Die Schlagzahl in den finalen Tagen vor Beginn der Basketball-Weltmeisterschaft der Frauen war auch für Svenja Brunckhorst spürbar höher als sonst. Beim Turnier in Berlin kommt zu ihrer Rolle als Managerin für Mädchen- und Frauenbasketball bei Alba noch eine weitere hinzu: Die 3x3-Olympiasiegerin von 2024 ist gleichzeitig Botschafterin der Heim-WM.
Nach einem Mittagessen beim Asiaten um die Ecke und einem anschließenden Kaffee nimmt sich die 34-Jährige dennoch in der Alba-Geschäftsstelle in Prenzlauer Berg Zeit für die Berliner Zeitung. Die Heim-WM, ihr Olympia-Gold, der Aufschwung des deutschen Frauenbasketballs, die mittlerweile fünf WNBA-Spielerinnen und die große Chance für ihren Sport: Themen gibt es im halbstündigen Gespräch jede Menge.
Nach 28 Jahren mal wieder eine Heim-Weltmeisterschaft
Frau Brunckhorst, was löst diese Basketball-WM in Deutschland, in Berlin, bei Ihnen aus? Was macht das mit Ihnen?
Extrem viel. Es ist nach 28 Jahren wieder eine Heim-Weltmeisterschaft. Ich habe das damals 1998 noch nicht so aktiv mitgekriegt. Und darum ist das etwas ganz Besonderes. Es ist ein riesengroßer Hype, gerade um Basketball, ob Männer- oder Frauenbasketball, ist egal. Und zu sehen, dass es hier stattfindet – ich habe ein Heimspiel –, ist ein ganz, ganz tolles Gefühl.
Verspüren Sie ein bisschen Wehmut, dass Sie das nicht mehr als Spielerin erleben können?
Ich habe wirklich Vorfreude, die Mädels da spielen zu sehen. Mehr aber nicht. Ich bin sehr zufrieden mit einem guten, perfekten Ende für mich. Natürlich habe ich schon ein bisschen überlegt, als ich gehört habe, dass Deutschland sich für die Frauen-Weltmeisterschaft bewirbt und den Zuschlag bekommen hat. Für mich war aber eigentlich klar: 2024 ist Ende.
Ich bin so froh, dass ich jetzt an diesem Punkt bin, dass ich zu den Spielen fahre, sie mir angucke und einfach nur happy bin, an der Seite zu sitzen.
Svenja Brunckhorst (r.) genießt es mittlerweile, sich die Spiele der deutschen Frauennationalmannschaft von der Tribüne anzuschauen.
© Beautiful Sports/Freudenstein/Imago
Wäre mental und körperlich überhaupt noch etwas im Tank gewesen für ein solches Turnier wie die WM?
Mental bestimmt, körperlich weiß ich nicht.
Was kann diese WM für den Frauenbasketball in Deutschland und speziell in Berlin auslösen?
Es ist genau dieser Hype, der gerade da ist: 2023 mit den Männern als Weltmeister, 2024 wir als Olympiasiegerinnen, 2025 wieder die Männer als Europameister. Ich glaube, das sind einfach Jahre, in denen Basketball im Fokus ist. Und darum ist es jetzt wichtig, dass wir noch mal so ein großes Frauenevent haben.
Man sieht, dass hier in Berlin für jeden Verein gerade viele Aktivitäten drumherum starten, dass Möglichkeiten geschaffen werden und dass Zuspruch von Mädchen da ist. Dass sie so ein Event vor der eigenen Haustür miterleben können, lässt sich hoffentlich in Motivation ummünzen. Damit sie weiter dranbleiben und Bock haben, Basketball zu spielen.
Und natürlich müssen der Berliner Basketballverband, wir bei Alba und alle anderen Vereine deutschlandweit diese Möglichkeiten und den Hype, der gerade passiert, mitnehmen. Jetzt wird gerade etwas angeschoben.
Alba Berlin und die Mega-Arena: „Vision, Wille und Möglichkeit sind jetzt da“
Aber entsteht dadurch nicht auch Druck? Nach dem Motto: Jetzt muss zwingend etwas Nachhaltiges bleiben?
Man macht sich schon ein bisschen Druck. 1998 hatten wir die letzte Heim-WM und danach ist nicht viel passiert. Aber ich glaube, wir sind an einem anderen Punkt, mit einer anderen Voraussetzung und einer anderen Basis.
