Besser kann es für die Kaczynskis kaum laufen. Noch ist kein Monat vergangen, seit die polnische Rechtsregierung ihr Scheitern eingestehen musste und das Parlament den Weg zu Neuwahlen frei machte. Nur ein Viertel der Bevölkerung meinte damals, Jaroslaw Kaczynski habe sich als fähiger Ministerpräsident erwiesen. Wer aber glaubte, wenigstens dieser Kaczynski sei nur eine Fußnote in der polnischen Politik gewesen, sieht sich getäuscht. Die Chancen des amtierenden Premiers, auch die vorgezogenen Wahlen am 21. Oktober zu gewinnen, stehen gar nicht schlecht, sagen die Umfragen.Kaczynski und seine Mannschaft hatten ihren Landleuten nicht weniger als ein neues Polen versprochen: patriotisch, sozial und vor allem ohne Korruption und Skandale. Doch dann war ihre Koalition nach der Hälfte der Legislaturperiode in einem Sumpf von übler Nachrede, schmutzigen Grabenkämpfen und undurchsichtigen Manipulationen untergegangen.Nach nur knapp vier Wochen ist die Stimmung aber schon wieder umgeschlagen, und das ist nicht einmal erstaunlich. Die Politiker bieten dem Wähler ein Bild heilloser Verwirrung. Rund ein Dutzend von ihnen hat vor dem Urnengang schnell noch einmal die Partei gewechselt. Kaum ein polnischer Wähler überblickt noch, wer in welcher Partei für welche Ziele steht. Einzig Kaczynski und seine Partei "Recht und Gerechtigkeit" machen klare Ansagen. Sie setzen auf das gleiche Programm wie vor zwei Jahren: radikaler Antikommunismus, Kampf gegen die Korruption, Entmachtung der Nachwende-Eliten. Konfrontation mit der Europäischen Union wie auch dem Nachbarn Deutschland. Damit spricht man eine stabile Wählerschicht an.Die liberale Bürgerplattform PO, die noch vor drei Wochen wie der klare Sieger aussah und uneinholbar schien, muss sich ernste Sorgen machen. Ihr fehlt ein Zugpferd, ein Politiker, der die Debatte prägt. Ihr Spitzenkandidat Donald Tusk war nie ein Volkstribun, aber jetzt wirkt er regelrecht hilflos. Auf dem Sprung an die Macht ist ihm nun auch noch eine der profiliertesten Figuren abhanden gekommen. Der Krakauer Jan Rokita, die Führungsfigur des rechten Flügels, hat sich zurückgezogen, nachdem seine Frau zu Kaczynski übergelaufen ist. Manche fürchten, dass ihr viele konservative PO-Anhänger und viele Frauen folgen werden.Polens Linke, die sich nach ihrer vernichtenden Niederlage bei den letzten Parlamentswahlen gerade wieder aufrappelt, legte einen klassischen Fehlstart hin. Verantwortlich dafür ist allein ihr Spitzenkandidat, der frühere Präsident Aleksander Kwasniewski. Als er kürzlich in Kiew vor ukrainischen Studenten in einem augenscheinlich angeheiterten Zustand auftrat, war das ein gefundenes Fressen für seine Gegner. Kwasniewski bot plötzlich Grund zur Kritik an einem Punkt, an dem er am wenigsten angreifbar erschien: Seiner Fähigkeit, Polen mit Anstand zu repräsentieren.Noch mehr dürfte ihm ein Interview zu schaffen machen, das er vor wenigen Wochen dem deutschen Magazin "Vanity Fair" gab. Darin versprach er nicht nur, das deutsch-polnische Verhältnis zu verbessern. Er forderte Berlin geradezu auf, den Kurs der Kaczynskis nicht weiter so langmütig hinzunehmen. Dass Kwasniewski zu seinen Überzeugungen steht, ehrt ihn. Punkte machen kann er damit nicht.Schon jetzt werden in Warschau fieberhaft die Möglichkeiten künftiger Koalitionen ausgerechnet. Fest steht nur eines: Wenn Jaroslaw Kaczynski beteiligt würde, wäre es gleich, wer unter ihm Ministerpräsident ist. Sein Kurs besteht nicht in der Verständigung über politische Ziele, sondern in der Konfrontation mit jedem, der ihm im Wege steht.
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