. Auch ein anwaltliche Hilfe kam zu spät. Die Schule durfte sie keinen Tag länger beschäftigen.

Was kommt als Nächstes? Jederzeit war der Mensch imstande andere Menschen mit einem Schlag zu vernichten, ihnen großen Schaden zuzufügen, Häuser zu zerstören.

Ich trennte mein Leben von dem Ereignis des 11. Septembers, was da unten geschah. Nur so kann ich es ertragen. Timea und den anderen geht es genauso. Es muss weitergehen, dachten wir an jenen Tagen. Meine Mitbewohnerin Timea hatte ihre Kellnerarbeit in einem italienischen Restaurant in der Nähe verloren. Dabei hatte sie das Doppelte meines Lehrergehalts verdient, aber das Restaurant war zerstört. Und am Tag als es passierte, saß sie am Glastisch und lernte für ihren GED, was auch geschah, ob die Türme des World Trade zusammen stürzten, ob in Ungarn ein neuer Präsident gewählt wird, oder ob sie Kopfschmerzen hatte, sie führte ihr Ziel zu Ende. Einen amerikanischen Masters als Abschluss zu haben, machte sich immer besser im Lebenslauf. In Deutschland hatte sie schlechte Erfahrung gemacht und meinte, Deutschland sei ihr zu ausländerfeindlich. Für die New Yorker ist dieser Tag zum kollektiven Trauma geworden.

An sechs von sieben Tagen unterrichte ich Englisch in Queens an der zweitgrößten Sprachschule New Yorks. Ich hatte eine Festanstellung und war beliebt bei meinen Schülern. Die beiden Zwillingstürme, die ich immer von meinen Klassenzimmerfenster aus sehen konnte, waren verschwunden und nur noch Rauch stieg an der Stelle auf. Hier hatte jemand eine private Lektion des Hasses dem amerikanischen Volk und seiner gewählten Bush-Regierung erteilen wollen. Momente, die im Gedächtnis blieben: der tränenreichen Nervenzusammenbruch unserer Nachbarin, einer jungen Ärztin, die von der Klinik zurückgekehrt war und nun auf der Treppe zu ihrer Wohnung saß und nicht weiter konnte als nur Weinen und sagen, sowas hab' ich noch nie erlebt.

1997 besuchte ich das erste Mal einen der Zwillingstürme. Weil uns Warteschlangen vor der Tür ein Gräuel waren, zogen wir früh los und waren einer der ersten Touristen, die mit dem Fahrstuhl hoch zur Aussichtsplattform fuhren. Um 9:30 Uhr waren wenig Menschen dort um sich hier im 107. Stockwerk, dem Observation-Deck im South Tower, dem damals zweithöchsten Gebäude der Welt, den Wind um die Nase wehen zu lassen. Ein Stockwerk tiefer war der Blick nur noch durch dicke gigantische Glasfenstern möglich, die von der Decke bis zum Boden liefen. Es war eine surreale Erfahrung zwischen Himmel und Erde die Stadt zu Füßen zu sehen. New York erschien mir wie nackt. Der erste Terroranschlag lag erst vier Jahre zurück.

Am 26. Februar 1993 kam es zu einer Explosion im Parkhaus, bei der sechs Menschen starben und mehr als tausend verletzt wurden. Für einen Augenblick der Albtraum eines Szenarios, dass eines der weltweit höchsten Gebäude zerstört werden könnte, wurde hier wahr. Auch damals wurde eine arabische Terroristengruppe radikaler Muslime unter Führung von Scheich Omar Abdel-Rahman ausfindig gemacht und verurteilt.

In einer Fotobox konnte man sich zu zweit hineinsetzen und ein Foto machen lassen. Wir quetschten uns in die Kabine, steckten einen Fünf-Dollarschein in den Schlitz bis eine Automatenstimme ertönte, die uns anwies wie wir sitzen sollten. Der Ausgabeschacht spuckte das Foto mit uns aus als eine zu versendende Ansichtskarte, mit den Türmen im Hintergrund und dem Aufdruck „Beautiful Faces of New York“. Wir fanden das ein lustiges Souvenir. Dass dieses Gebäude ein paar Jahre später tausende von Menschen unter sich begraben sollte, hätte sich niemand vorstellen können.

Ein anderes Mal, als ich bereits in Manhattan wohnte und bei Zoni Language School, der größten und erfolgreichsten Sprachschule New Yorks als Englischlehrerin arbeitete, traf ich Jael, eine ehemalige israelische Soldatin, US-Touristin, single und auf der Suche nach einem Mann. Mit mir wollte sie in die Disco des World Trade Centers gehen wollte. Es hieß in in NY leben vier Mal mehr Frauen als Männer. Hinzu kommt, Frauen zwischen 20 und 40 Jahren gibt es doppelt so viele, die ebenfalls auf Partnersuche sind, was es schwer macht, einen geeigneten Partner zu finden.

Es war bereits dunkel und unterwegs lief mir eine Ratte über den Schuh, ich erschrak. Jael aber tröstete mich, indem sie von den viel größeren Ratten und Kakerlaken erzählte, die es in Israel gebe und dass sie vor nichts Angst hätte. Sie hatte in einem kostenlosen Lokalblatt, der Village Voice von einer Party gelesen in der von der greatest bar on earth die Rede war, wo die Disco stattfinden sollte. Es war noch die Zeit des analogen Kennenlernens. Doch dazu kam es nicht, denn wir wurden nicht mehr eingelassen. Es wären zu viele Leute bereits auf der Party und sie würde ohnehin bald zu Ende sein, beschied uns der Doorman. Jael hatte Monate später jemanden kennengelernt, einen einbeinigen Motorradfahrer, der so verliebt in sie war, dass er zum Judentum konvertiert wäre, wenn Jael es sich nicht anders überlegt hätte.

Monika G. aus Schweinfurt, die ein DAAD Stipendium für New York gewonnen hatte und seither in Manhattan lebte, hatte sich für ein Stipendium in der oberen Galerie des World Trade Centers beworben. Es war ihr Glück im Unglück, dass sie eine Ablehnung bekam. Der Gewinner, ein Künstler, hatte in der Galerie übernachtet und war beim Anschlag mit den über 3000 anderen Opfern umgekommen, dazu 300 Feuerwehrmänner, die ihr Leben ließen.

Monika, die zu der Zeit im Nebenberuf als Fotografin in einem Fotoladen arbeitete, wo sie u.a. den geschiedenen Mann von Privatfotos wegretuschierte, hatte die Twin Towers jeden Tag in der Mittagspause vor sich gesehen. An diesem Tag war zuerst der eine und ein Stunde später der andere verschwunden. Ihre Mutter sollte an diesem Tag aus München am Flughafen JFK landen, doch bis zum Abend hin, wusste Monika nicht, was für eine Maschine es war, ob ihre Mutter vielleicht in einer dieser Attentatsmaschine saß. Bangen und Hoffen. Später erfuhr sie, dass das Flugzeug in Kanada notgelandet sei und ihre Mutter später in NY ankommen würde. Aber diese Ungewissheit, die Angst, die sie ausstand, lösten Tränen der Verzweiflung in ihr aus als ich sie am Abend besuchte und wir die Nachrichten in ihrer Harlemer Wohnung austauschten.