Ich verspüre jetzt keinen Druck, sondern eine große Möglichkeit und Chance. Man sollte das eher so sehen. Wenn man so eine Chance hat, sollte man versuchen, sie bestmöglich zu ergreifen. Und wenn es nur ein kleiner Schritt ist, dann ist es ein kleiner Schritt.
Wenn man so eine Chance hat, sollte man versuchen, sie bestmöglich zu ergreifen.
Svenja Brunckhorst
Der deutsche Basketball ist aktuell so erfolgreich wie nie. Die Männer sind Welt- und Europameister, die Frauen 3x3-Olympiasiegerinnen, dazu kommen immer mehr NBA- und WNBA-Spieler. Was ist passiert?
Bei den Männern will ich mich da nicht so weit aus dem Fenster lehnen, weil ich glaube, dass es mehrere andere Akteure gibt, die besser wissen, wie sich die Strukturarbeit aufgebaut hat. Bei den Frauen war es natürlich auch manchmal ein bisschen generationsabhängig. Wir haben die goldene Generation, die 2018 Europameisterin geworden ist. Vier davon sind jetzt in der WNBA. Da war sehr viel Talent in einem Jahrgang.
Leonie Fiebich (r.) spielt bei den New York Liberty und ist damit eine von fünf deutschen Spielerinnen in der WNBA.
© Thurman James/Imago
Wie ist das gelungen?
Die wurden anders gefördert, beziehungsweise hatten wir da auch ein bisschen Glück. Das ist im Mannschaftssport manchmal so, dass unterschiedliche Generationen entstehen. Aber man hat auch nachhaltig aufgebaut. Der Verband hat früh gesehen, dass das eine Generation ist, die acht Jahre später in ihrer Prime sein könnte.
Und man hat gemerkt: Ab dem Zeitpunkt, an dem diese Spielerinnen in den A-Kader gekommen sind, hat sich die Qualität verändert. Jetzt merkt man auch, dass der Pool an Mädchen viel größer ist. Dadurch haben wir eine bessere Qualität. Früher war die Auswahl an Spielerinnen auf Top-Level einfach zu klein, sodass wir international nicht mithalten konnten. Jetzt sind wir breiter und haben mehr Spielerinnen im System.
Ist es schwieriger, dieses Niveau zu erreichen oder es zu halten?
Beides. Es hat schon sehr lange gedauert, das überhaupt auf so ein Level zu bringen. Wir hatten diesen Fluch, uns zwölf Jahre lang nicht für eine Europameisterschaft zu qualifizieren. Und das spielt immer wieder mit rein: Dann bist du bei der nächsten Qualifikation im schlechteren Topf, hast wieder bessere Teams und es wird erneut schwierig.
Diesen Fluch haben wir irgendwann durchbrochen. Und jetzt sieht man: Wenn wir auf dieser Bühne sind, können wir auch mitspielen. Das verändert die Erwartungshaltung. Aber: Wir haben eine gute Basis geschaffen, und ich glaube, dass es in den nächsten Jahren definitiv der Anspruch sein sollte, langfristig auf Top-Niveau dabei zu sein.
Eine Olympiasiegerin für Alba Berlin: Svenja Brunckhorst ist beim Hauptstadtklub nach dem Ende ihrer sportlichen Laufbahn Managerin für Mädchen- und Frauenbasketball.
© Matthias Koch/Imago
Welche Rolle will und kann Alba Berlin dabei spielen?
Unser größter Anspruch ist sportliche Exzellenz. Im Profifrauenbereich gehen wir jetzt erst in die fünfte Saison. Da brauchen wir noch ein bisschen Substanz. Aber ich glaube schon, dass wir mit unserer Entwicklung und unserer Philosophie extrem viel zeigen: Über den Nachwuchs kommen, aufbauen und langfristig etwas etablieren.
Wir haben in der vergangenen Saison fast alles im weiblichen Nachwuchs gewonnen, was man in Deutschland gewinnen kann. Wir haben extrem viele junge Nationalspielerinnen in den U16- bis U20-Teams. Das ist die Basis. Und ich glaube, dass wir auch sehr bald zeigen werden, dass unsere Spielerinnen den Unterschied machen und mehr in den Frauennationalmannschaften vertreten sind – aus unserer eigenen Schule.
