Wer in den Eckart-Witzigmann-Palazzo geht, bringt Erwartungen (und mindestens 109 Euro) mit. Immerhin wird er an einem Ort, der sich als das "völlig verrückte Restaurant Theater" vorstellt, das 4-Gänge-Menü eines Jahrhundertkochs verspeisen. Es gibt die Verheißung, etwas Einmaliges zu erleben.Hier ist jeder Ignorant gut beraten, der so tut, als würde es Pomp Duck and Circumstance nicht schon seit Jahren geben. Der so tut, als ginge es um eine überraschende Idee. Tatsächlich ist der Empfang im Spiegelpalast am Leipziger Platz so freundlich, das Personal so zuvorkommend, dass man unsicher ist, wirklich in Berlin zu sein.Doch kaum eröffnet die hochattraktive Gastgeberin Shequida das Programm, da wird ihr eine plüschige Koordinatorin an die Seite gestellt. Eine mit wenig Talent und großem Schnabel. Nataschas Leistung besteht darin, kräftig berlinern zu können. Vielleicht soll sie eine Referenz an die Hauptstadt sein? Vielleicht sogar ein Gag? Natascha jedenfalls schafft es, die Gesichtszüge einiger Zuschauer entgleisen zu lassen. Nach unten.Shequida ist bemüht, das Publikum zum Klatschen zu animieren. Aber in den folgenden dreieinhalb Stunden kann sie darauf verzichten: Sowohl bei ihren eigenen (fast kathedralen) Gesangsdarbietungen, als auch bei den Artisten, bei den Körperbeherrschern Nataliya Vasylyuk und Anatoliy Zalevskiy, die sich kunstvoll verbiegen, oder beim Duo Artemiev, das über den Tischen zu der Filmmusik von "12 Monkeys" tanzt, klatscht das Publikum gern von selbst. Es gibt sogar Steigerungen: die faszinierende Jonglage von Paul Ponce, die Comedy-Einlagen von Jeff Hess oder die Lachnummern von Jigalov, der für einen Pantomimen mächtig viel grunzt, werden begeistert gefeiert.Zwischendurch wagt das Rizoma-Ballett einen Ausdruckstanz. Nun gut. Doch dann kommt sie wieder: Natascha, die einfältige Lieder mit noch einfältigeren Gedichten unterbieten kann. Weil sie jeweils den nächsten Gang ankündigt, muss man immer erst sie, als dicksten Brocken des Abends, schlucken, bevor es dann wahlweise zum Timbale von Flusskrebsen auf Meerrettichmousse, zum Supreme vom Steinbutt mit Tomatenkruste, zum Filet vom Milchkalb auf Wirsinggemüse oder zum Délice aus Schokolade mit eingelegten Bananen übergeht. Diese Speisen sind nicht nur köstlich, sondern auch versöhnlich. So schlagen die fehlende Dramaturgie und die so genannte Regie (Markus Pabst) einem nicht direkt auf den Magen.Und dann passiert es doch, am Ende des Abends vergleicht man zwei ähnliche Unternehmen: Wodarz empfängt bei Pomp Duck die Vergnügungssüchtigen, die sich etwas Gutes gönnen. Witzigmann bedient die Trendbourgeoisie, die sich etwas leistet. Bei Wodarz werden die Gäste respektlos behandelt. Bei Witzigmann werden sie "angenehm überrascht". Bei Wodarz werden die Künstler präsentiert. Bei Witzigmann sind sie irgendwie da. Bei Wodarz wird man unterhalten. Bei Witzigmann unterhält man sich.Das eine Restaurant ist "außer Kontrolle", das andere "völlig verrückt". In Konkurrenz, so ist festzustellen, stehen die beiden nicht.Witzigmann Palazzo bis 15. Februar 04, Leipziger Platz, Karten: 01805/72 52 00.
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