In der Subway zurück zur Bronx saßen mir gegenüber Seniorinnen gegenüber, die über ihren dauergewellten Graulocken Schutzhelme trugen und Cargowesten und-hosen, die neben den Trümmern den vielen Freiwilligen selbstgemachte Sandwiches reichten und für Drinks sorgten. Mutig, tapfer und traurig waren ihre Gesichter. Überhaupt die Hilfsbereitschaft der AmerikanerInnen war grenzenlos, imposant und bewundernswert. Viele halfen bei den Aufräumarbeiten ohne Schutzkleidung.

Ein ehemaliger Wallstreetbroker und Nichtraucher, Trev Warshauer, half bei den Arbeiten und musste Jahre später feststellen, dass seine Lunge so verschattet war, wie die eines jahrzehntelangen Kettenrauchers. Auch die Kliniken hatte einen so starken Andrang an Blutspenderwilligen, dass sie vielen, die gekommen waren, absagten. Um die ersten unmittelbaren Folgen des Anschlags zu dämpfen, sparte der Staat New York nicht mit sofortigen Entschädigungszahlungen an die Angehörigen. New York wirft erst einmal viel Geld um sich, um die Schäden zu dämpfen: Familienangehörige der Opfer werden mit unbürokratisch mit Sofortgeld beschieden. Nicht selten sind es pro Person eine Millionen Dollar. Das brachte auch einige, wenn auch selten Betrügereien mit sich. Manche meldeten sich als vermisst, um das Opfergeld zu kassieren.

Die Stadt bot allen Bewohnern eine kostenlose Psychotherapie für Traumapatienten an, sechzig Stunden. Man musste einen Fragebogen ausfüllen, zu welchem Grad man traumatisiert war und konnte ohne Wartezeit unvermittelt in die Gesprächstherapie von professionellen Psychotherapeuten gehen. Die Stadt bot uns kostenlose Putzmittel, einen Staubsauger, wenn wir diese beantragt hätten. Alles aus dem 9/11 Fond.

Ich fuhr zu meiner Schule nach Queens, Roosevelt Avenue, ALCC, American Language Communication Center, die zweitgrößte Englisch Schule in NYC. Sie hat einen Ableger in Queens, die Zentrale befindet sich am Penn Station in Manhattan. Die Tür mit dem Doorman dahinter sitzend, blieb an diesemTag verschlossen. An der Glastür klebte ein weißes Papierschild mit handgeschriebenen Buchstaben beschriftet:“Dem Umstand entsprechend fällt die Schule für den 11. und 12. September aus.“ Ich ging langsam zum U-Bahnhof zurück. Es war hell und klar, es war vierzehn Uhr. Viele blieben auf der Straße stehen, manche taten es wie ein Signal zum Innehalten, zum Gedenken. Da die Sicherheitslage unübersichtlich war, blieben alle Brücken abgesperrt. Es herrschte Ausnahmezustand. Das World Trade Center – ein Kriegsschauplatz. Das brennt sich ins Hirn, auch wenn die meisten wieder ihren Einkäufen und Geschäften nachgingen und auch ich ging am übernächsten Tag zum Unterricht, sah aus dem Klassenfenster und sah, wo die beiden Türme standen, nur noch Rauchfahnen aufsteigen.

Übrig blieb eine verheerende apokalyptische Ruinenlandschaft. Ich nahm den Gestank von brennendem Plastik und Gummi wahr. Am Himmel sind erst nach ein paar Tagen keine Rauchwolken mehr zu sehen. Zwei Mal fuhr ich zu den Ruinen, Fotos machen war verboten.

Es waren einer der berührendsten Augenblicke, die ich im Leben hatte. Auch die angeklebten Vermisstenanzeigen an den Subway Pfosten werde ich nicht vergessen.

Am Ende wird der historische Tag zur Trauma Therapie, an der auch ich kostenlos teilnehme nachdem ich an psychologischen Untersuchungen teilgenommen hatte, um das Ausmaß der Traumatisierung zu erfassen. Jeder New Yorker darf das. 60 Stunden stehen einem zu und ich empfinde eine riesige Dankbarkeit allen Amerikanern gegenüber. Ich habe es hier mit einem großartigen Land zu tun, das an dessen schwieriger Geschichte (Indianermorde, Vietnamkrieg, Hiroshima, Segregation) sie Anteil haben, die mich persönlich überall willkommen hießen, mir halfen, wo immer es ging.

Bevor ich in die USA ging, während ich dort lebte und auch jetzt nach den vielen Jahren, ist mein Credo gleich geblieben: Ich lasse mir meine Sympathien für die USA nicht nehmen. Und an sich sind diese Sympathien gar noch tiefer geworden, durch Begegnungen mit vielen wunderbaren Menschen. Auch wenn das Pathos mitschwingt, die USA ist für mich ein ganz besonderes, schönes und gutes Land.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit lernten wir an diesem Tag, dass es ein terroristischer Akt war, eine Kriegserklärung auf amerikanischem Boden. Dementsprechend stehen anderntags Sicherheitskräfte an den Eingängen der Subways und sehen mit ihren Camouflage-Uniformen aus wie von einem Sondereinsatzkommando. Eine beängstigende Atmosphäre. Der Terrorismus hatte Amerika den Krieg erklärt.

Nach 9/11 gelang es einem Team aus mehr als 50 Anwälten die Finanzierung von Al-Qaida nachzuweisen. T. verlor ihre Arbeit als Kellnerin, unsere Schule verlor viele SprachschülerInnen, weil von nun an, eine strenge Anwesenheitsliste geführt werden musste und wer nie kam und das Schulgeld nur zahlte, musste der Schulleitung und dann der Home Land Security gemeldet werden.

Als der Krieg gegen Irak erklärt wurde, kam es zu Protesten mit organisierten Busreisen: „unsere Trauer ist nicht ein Ruf nach Krieg!“ hieß es auf den Plakaten. Proteste wie diese wurden allerdings verschwiegen, selbst meine Fotos, die ich davon machte, bekam ich erst ein Jahre nach der Entwicklung zurück. Zufall?

Soviel Hass, so ein finsteres Menschenbild, welches die Al-Qaida als Mahnmal hinterlassen hat, wie am 11. September verbittert mich, denn es war ja nur der Auftakt für weitere, die da kommen sollten, auch in Berlin und anderswo. 20 Jahre später werde ich mich immer noch erinnern.