Zur Person
2024 führte Brunckhorst die deutsche 3x3-Auswahl als Kapitänin bei den Olympischen Spielen in Paris zur Goldmedaille – der ersten olympischen Medaille einer deutschen Basketballmannschaft. Nach ihrem Karriereende wechselte sie ins Management von Alba Berlin und ist dort seit der Saison 2024/25 für den Mädchen- und Frauenbasketball verantwortlich. Bei der Heim-WM 2026 in Berlin ist sie zudem als Botschafterin im Einsatz.
Bei den Männern sind die Wagner-Brüder, die beide in der NBA spielen, zwei Beispiele dafür, was möglich ist, wenn man den kompletten Weg bei Alba geht. Kann das bei den Mädchen ebenfalls funktionieren – bis hin zur WNBA?
Ich glaube, der Markt für europäische Spielerinnen hat sich sehr geöffnet. Für viele WNBA-Teams ist es interessanter geworden, über den Ozean zu schauen. Das war lange nicht so.
Darum glaube ich schon, dass das eine Möglichkeit ist. Wir haben meiner Meinung nach einige Talente, die, wenn alles gut läuft, da auch mal anklopfen können. Es gibt durchaus Beispiele aus Berlin, dass man es schaffen kann. Man wird sehen.
Vor zwei Jahren haben Sie mit Ihren Mitspielerinnen Olympia-Gold im 3x3 gewonnen. Was hat diese Medaille verändert?
Für mich persönlich hat sich extrem viel geändert. Mein Leben wurde um 180 Grad gewendet. Es war plötzlich sehr viel Traffic auf meiner Person und auf den anderen, mit dem wir am Anfang gar nicht umgehen konnten. Jetzt hat man sich langsam daran gewöhnt.
Aber natürlich können wir sehr stolz darauf sein. Es ist die erste olympische Medaille, die der Deutsche Basketballbund jemals geholt hat. Wenn man weiß, dass man ein Teil von etwas Historischem war, dann ist das etwas, was uns immer begleiten wird. Das macht mich extrem stolz.
Ich merke aber auch, dass dadurch sehr viel in Bewegung gekommen ist. Auch für eine Sportart, die vorher kaum jemand auf dem Schirm hatte. Für den Frauenbasketball und für die Sportkultur war das ein Riesenschritt.
Ein Moment für die Ewigkeit: Svenja Brunckhorst (l.) präsentiert mit ihren Teammitgliedern die olympische Goldmedaille, mittendrin Deutschlands Superstar Dirk Nowitzki.
© Eibner/Imago
Ist es nicht trotzdem ärgerlich, dass es offenbar erst diese Medaille braucht, damit eine Sportart wahrgenommen wird?
Klar. Ich habe mich schon gefragt, warum es vorher 26 Jahre lang niemanden interessiert hat, was ich tagtäglich mache, was man da reinsteckt und welche Struggles man hat.
Aber das ist die Power der Olympischen Spiele. Und ich glaube, wenn wir 3x3-Weltmeisterinnen geworden wären, wäre es auch nicht so groß gewesen, wie es jetzt im Vergleich mit den Olympischen Spielen war. Das war einfach eine Sichtbarkeit und Präsenz, die uns geholfen hat.
Kann die Heim-WM eine ähnliche Kraft entwickeln?
Auf jeden Fall. Wenn das Turnier in den USA oder Frankreich stattfinden würde, wäre es wahrscheinlich nicht so groß und deutschlandweit nicht so in aller Munde. Von daher ist das eine riesengroße Möglichkeit.
Ein Abend mit Signalwirkung: Die NBA testet in Berlin Europas Basketballmarkt
Aber nur, wenn sie sportlich erfolgreich verläuft?
Ich glaube, Turniere funktionieren meistens nur, wenn Erfolge der Nationalmannschaft da sind. Die Frage ist also, wie sie die Welle reiten, wie euphorisch die Menschen mitgehen. Aber es hat sehr, sehr viel Potenzial.
Die deutschen Spiele sind so gut wie ausverkauft. Wir haben eine Übertragung über Magenta und ProSieben – das hat es so noch nicht gegeben. Wenn dann noch der Erfolg dazukommt, kann sehr viel Power ausgelöst werden.
