Jetzt geht das wieder los, dachte ich, als ich das dunkle Mountainbike bei uns in Friedrichshain vor einem Haus sah. Mich irritierte nicht das Rad, sondern das Ding auf dem Gepäckträger: eine Baseballkeule. Wer die Gewalt der „Baseballschläger-Jahre“ erlebt und auch mal Drohanrufe von Neonazis bekommen hat, versteht, warum ich bei dieser Alu-Keule zuerst an Gewalt denke und nicht an Sport.
Doch mein Vorurteil war falsch. Aus der Haustür kam ein Mädchen, vielleicht 14 Jahre alt, mit ihrer Freundin, die ebenfalls einen Baseballschläger auf dem Gepäckträger hatte – und der war tatsächlich in den Farben Lila und Rosa. Die Mädels trugen auch keine Bomberjacken, sondern bunte Sportkleidung und fuhren wohl zum Training.
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Vorurteile sind die schnellsten Urteile der Welt. Das Gehirn will uns schützen und checkt Dinge, die irritierend sind. Angeblich innerhalb von 150 Millisekunden wird alles in Gut und Böse eingeteilt, gefährlich und ungefährlich. Die eigentliche Aufgabe kommt erst danach: Das Vorurteil zu überprüfen und gegebenenfalls zu ändern.
Irritierende Wahlwerbung im Briefkasten
Neulich zeigte mir ein Freund einen Brief, der kurz vor der Wahl in Lichtenberg in den Briefkästen lag. Er war vom ehemaligen Bezirksbürgermeister, früher Linke, inzwischen SPD. Ich wollte den gar nicht lesen, mein Urteil stand fest: Das ist Werbung für die SPD, was sonst? Denn er erklärte auf der ersten Seite ausführlich, warum er die Politik der Linken nicht mehr mag. Auf der zweiten Seite dann ein Foto von ihm und einem Mann in rotem Shirt. Ich fand die Sache etwas erwartbar, las aber doch weiter – und mein Vorurteil wurde pulverisiert: Der Ex-Linke SPD-Mann machte Werbung für einen CDU-Kandidaten.
Schließlich bin ich selbst Opfer eines Vorurteils geworden: In einem Bus in Kroatien hatte ich vor Jahren mein blaues Lieblingsbasecap vergessen und mich mächtig geärgert, weil es ein spezielles Blau war, das ich so zuvor nie bei einer Mütze gesehen habe – auch nicht danach. Neulich aber hing im Dorf Tirol in Italien genau dieses Blau.
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Ich kaufte das Basecap und war glücklich. Bis ich am Alexanderplatz auf die U-Bahn wartete. Neben mir ein Mann, der mich ziemlich dreist angaffte und drei-, viermal nickte. Dann sagte er: „Schöne Mütze.“ Ich nickte nur kurz, weil ich ihn zu aufdringlich fand. Nun sagte er: „Schöne Farbe.“ Da ich sehr irritiert schaute, öffnete er seine Jacke und ich sah einen Anstecker der AfD.
Ich stieg schnell in die Bahn und checkte mit dem Handy im Internet die Farben. Mein Blau ist ganz klar anders, aber offenbar ist das manchen egal. Sie haben das Urteil gefällt, dass ich etwas mit dieser Partei am Hut habe.
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