Ich liebe New York dennoch, auch weil es in den Synagogen und jüdischen Kultureinrichtungen keinerlei Kontrollen gibt, keine Sicherheitsmaßnahmen. Anders als in Deutschland. Ich fühlte mich in NY nie bedroht. Und jetzt? Ich hatte gelernt, dass die USA voll mit guten Leuten ist. NY hat einen speziellen Geruch, besonders wenn man die Subway betritt. Hier hatte ich gelernt, dass ich es schaffen kann, das Überleben, auch nach 9/11. Leben in New York hatte mich selbstbewusster gemacht.

Lilli Limonius, Berufsschullehrerin


Sehr geehrtes Redaktionsteam der Berliner Zeitung!

Ich erinnere mich sehr genau daran, wo ich zu diesem Zeitpunkt war! Ich verbrachte meinen Urlaub bei Freunden auf der Insel Usedom (Seebad Ahlbeck). Es war wundervolles Spätsommerwetter und ich streifte den ganzen Tag mit meinem Fahrrad über die Insel. Als ich nach der Rückkehr in mein Zimmer gehen wollte, kamen meine Freunde auf mich zu, ich bekam mit, dass der Fernseher lief, und sie sagten: „Schau' Dir das mal an!“. Und da sah ich dann die wiederholt gesendeten Filmsequenzen.

Da stand ich, völlig verschwitzt von der Radtour und bis zu diesem Zeitpunkt komplett ahnungslos! Ich fühlte mich auf einmal ganz leer, obwohl ich einen so schönen Tag in der Natur verbracht hatte. Der einzige Gedanke, der mich nach dem vollständigen Erfassen des Geschehens in dem Moment beherrschte war: „Das gibt Krieg!“

Mit freundlichen Grüßen, Katrin Zimmermann


Am Tag des 11. Septembers 2001 war ich auf dem Weg zur Schule. Als ich morgens im Bus saß, bemerkte ich, dass ich von anderen Fahrgästen angestarrt werde. Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich unwohl und schuldig. Ich habe schwarze Haare und braune Augen. Vielleicht lag es daran, dachte ich mir. Die Zeitzonen in den USA lernte ich damals in der Schule kennen. Als ich nach einem langen Schultag in der ehemaligen Hauptstadt Bonn Zuhause ankam, saß ich vor dem TV und es wurde über den Anschlag berichtet. Ich konnte es nicht glauben. Als hätte ich es durch die Blicke der Fahrgäste gespürt, dass die Welt von dem Tag an eine andere Meinung über den Islam und ausländisch aussehenden Menschen hat.

Mit freundlichen Grüßen, Aykut Karagözlü


Am 11. September 2001 war ich in meinem Lebensmittelladen, als mein Freund kam und sagte, was passiert war.

Ahmed Bourek


Schlechte, ganz schlecht gemachte Satire.

11. September 2001, ein frühherbstlicher, ruhiger Tag. Meine Laune war nicht besonders, da wir mit Kind und Kegel einen Elektronikmarkt aufgesucht haben. Ich bin da nicht begeistert, kleine Kinder von Unfug abhalten und Toaster anschauen, während der Gatte im elektronischen Wunderland nach Dingen sucht. Und sucht. Und findet.

Wenigstens lief nebenher das Radio im Laden. Oh je, habe ich gedacht, was soll denn dieser Quatsch? Ein schlecht gemachter Horrortext über Flugzeuge, die in New York in einen Wolkenkratzer fliegen. Von Rauch haben sie erzählt, von einem Flugzeug, das im World Trade Center explodiert sind. Menschen, die aus Fenstern springen. Von Gebrüll der Menschen oben, von Winken und Schreien der Menschen von oben. Die moderne Version von Schwarz-weiß-Horrormovies aus den USA.

Mensch, Mensch, Mensch, also so schlechte Satire kann ja nur von einem Privatsender kommen. Nach endlosen Minuten sind wir raus aus dem Laden. Im Autoradio ging es dann weiter, hab mich schon gewundert, bestimmte Privatsender standen bei uns nicht hoch im Kurs. Zuhause haben wir dann Nachrichten geguckt, und dann wurde mir klar, dass wir live Zeugen dieses Anschlages waren, dass tatsächlich Flugzeuge ins World Trade Center geflogen sind. Rauch, Menschen, die aus Häusern springen, Gebrüll, explodierende Flugzeuge im World Trade Center. Das, was ich für ganz schlechtes Hörkino gehalten hatte, war wahr. Ich hatte einfach nur angenommen, dass das nicht die Realität sein könne.

Petra Linke


Im Rahmen der heute fast 70-jährigen Partnerschaft zwischen dem Kreis Siegen-Wittgenstein und dem Bezirk Spandau fand auch im Jahre 2001 der Schulsportaustausch zwischen beiden Partnern statt. Als Schulsportbeauftragter des Bezirks Spandau organisierte ich vom 09.09. bis 14.09.2001 mit meinem Kollegen Fiete Lemke als Fachberater für Sport eine Schülerfahrt nach Wemlighausen in der Nähe von Bad Berleburg im Wittgensteiner Land.

Neben einem erlebnispädagogischen Tag, einem sportlichen Vergleichskampf und einem Empfang durch den Landrat stand auch ein Besuch der ältesten Universitätsstadt Marburg auf dem Programm. Den großstadterfahrenen Schülern gefiel Marburg sehr, ein kleines Stadtspiel tat das Übrige. Gegen 16 Uhr trafen alle in kleinen Grüppchen an unserem Treffpunkt ein: ein Eiscafé! Alle waren vergnügt und freuten sich auf das Eis, was wir ihnen aus der Gruppenkasse spendierten. In ihrem Tagesbericht schreibt die Schülerin Sarah K. über ihren Besuch in Marburg:

„(In Marburg...) schauten wir uns den Elisabeth-Dom mit die schön geschnitzten Altarbildern an. Dann sind wir hoch zur Burg gelaufen. Als wir auf der Burg ankamen, hatten wir über 500 Stufen erstiegen... Nach einem Gruppenfoto durften wir uns in kleinen Gruppen die Stadt anschauen. Marburg ist eine alte Universitätsstadt mit schönen Fachwerkhäusern und vielen kleinen Gassen, was man nicht in Berlin zu sehen kriegt. Auch viele Blinde bewegen sich sehr vertraut in dieser Stadt, weil es da viele Schulen und Internate für sie gibt. Nach ca. vier Stunden wurden wir von den Lehrern zum Eis eingeladen. Circa um 16:45 Uhr hat uns der liebe Busfahrer wieder abgeholt. Während der Rückfahrt im Bus hörten wir die Nachrichten und Berichte über den tragischen Terroranschlag in Amerika. Wir waren ziemlich schockiert darüber. Unvorstellbar, dass es Menschen gibt, die so etwas machen.“

Als wir den Bus bestiegen, hatte der Busfahrer seinen Fernseher eingeschaltet. Es wurden Bilder von den Zwillingstürmen in New York gezeigt, von Rauch umhüllt. Anfangs dachten einige Schüler, der Busfahrer würde sich einen spannenden Thriller ansehen. Andere wiederum sprachen schon von einem evtl. bevorstehenden Krieg, vom Dritten Weltkrieg, der wohl bevorstünde. Wir Lehrer hatten die Befürchtung, dass einige Schüler eventuell in Panik geraten könnten, baten um Stille im Bus, die sich aufgrund der Ereignisse in Amerika auch prompt einstellte und erwarteten schon für den Abend Anrufe besorgter Eltern. Auch beim Abendessen wich die übliche Lautstärke einer eher nachdenklichen Stimmung.