Was trauen Sie der deutschen Mannschaft nach dem Ausfall von Satou Sabally zu?
Es ist ein herber Rückschlag. Es tut mir auch für sie persönlich extrem leid. Ich weiß, dass sie unbedingt spielen wollte. Auch für das Team ist es bitter. Satou hat das Team so oft auf ihren Schultern getragen und ist eine der Top-Spielerinnen weltweit.
Dennoch glaube ich, dass das Team das kompensieren kann. Es ist natürlich nicht optimal, dass viele aufgrund der WNBA-Saison erst sehr spät zur Mannschaft stoßen und es wenig gemeinsame Vorbereitungszeit gibt. Aber wenn sie einmal zusammen sind, haben sie sehr viel Qualität.
Aber mit Satou Sabally wäre noch mehr möglich?
Mit Satou bin ich fest davon ausgegangen, dass sie Top vier sein können. Jetzt kommen sie auf jeden Fall aus der Gruppe, und dann ist das Viertelfinale entscheidend. Da können viele Konstellationen passieren.
Aber die Qualität haben sie. Und ich glaube weiterhin daran, dass sie sehr weit kommen können. Die Mädels haben Bock auf diese Heim-WM. Vielleicht sind das die paar Pünktchen, die sie durch den ganzen Hype zu Hause zusätzlich herausholen können.
Wird der deutschen Mannschaft verletzungsbedingt fehlen: die Berlinerin Satou Sabally
© Shaina Benhiyoun/SPP/Imago
Die Nationalmannschaft der Männer hat in den vergangenen Jahren von den zahlreichen NBA-Profis profitiert. Wie wichtig sind die mittlerweile fünf deutschen WNBA-Spielerinnen für die Entwicklung der Frauenmannschaft?
Sehr wichtig. Wir haben aber nicht nur fünf WNBA-Spielerinnen, sondern auch noch viele, die gerade wirklich an die Tür klopfen. Da sind zwei, drei, vier Spielerinnen, die für die nächsten Jahre interessant sind und vielleicht ebenfalls den Sprung schaffen können.
Das zeigt, dass sehr viel Qualität in diesem Kader ist. Und es ist wichtig, weil Basketball ein Teamsport ist. Jetzt haben wir sehr viele Waffen, die unterschiedlich sind. Darum ist es schon besonders, dass wir aktuell fünf Spielerinnen in der WNBA haben und gleichzeitig viele auf Top-Niveau in Europa.
Wie stark spüren Sie diesen Aufschwung des Frauenbasketballs in Berlin bereits bei Alba?
Ich glaube, allgemein passiert gerade einiges rund um den Frauensport. Wir sind natürlich einer der Vereine, die da mitgehen wollen. Man merkt schon, dass etwas passiert. Und trotzdem wissen noch nicht alle in dieser Stadt, dass es Frauenbasketball bei Alba gibt.
Berlin ist einfach so groß und hat so viel Angebot. Da müssen wir noch einiges machen. Aber ich glaube, wir tragen einen riesigen Teil dazu bei, dass der Frauensport in Berlin und deutschlandweit sichtbarer wird. Wir sehen da trotzdem noch viel Potenzial.
Das Eröffnungsspiel gleich als Höhepunkt
Die Max-Schmeling-Halle ist von hier in Sichtweite. Welches Spiel werden Sie bei der WM auf keinen Fall verpassen?
Natürlich das Eröffnungsspiel der Deutschen gegen Spanien. Das ist mein absolutes Highlightspiel gleich am Anfang. Aber natürlich muss und will man Team USA mindestens ein-, zwei- oder sogar dreimal sehen, weil es ein sehr beeindruckendes Team ist.
Auch in der Vorrunde gibt es spannende Spiele. Belgien ist immer schön anzuschauen. Japan ist auch ein cooles Team. Es gibt viele Mannschaften, die mich interessieren. Aber Deutschland und die USA sind natürlich die beiden Standards.
Welchen Platz kann diese WM in der deutschen Basketballgeschichte einnehmen?
Ich glaube, es kann der Gamechanger werden. Auch wenn man hört, welchen Fokus die Fiba auf diese WM setzt: Im weltweiten Kosmos, wie man Frauensport denkt, ist da sehr viel Bewegung drin. Ich glaube, diese WM kann sehr viel auslösen. Ich sehe da historische Chancen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]