Vielleicht ergeht es den Berlinern ähnlich wie den Japanern. Dort hat die Grippewelle früh begonnen, nur einmal seit 1999 setzte sie früher ein. Vielleicht wird die Saison aber auch wie in Australien ausfallen, relativ mild. Noch lässt sich das nicht seriös vorhersagen. Fest steht nur, dass in Berlin die Zeit der Infekte angebrochen ist.
Es sind vor allem Erkältungen, die den Menschen im Moment zu schaffen machen, in der Hauptstadt, in Deutschland insgesamt. Bundesweit traten im Stichprobennetz der Arztpraxen, der sogenannten Sentinel Surveillance, von Ende August bis Ende September Rhinoviren am häufigsten auf mit einer Positivrate von 38 Prozent. Es folgten Para-Influenzaviren mit 13 und Adenoviren mit drei Prozent. Sars-CoV-2 und die harmloseren saisonalen Coronaviren spielten kaum eine Rolle, sie lagen bei je zwei Prozent, Influenzaviren bei einem Prozent.
Es handelt sich somit um einen typischen Saisonauftakt, wobei jedoch das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Berlin bei Keuchhusten einen ungewöhnlich starken Anstieg verzeichnet. Allein in der jüngsten Berichtswoche wurden der Landesbehörde 18 Fälle gemeldet, „die höchste wöchentliche Fallzahl in diesem Jahr“, wie das Lageso mitteilt.
Starker Anstieg bei Keuchhusten
Betroffen waren vor allem Kinder, lediglich drei Erwachsene erkrankten an Keuchhusten in der zurückliegenden Woche. Es sind insbesondere auch Kinder, die insgesamt die Erkältungswelle vorantreiben. So beobachtet Ulrike Protzer einen Anstieg der Infekte seit dem Ende der Sommerferien und dem Wiederbeginn des Unterrichts.
Protzer ist Professorin am Lehrstuhl für Virologie an der Technischen Universität München, und wenn man sie fragt, wie denn nun die bevorstehende Grippesaison ausfällt, wann sie ihren Höhepunkt erreicht und wie stark sie ausfallen wird, erklärt sie, eine Prognose komme einem Blick in die Kristallkugel einer Wahrsagerin gleich.
Japan und Australien jedenfalls ergeben kein einheitliches Bild, und der Blick auf die Südhalbkugel eignet sich nur bedingt für eine Prognose. „Aber der Fakt, dass die allgemeine Situation bei Atemwegsinfekten sehr ähnlich ist zu der in den beiden vergangenen Jahren, lässt zumindest vermuten, dass sie auch sehr ähnlich verlaufen wird.“
Viren breiten sich wieder nach einem üblichen Muster aus
Die Corona-Pandemie mit ihren strengen Kontaktbeschränkungen wirkt immer weniger nach, schon 2024 und 2025 war dieser Trend zu beobachten. Die Viren breiten sich wieder nach einem üblichen Muster aus, die Wellen erreichen im Januar, Februar den größten Ausschlag.
Die zurückliegende Grippewelle begann zwar relativ früh, Ende November. Sie dauerte 15 Wochen, lief Anfang März aus. Nach der Definition des Robert-Koch-Instituts (RKI) beginnt eine Grippewelle, sobald mindestens jede fünfte Probe, die das Nationale Referenzzentrum für Influenzaviren untersucht, positiv getestet wird. Das RKI ordnete den Verlauf als moderat ein.
Laut RKI-Saisonbericht kamen rund 105.000 Menschen mit schwerer Atemwegsinfektion und Influenza-Diagnose ins Krankenhaus. Die tatsächlichen Fallzahlen bewegen sich im Bereich von Millionen, die meisten Erkrankungen werden nicht durch ein Labor bestätigt. Schätzungen gehen von etwa 20 Millionen Betroffenen bundesweit aus.
Grippewelle 2026/27: Darf Berlin auf einen milden Winter hoffen?
Vor den aktuell grassierenden Erkältungsviren schützen lediglich die üblichen Vorkehrungen, Handhygiene zum Beispiel und vor allem Masken. „Gegen Grippe kann man sich impfen lassen und sollte dies auch tun“, sagt Ulrike Protzer. Die Impfung sei ein Faktor, der das Ausmaß einer Grippewelle beeinflusse.
Dass die Immunisierung der Bevölkerung stark verbesserungswürdig sei, findet Reinhard Berner, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko) beim RKI. Einen Anhaltspunkt liefern Daten der Techniker Krankenkasse (TK) zu Grippeschutzimpfungen in Berlin. Im vergangenen Winter ließen sich demnach 45 Prozent der TK-Versicherten ab 60 Jahren gegen Grippe impfen. Im Winter davor lag die Quote bei 43 Prozent, 2021/22 waren es in Berlin noch 52 Prozent.
„Zwei Drittel der Erwachsenen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf“, sagt Berner, „sind in Deutschland ungeschützt.“ Das gelte für Influenza, aber auch für Covid-19 und RSV. Der Stiko-Chef spricht Menschen mit bestimmten Grunderkrankungen der Lungen oder Atemwege an, meint Herz-Kreislauf-Patienten.
Für Influenza bleibt die Stiko in ihren Empfehlungen bei einer Altersgrenze von 60 Jahren, ab der geimpft werden sollte. „Bei RSV und Covid-19 haben wir jetzt die Empfehlung für die Gruppe der über 75-Jährigen ausgesprochen, von denen wir wissen, dass sie ein erhebliches Risiko haben, ins Krankenhaus zu kommen, auf eine Intensivstation verlegt und beatmet zu werden.“ Risikopatienten unter 75 bleiben bei Corona und RSV weiterhin eingeschlossen.
Fokus auf Menschen mit einem echten Risiko
Fokussierung auf ein echtes Risiko, so nennt Berner das. „Wenn man einem 60-jährigen Marathonläufer gesagt hat, dass er zur Risikogruppe gehört, hat er einen ausgelacht, weil er sportlicher und gesünder ist als manch andere, die zehn, zwanzig Jahre jünger sind.“
Menschen mit einem erhöhten Risiko sollten sich nun rechtzeitig impfen lassen, sagt Berner: „Auf jeden Fall vor der Influenzawelle.“ Die Frage ist nur, wann sie kommt.
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