Wir stellten den Schülern frei, sich mit uns über die Ereignisse in der Gruppe zu unterhalten, sich mit ihren Freundinnen und Freunden auf die Zimmer zurückzuziehen oder unseren Gitarrenklängen am lodernden Kamin ruhig und besinnlich zu lauschen. Fast alle fanden sich dort ein, in einer den Ereignissen angemessenen Stimmung. Wir waren stolz auf unsere Schülerinnen und Schüler! Der Empfang unserer Gruppe durch den stellvertretenden Landrat Herrn Althaus im Kreishaus Siegen am nächsten Tag begann mit einer Schweigeminute.

In seiner Rede betonte er, wie wichtig es sei, Menschen mit unterschiedlichen Lebens- und Glaubensweisen zu begegnen und sich auszutauschen. „Nur dann können mögliche Vorurteile abgebaut werden, nur dann kann begriffen werden, dass eben schon im eigenen Land die Unterschiedlichkeiten beginnen, die aber nicht trennen, sondern sich vielmehr zu einer gemeinsamen Kultur ergänzen. Nicht in der Gleichheit, sondern in der Vielfalt liegt der Reiz, sie gestaltet unser Land und unser Leben so abwechslungsreich.“

Wir bezogen diese Worte nicht nur auf unseren Schulsportaustausch von auf der einen Seite großstädtischen und andererseits eher ländlich geprägten Menschen. Sie waren übertragbar – auch auf die schrecklichen Ereignisse in Amerika.

Bernd Sieben


I apologize for writing to you in English but here it is. I know there is not much time and I just saw this as I read the Berliner Zeitung most days in the English version or the German version with Google translate. I am am writing this quickly but if you are interested I can write more or less and polish up a bit. I have many things I have written about this date but I have to find them in my storage space which is in California. But perhaps you don’t need anything written in English and I am just sending this in quickly on a whim.

My name is Heather McDonald. I have lived in Berlin with my husband and two kids since 2018. We moved here from San Francisco. I am a US citizen and my kids and husband have both US and Italian citizenship. On September 11th I was flying to JFK from Milan MXP. I had been on vacation in Sardinia with my husband (who I was just dating at the time) and his mother who is from Milan but at the time had a 2nd home in Sardinia. My husband Ignazio was planning to leave New York to move back to Milan as he had funding from the EU for a very early map/transit website (pre-app).

Ignazio and I had both been graduate students at the Interactive Telecommunications Program at NYU. Ignazio finished in May 1998 and I had finished in May 1997. At this point I was working for a very successful early internet start-up company that I co-founded called gURL.com. A few months prior we moved from our downtown Battery Park offices to Times Square as we were acquired by a company called Primedia a magazine publishing company who owned Seventeen magazine and a host of others at the time.

I left Milan very early on September 11th on Delta flight 85 to JFK. Ignazio was staying in Milan and left me at the airport. At the time I was 31 years old and four years into being an above the knee amputee after a traumatic accident that happened in NYC.  I had a very early micro-processor knee produced here in Germany by the Otto Bock company. At this point no microprocessor knee was waterproof and they needed to be charged up every 24 hours to work, so I was traveling with a 2nd waterproof leg that I was carrying on board the flight so it would not get lost or destroyed going through check in.

It was a very beautiful day. Our flight was full. There were many Americans returning from the jewelry show in Milan and many Italians on their way to fashion week in NYC and the usual variety of international travelers.  Obviously our flight didn’t land in JFK that morning. We were told as we approached the US air space, that a passenger on our flight had a medical emergency and our flight would be diverted. We landed in St John’s Newfoundland. I was one of the 6,122 passengers on 38 different airliners and with 472 crew members (got this from Wiki – I think it could be true) who were diverted to various airports in Newfoundland, Canada. I believe St John’s was one of the smaller ones.

This experience has been quite well documented and inspired a Tony wining musical.  I am always searching my memories for all the details I can remember and I revisit this week spent in Canada in my mind every year on the anniversary. I was fortunate not have lost any close friends or colleagues in the world trade center that day. My heart breaks for all the deaths and injuries and long term illness and disability and consequent war. But this is not what I believed when waiting on runway in St Johns on Delta flight 85.

After we landed in St John’s we noticed there were several other airplanes jam packed at this tiny airport. For a moment I thought – wow – so many medical emergencies at the same time? As obviously no one knew if there were more planes out there and the air spaces were closed we needed to stay on the grounded plane for about 10-12 hours in my memory. But this amount of time is something I have never fully verified. At some point someone with a cell phone reached a family member in NY but it was like the game of telephone where misinformation was disseminated and  it seemed to us that all of lower Manhattan was destroyed by an attack. I was so worried for all my friends and colleagues. I for sure was in a stake of numb shock where you remember the most minute details.

Eventually, we were allowed off the planes onto buses but we were not allowed to bring anything with us at all. Our luggage and all personal effects (including the charger for my prosthetic leg) remained on the planes until we would reunite with them seven days later. My husband who was leaving a week later than me from Milan back to NYC had returned to our apartment on fourth avenue and 11th street a few days before I finally made it home.

We were taken on buses and then all processed at a large hockey center. I remember the people greeting us were so nice and there were pay phones with free international lines to call and inform friends and family that we were ok and see how they were. CNN was playing on the large screen in the middle of the hockey stadium it must have been after midnight and we finally saw the images of what had happened hours after many people in the world must have seen it. It was just so hard for me at the time to process it and exactly what had happened.

A few hours later another bus brought us to a large hotel that was housing what I believed was the national Canadian hockey team ( or just some hockey tom clearly I don’t know anything about hockey) as their flight out was cancelled due to the closed airspace. With so many stranded travelers we spent many nights on the floor of the conference rooms of this hotel. I remember really how kind all the volunteer were who brought us food and clothes and paperback books. I remember not being able to concentrate on much and not having the charger for my leg or my phone as they were both back on the plane. As I took off the plan was a tiny purse with my wallet in it, because that is all we were allowed to carry out. I waited in line quite often for the pay phone to call  my husband and my parents and my business partners regaling them with the small details of the daily lives of the stranded passengers at this particular hotel.

I recently found online some news footage from that time that shows the exact hotel conference room where we hosted and where we slept on the floors.  It really blew me away as proof that this whole string of events really occurred. After the first couple of days we would line up in the lobby of the hotel thinking it was time for Delta flight 85 to return to NY but we had to wait quite a few more days.

First there was a storm, then a small jet plane crash and a variety of other flights had to get out first. Everyone on the flight became quite friendly and familiar, there were two sisters teaching a yoga class and many other spirited events to pass the time and lift the moods. But there were also rumors of first class passengers renting out all the cars and trying to drive down and take ferries or hiring private planes. Since we had no change of clothes everyone seemed to be wearing the I (heart = maple leaf ) Canada TV shirts, even the most cynical and fashionable Milanese and New Yorkers on my flight.

By the time we returned to our plane ready to get back to New York we were all a bit giddy. Giddy in the way people get when living through something so unprecedented. For me giddy in a post traumatic way and just eager to get back home and access what had happened in my own way. Reunited with our overhead compartments I was happy to see my swim leg was still on board the airplane. The man in front of me who gave me a very dirty look about this large item in the overhead storage on the morning on September 11ht in Milan before we left now understood this was my swim leg and grinned at me as we returned to our seats nervous and NY bound.

I remember sitting, putting my seat belt on, feeling so grateful to the crew and pilots who were with us all as were stranded in St. John’s. As we seems to be approaching the NY airspace there was announcement. At first I couldn’t hear as everyone on the flight was cheering, eager to get to New York. But then we heard our flight was being diverted to Atlanta Georgia (of course Delta Airlines hub) . Of course a minor inconvenience but nonetheless it was disheartening.

We landed in Atlant scared and confused about what the mood at the US airport might be at this moment. Our sense of community as Delta flight 85 suddenly disappeared we all sprinted to make the last flight out from Atlanta to JFK that didn’t have enough seats for us all. That American spirit of competition was suddenly overtaking the one of community but then my extra kinds seat mate who both both a US and an Italian citizen sprinted to the gate and saved a place for me in line as my prosthetic knee was still not charged up so it could not bend. I made it out on that flight and landed in JFK at what must have been 3am in the morning. The airport was deserted. I took the cab below 14th street and the smell, well also well documented. The smell memory and that time back in NYC and really understanding what happened made that week in Canada disappear quickly in my memory, but I still think about it every year. I did meet up with my seat mate one time in New York city and still wish I had saved her contact information.

Ok — so quickly written but I hope you like my small memory/experience.

Sincerely, Heather McDonald


Wo habe ich den 11. September 2001 erlebt? Das weiß ich genau. Aus zwei Gründen. Erstens saß ich in einer Veranstaltung; genauer gesagt als Berichterstatter in der „Betriebswirtschaftlichen Jahrestagung“ des Landesinnungsverbandes Saxonia des Bäckerhandwerks. 2001, da waren die allgegenwärtigen Informationen via Smartphone noch ein Stück Zukunftsmusik. Ich hockte brav in einem Hörsaal der Sächsischen Bäckerfachschule, stieg nach der Veranstaltung ins Auto und machte das Radio an. Ein Sprecher berichtete auf dem damals noch ungegenderten D-Radio, was er beim Blick aus seinem Fenster sah. „Der Turm des World Trade Centers brennt, dicker Rauch steigt auf. Jetzt kommt ein Flugzeug. Es fliegt in den anderen Turm... “ Und ich? Wähnte mich in einer Neuauflage des Hörspiels „Krieg der Welten“ nach Orson Welles.

Schmunzelte, fand die Adaption toll. Zu absurd war die Vorstellung, dass das Gehörte real sein könnte. Auf der eineinhalbstündigen Fahrt zurück in mein Büro holten mich die Tatsachen ein. Jeder erreichbare Sender berichtete über die Anschläge, ohne wirklich etwas berichten zu können. Im Büro setzte ich mich an einen Computer, schaute „im Netz“ nach den Geschehnissen. Auch dort Chaos. Die einschlägigen Nachrichtenseiten klemmten, zu zahlreich waren die Zugriffe. Ruckelnd gaben sie nur langsam Informationen preis. Und der zweite Grund? Ich bin an einem 11. September geboren und saß am Abend mit Freunden in einem Restaurant. Okay, es wurde angestoßen, wir lachten und unterhielten uns. Doch die Stimmung um uns herum war eine andere. Leises Sprechen, bedrückte Gesichter. „Nine Eleven“ bleibt für mich unvergessen. Als leidlich abgebrühter Zeitungsmacher mit Boulevarderfahrung war das Ereignis für mich einerseits eine tolle Nachricht, andererseits aber ein Schock, dessen Wirkung bis ins Heute reicht. Ein Ereignis, über dessen Hintergründe und Zustandekommen ich immer wieder nachdenke, zu konzertiert schienen die Anschläge durch zwischenzeitlich im Radargap verschwundene Maschinen, um ohne Beteiligung von Geheimdiensten geplant und umgesetzt worden zu sein. Skepsis, die bis heute anhält.

Immerhin habe ich meine eigene Bewältigungsstrategie entwickelt: Werde ich nach dem Datum meines Geburtstages gefragt, antworte ich stets: „Zu meinem 41. waren weltweit zwei brennende Kerzen zu sehen.“ Zugegeben, das ist tiefschwarz, aber es erscheint mir dieser Erinnerung angemessen.

Beste Grüße, André Dreilich


Mein Name ist Ronald Fuchs, ich lebe in Mittweida. 2001 war ich Busunternehmer und hatte als Auftrag Schüler aus Wilthen nach England zu fahren. Die Kinder waren dort bei Gastfamilien in Hastings untergebracht. Am 11.9. machten wir eine Stadtrundfahrt in London. Alles lief bis etwa gegen Mittag so wie immer. London lässt sich gut fahren und überall gibt es etwas zu entdecken. Kurz nach Mittag hatten die Kinder Freizeit und ich parkte den Bus an der Themse mit anderen Bussen, die ein ähnliches Programm hatten. Kaum waren unsere Kinder ausgeflogen, kamen Kollegen der anderen Busse zu mir und versuchten mir zu erklären: ‚Dass wir Krieg haben‘ bzw. ‚Dass die USA angegriffen wurden und sich im Krieg befinden‘. Mehr war hier nicht zu erfahren. Als es am späten Nachmittag zurück nach Hastings ging, überkam uns ein bedrückendes Gefühl. An jeder Kreuzung, Tankstelle und gefühlt vor jedem öffentlichem Gebäude stand nun ein schwerbewaffneter Bobby (Polizist). Am Abend kam dann über die mitgeführte SAT-TV-Anlage Aufklärung von der Tagesschau. Für die zweite geplante Fahrt nach London hatten die Kinder zu viel Angst und wir machten dafür eine Rundfahrt an der Südküste Englands.

Freundliche Grüße, Ronald Fuchs


Der 11. September 2001 ist mir auch so deutlich in Erinnerung, weil ich an diesem Tag meinen 22. Geburtstag hatte. Es war ein regnerischer Tag, den ich bis zum frühen Nachmittag in einer beruflichen Weiterbildung verbrachte. Als diese zu Ende war, freute ich mich schon auf meine kleine Geburtstagsparty und traf noch einige Vorbereitungen. Eigentlich wäre der Fernseher aus geblieben, hätte mich nicht mein Vater von der Arbeit auf meinem Festnetz angerufen und von den zu dem Zeitpunkt noch nicht als Terroranschlag deklarierten Anschlägen in New York aufgeregt berichtet. Somit konnte ich mit meiner Mutter das zweite Flugzeug live ins WTC einschlagen sehen. Einfach unfassbar und schrecklich, was da geschehen ist! Natürlich überschatteten die Ereignisse meine kleine Feier und auch Tage/Wochen später gingen mir und wahrscheinlich vielen anderen die Bilder der Anschläge nicht aus dem Kopf. Als „Erinnerung“ an diesen sehr einschneidenden Geburtstag hatte ich mir am nächsten Tag die Berliner Zeitung gekauft und bis heute aufbewahrt.

Freundliche Grüße, Jessica S.


Sehr geehrte Damen und Herren, wer erinnert sich nicht an den Tag? Ich war zu diesem Zeitpunkt im Urlaub in Rio. Es war bis zu diesem Tag eine wunderschöne Reise. Am 11. war ich zum Mittag mit dem Vater eines Freundes verabredet. In seiner Wohnung habe ich im Fernsehen Bilder von Menschen gesehen, die sich in die Tiefe gestürzt haben. Da ich die Sprache nicht verstanden habe, wusste ich überhaupt nicht, was los ist. Man hat mir das Ereignis erklärt. Ab dem Moment war nichts mehr wie es vorher war. Ich habe nur noch die Bilder im Fernsehen verfolgt.

Ich wollte gerne nach Hause. Die Rückreise war aber erst eine Woche später. Und vor dem Flug hatte ich Angst wie noch nie. Ins Flugzeug zu steigen, war ein Grauen. Auf dem Flughafen von Rio standen Flugzeuge US-amerikanischer Fluggesellschaften. Die Crews saßen draußen an allen Ecken verteilt und haben die Flugzeuge bewacht. Damals war die einzige Verbindung in die Heimat das Mailing. Internetcafés gab es nur wenige und die waren gut ausgebucht. Um meinen Schock zu überstehen habe ich auch euch einen Leserbrief geschrieben. Solche Ereignisse darf es nie wieder geben!!!

Mit freundlichen Grüßen, Harald Mederski


11. September 2001, abends: Ankunft am Flughafen Kairo. Nachdem ich am Vortag um die Mittagszeit Montreal – wie sich später herausstellen sollte: gerade noch rechtzeitig vor dem Abflugstopp – verlassen (und somit meine damalige große Liebe hinter mir gelassen) hatte, sollte der Flug mit Zwischenstopp in Paris den Abschluss meiner zweiten einjährigen Weltreise einläuten. Die Trennung von meiner temporären Wahlheimat Montreal und somit von meiner damaligen großen Liebe und die lange Flugreise steckten mir noch in den Knochen. Doch wieder einmal überwog die Abenteuerlust und die Neugier ein paar weitere Länder zu entdecken. Auch wenn die Ankunft in einem neuen und unbekannten Land immer das Risiko eines „Rip off days“ beinhaltete, da man am Anfang selbst als erfahrener Reisender immer etwas Zeit brauchte, um die handelsüblichen Preise und Handelsgewohnheiten zu durchschauen und zu verinnerlichen. Und nach einer langen Reise abends bei Dunkelheit in einem fremden Land anzukommen und mir erst einen bezahlbaren Transport in die Innenstadt und dort dann später ein Zimmer zu organisieren, gehörte auch nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen auf Reisen.

Im Taxi war all das aber schnell Nebensache. Der Taxifahrer sprach zwar leider nur relativ wenig Englisch und ich kein Arabisch. Und genau das war vermutlich einer der Hauptgründe, warum ich dachte, dass vielleicht irgendein kleines, einmotoriges Flugzeug irgendwo in Amerika in ein Haus geflogen ist, als er etwas von „plane“ und „fly into building in America“ erzählte. Erst in dem niedrigpreisigen und eher heruntergekommenen schlichten Hotel, zu dem der Taxifahrer mich gefahren hatte, wurde mir dann im Laufe des Abends die Größenordnung dessen, was er mir im Taxi bereits versucht hatte, anzudeuten, bewusst – auch wenn ich am Anfang noch Felsenfest davon überzeugt war, dass die Szenen, die ich auf dem großen Monitor in der Dachterrassenbar wieder und wieder zu sehen bekam, aus einem neuen Hollywood-Weltuntergangs-Film von Wolfgang Emmerich oder Ähnliches sein mussten.

Nicht nur ich, auch alle anderen Anwesenden schienen sich zu fragen, ob das tatsächlich die Realität war, die sich da vor unseren Augen im Fernsehen abspielte. Wobei alle anderen natürlich bereits einen gewissen Wissensvorsprung mir gegenüber hatten, da ich aufgrund meiner Reise in den letzten Stunden noch nichts von diesen „Breaking News“ mitbekommen hatte. Ich werde nie vergessen, wie ich an diesem Abend noch bis spät in die Nacht gemeinsam mit Einheimischen und anderen westlichen Reisenden versuchte, das Geschehene zu begreifen und einzuordnen. Und auch wenn ein nicht gerade kleiner Teil in mir das Offensichtliche nicht begreifen konnte und vielleicht auch nicht wollte, kreisten gerade auch unter uns jungen Rucksackreisenden die Gespräche um die Auswirkungen des Geschehenen. Denn eines war klar:

Das, was da geschehen war, war für uns alle etwas nie Dagewesenes und würde vermutlich große Auswirkungen auf die gesamte Welt haben. Und somit auch auf unsere Pläne. Schließlich hatten die meisten von uns geplant, noch eine Weile auf diesem Kontinent und in diesem Kulturkreis zu verbringen. Nach allem, was man in dieser Nacht in den Nachrichten so hörte und sich an Auswirkungen vorstellen konnte, war allerdings die Frage, ob dies eine gute Idee war und die Lage vor Ort ausreichend sicher ist. Vermutlich gab es im gesamten Hotel niemanden, der zu Bett ging, ohne diese Geschehnisse im Kopf zu haben. Glücklicherweise sah die Welt am nächsten Tag zumindest für uns in Kairo wieder etwas freundlicher aus als vermutet und normaler als gedacht.

Nachdem wir uns alle in der Nacht noch Gedanken machten, wie sicher Kairo und Ägypten unter diesen Umständen noch sind, entdeckte ich recht schnell, dass das alltägliche Leben auf den Straßen zumindest in den Teilen Kairos, in denen ich mich bewegte, einen ganz normalen Eindruck zu machen schien und ich – anders als damals von manchen Medien verbreitet - keinen einzigen Mensch gesehen habe, der die einstürzenden Gebäude oder gar einen vermeintlichen Sieg über die USA gefeiert hat. Auch Anfeindungen gegenüber mir als vermeintlichen US-Amerikaner bzw. Westler und somit „Feind“ konnte ich weder in den Tagen in Kairo, noch in den anderen Ländern wie Oman, Yemen, VAE oder Libanon, die ich in den folgenden Wochen und Monaten bereist hatte, feststellen. Umso mehr habe ich mich darüber gefreut, dass ich trotz all der Umstände und der herausfordernden Zeiten und mit Sicherheit anspruchsvolleren Reiseumstände die Reise noch wie geplant zu Ende gebracht und nicht wie einige andere, die ich noch getroffen habe, aufgrund der Umstände abgebrochen habe.Aauch wenn es bestimmt nicht die einfachste Zeit war, um diese Region zu bereisen.

Mit besten Grüßen, Thomas Frey


Sehr geehrte Damen und Herren, ja, der 11. September 2001 ist mir natürlich noch in eindrücklicher Erinnerung. Am erschütterndsten fand ich die an den Hausfassaden herabstürzenden Körper von Menschen, die in ihrer Verzweiflung in die Tiefe sprangen. Am Ende sah der Schauplatz aus wie nach einem Bombenangriff im Krieg. Und von diesem Ansatz aus gingen (und gehen auch heute noch) meine Gedanken in eine Richtung, die nicht so offiziell ist: Noch nie in ihrer Geschichte haben die USA solch einen Angriff auf ihr Territorium mit Tausenden zivilen Opfern erlebt. Deshalb die Erschütterung. Dabei wurde der USA-Bevölkerung eigentlich hautnah vor Augen geführt, was ihre eigenen Truppen bei ihren diversen Kriegseinsätzen rund um den Erdball angerichtet haben und immer wieder anrichten: Tod und Verderben mit 100.000 toten Zivilisten. Die vielen Kriegsverbrechen der USA sind recht genau dokumentiert und in Büchern veröffentlicht – auch in Deutschland.

Es graust einen beim Lesen. Aber so etwas wird ja leider hierzulande achselzuckend als „Kollateralschaden“ abgetan. Ja, die Toten vom 11. September sind zu beklagen. Aber was ist mit der „irrtümlich“ zusammengeschossenen Hochzeitsgesellschaft in Afghanistan? Was mit den vielen Toten in der von US-Bombern dem Erdboden gleich gemachten irakischen Stadt Mossul? Da heißt es: Schwamm drüber! So ist halt der Krieg.

Mit freundlichen Grüßen, Wolfgang Hupe


Ich war 24 Jahre alt und hatte vor drei Jahren meine Ausbildung zum Bankkaufmann abgeschlossen. Nun war ich in einer großen Bank in Berlin beschäftigt, in der Beratung für Privatkunden. Meine Kollegeninnen und Kollegen und ich saßen in der ersten Etage der Filiale. Es war die Zeit, als das Internet noch keinen Einzug in die Bank gefunden hatte. Natürlich hatten wir E-Mail-Zugang, aber Zugriff auf Informationen aus dem Internet gab es für uns noch nicht. Dafür hatten wir eine Art „Ticker“, über den die neuesten Nachrichten liefen, gerade aus dem Bereich des Aktienmarktes. Und natürlich hatten wir zwei Fernseher, die permanent liefen. Solche alten kleinen Röhrengeräte, die an der Wand angehängt waren. Auf dem einem lief NTV und auf dem anderen Videotext mit Aktienkursen.

Der 11.09.2001 war ein Dienstag, das bedeutete Öffnungszeit bis 18 Uhr. Dienstag und Donnerstag waren damals die langen Tage. Alle über das Wochenende aufgelaufenen Aufgaben und Nachrichten hatte ich montags abgearbeitet. Ich stellte mich also auf einen ruhigen Tag ein. Irgendwann am Nachmittag zeigte NTV das qualmende World Trade Center. Die Bildschirme waren stumm geschaltet, daher fiel uns die Nachricht zuerst gar nicht auf. Jemand stellte den Fernseher laut. Im Ticker unter der Nachrichtensendung lief, dass vermutlich ein Sportflugzeug in den Tower geflogen sei. Vermutlich ein tragischer Unfall. Dann kamen Gerüchte auf, dass es ein größeres Flugzeug gewesen sei. Wir stellten den zweiten Fernseher auf CNN um.

Als schließlich das zweite Flugzeug in den Tower flog, war klar, dass es sich um einen Terroranschlag handelte. Mittlerweile standen viele Kollegeninnen und Kollegen fassungslos vor den Fernsehern. Obwohl rundherum Sitzgelegenheiten waren, standen wir. Keiner wagte etwas zu sagen, man konnte eine Stecknadel fallen hören. Immer wieder kamen Kolleginnen und Kollegen aus der unteren Etage nach oben und starrten fassungslos auf die Fernsehgeräte. Sie wurden blass, schüttelten den Kopf. Immer und immer wieder sah man den Flugzeugeinschlag in den zweiten Tower.

Mitten in dieser Stille klingelte das Telefon eines Kollegen. Ein Kunde war am Apparat. Er verkaufte alle Aktien und wollte einen Optionsschein auf fallende Kurse an der Wall Street kaufen. Er setzte 100.000 DM ein. Ich war fassungslos, hielt es für kaltschnäuzig und pietätlos. Der Kollege wickelte das Geschäft ab. Kurz danach wurde der Börsenhandel ausgesetzt. Am Feierabend lief ich so schnell wie möglich nach Hause. Meine Wohnung war fußläufig erreichbar. Meine Freundin war schon zu Hause und hatte den Fernseher angeschaltet. Bis tief in die Nacht schauten wir NTV und CNN, redeten, schwiegen, hatten Tränen in den Augen. Auch wenn es in den fernen USA war, nun war er angekommen in unserer Welt, der Terror. Uns wurde klar, dass dieser Tag alles verändern würde. Im Nachhinein kommt es mir fast vor, als wäre ich an diesem Tag erst wirklich erwachsen geworden.

Wir hatten eine Reise gebucht für Ende September 2001 in die USA. Kurz vor Reisebeginn wurde der Flugverkehr wieder aufgenommen und wir hätten die Reise antreten können. Es wäre unsere erste Reise in die USA gewesen. Wir entschieden uns nicht zu fliegen. War das die USA, die wir besuchen wollten? Oder war das große freie Land nun traumatisiert? Wir holten die Reise 2006 nach. Auch da waren die Kontrollen im Flugverkehr und an Touristenattraktionen immer noch erheblich. Es war nicht viel übrig geblieben von dem unbeschwerten freien Leben der Amerikaner. Jedenfalls nicht so wie ich es mir vorgestellt hatte. Der 11.09.2001 hatte wirklich alles verändert.

Carsten Kemper, Berlin


Liebe Redaktion, wie oft haben meine Frau und ich über diesen 11. September und dieses absurde so bezeichnende Telefonat gesprochen. Es war der Moment, der unsere Vorstellungskraft überstieg. Das konnten und wollten wir uns – bis zu diesem Tag - nicht vorstellen. Und dann dieses Telefonat: Mein Kollege Stefan steht in meinem Büro. Ich habe ihn in mein Büro rüber gerufen, als ich die ersten Bilder aus New York im Fernsehen sehe.

Wir starren auf den Fernseher. Das erste Flugzeug ist ins World Trade Center geflogen. Wir sind fassungslos. Das zweite Flugzeug fliegt in den zweiten Turm. Wir glauben nicht, was wir sehen, denken erst, es ist eine Wiederholung des ersten Flugzeugs. Wir fühlen uns wie im schlechten Kino. Ich rufe meine Frau an. „Nina, mach bitte mal den Fernseher an. Schnell!“ Pause... Sie sagt nichts... Stille… Ich frage: „Und, was siehst du?“ Sie: „Ulrich Wickert...“ Das ist absurd. Es ist absurd. Kurz danach stürzen die beiden Türme in sich zusammen. Es war irreal und unvorstellbar schlimm.

Tobias Martin


Auch für mich wird dieser Tag unvergesslich sein: Der schönste und zugleich doch schreckliche Tag hat mein Leben verändert. Mein damaliger Ehemann und ich hatten uns schon seit geraumer Zeit um die Adoption eines Kindes beworben. An diesem Vormittag erhielt ich auf der Arbeit den langersehnten Anruf der Sozialarbeiterin, dass wir für ein neugeborenes Mädchen als zukünftige Eltern ausgesucht wurden. Hier flossen schon die ersten, aber nicht letzten Tränen des Tages. Zu aufgewühlt, um mit dem eigenen Auto zu fahren, wurde ich von einem Kollegen zur Adoptionsvermittlungsstelle gebracht.

Nach kurzer Information über das weitere Procedere sind wird von dort in das naheliegende Krankenhaus gefahren, um unsere Tochter das erste mal in den Armen halten zu können. Die Entlassung aus dem Krankenhaus war für den folgenden Tag angekündigt. Auf die Ankunft eines Kindes konnten wir uns zuvor nur begrenzt vorbereiten, da das Alter des Kindes nicht bekannt war. Nun mussten schnell noch die notwenigsten Dinge für die Ankunft des Babys besorgt werden. In unseren Köpfen kreisten tausend Gedanken. Eltern werden im Schnelldurchlauf. Zunächst mussten ich zurück zu meiner Arbeit, um den Schreibtisch leer zu räumen, den Chef zu informieren sowie mein Auto abzuholen. Ich war ab sofort in Elternzeit, surreal ! Mein Mann fuhr mich hin und wartete am Parkplatz.

Als ich zu ihm zurückkehrte saß er mit versteinerter Mine im Auto und hörte die erschütternden ersten Informationen im Radio. Zudem stand sein Handy nicht mehr still. Er war seinerzeit als Chefregisseur im Informationsbereich beim Fernsehen tätig. Wir wussten beide, was dies bedeutete: Er musste trotz der privaten Umstände zum Sender.

Während ich versucht habe, die notwendigsten Dinge, wie Windeln, Babynahrung, Bekleidung etc. zu organisieren, wurden immer mehr Informationen zu den Ereignissen bekannt. In dem Einkaufszentrum wurden die Fernseher teilweise auf die Gänge geschoben, aber ich habe die Nachrichten nur wie im Rausch wahrnehmen können.

Damals vermutete man, dass auch in Berlin Anschläge verübt werden könnten. Es war am Anfang nicht bekannt, ob und wann mein Ex-Mann seinen Arbeitsplatz in dem sogenannten Bannkreis wieder verlassen kann. Die Sorge war groß. Wir waren im Wechselbad der Gefühle. Die Anrufe bei den zukünftigen Großeltern führten ebenfalls zu reichlich Tränen und die eigentliche Freude über das neue Familienmitglied war bei allen durch die Anschläge getrübt. Letztendlich haben wir am nächsten Morgen unsere Tochter zwar gemeinsam abholen können, jedoch blieb ich in der nächsten Zeit allein mit dem Kind zu Hause. So hatten wir uns die Ankunft eines Kindes nicht vorgestellt, es ist dafür umso mehr ein bleibendes Erlebnis für alle.

Mit freundlichen Grüßen, Ute Huwe


Sehr geehrte Damen und Herren, am 11. September war ich mal wieder für vierzehn Tage in Los Angeles. Am dritten oder vierten Tag im Hotel nahe am Flughafen machte ich morgens den Fernseher an und sah Bilder, wie ein Flugzeug in ein Hochhaus flog, und dann noch eins. Erst dachte ich an einen Katastrophenfilm, und es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass es Wirklichkeit war, und die Hochhäuser das World Trade Center. Mein erster Gedanke war: Sie haben Amerika ins Herz getroffen, dahin, wo es am meisten weh tut.

Ein, zwei Stunden später fuhr ich in die Stadt und erlebte, wie alles noch ganz normal weiterlief. Die Geschäfte waren geöffnet, Menschen waren unterwegs, Busse fuhren. Nach und nach tauchte immer mehr Polizei auf, die Malls wurden geschlossen, das „Leben heruntergefahren“. Als ich wieder im Hotel war, erfuhr ich, dass auch der Flughafen auf unbestimmte Zeit geschlossen wurde und bekam gleich Panik,- wie verrückt! -, dass ich meinen Flug zurück nach Deutschland verpassen würde.

Danach hing ich zwei Tage am Fernseher, wo sich die schrecklichen Bilder wiederholten, und traf mich mit meinen Freund*innen, um über das Geschehene zu sprechen. An die Folgen, an einen Krieg hat niemand gedacht. Wir waren einfach nur geschockt. Nach drei Tagen öffnete der Flughafen wieder, so dass ich zurückfliegen konnte. Das war mein letzter Aufenthalt in Amerika.

Adelheid Braun


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Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

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