Es zählt der Unterhaltungswert

Peter Kammerer
3 Min

Meine Freunde in Deutschland sind erschüttert über Silvio Berlusconi. "Ist soooo etwas möglich. Warum wählen die Italiener so jemanden. Kann man da noch nach Italien fahren?" Die Frage ist ungerecht, denn Italiens Politik unterscheidet sich kaum von der, die sonst in Europa und den USA üblich ist: Die Regierung beteiligt das Land ungefragt an "Friedensmissionen", erhöht das Rentenalter, privatisiert, spart an der Kultur, unterstützt Lager für illegale Einwanderer in Libyen (Modell Schily), fördert den Waffenexport, klagt über den Verfall der Werte. Aber ich gebe zu, Berlusconi macht das frech und ohne staatsmännische Gesten. Mit seinem Hang zum Hampelmann verwandelt er internationale Konferenzen in eine Art Klassentreffen. Mit vielen kleinen Geschenken. Freund Tony Blair erhielt in wenigen Amtsjahren von Berlusconi 16 teure Uhren und jede Menge Luxus-Schreibzeug, die sein Nachfolger Gordon Brown versteigern ließ. Was machen andere Freunde mit dem Klimbim?Manchmal sind es persönliche Geschenke, manchmal Präsente von Firmen, ab und zu bezahlt die öffentliche Hand. Was sollen solche Unterschiede, wenn es kein Politiker mehr anstößig findet, im politischen Amt gewonnene Informationen und Beziehungen privat zu verwerten. Notfalls, wie in Deutschland, nach einer kleinen Schamfrist. Und bei Berlusconis Medienmacht lässt sich öffentlich und privat ohnehin kaum auseinanderfieseln. Der Mann ist sogar überzeugt, er habe die Medien gegen sich. Das zwingt ihn, Aussagen so lange zurechtzurücken, bis niemand mehr weiß, was er wirklich gesagt hat. Aus geschäftlichen Gründen steht er im Kampf mit der Justiz, und einmal stand er mit einem Fuß im Gefängnis. Überall sieht er Feinde, insbesondere Kommunisten, am Werk. Er verspricht das Blaue vom Himmel, und es gelingt ihm, den Leuten einzureden, dass er seine Versprechen halte.Das kennen wir auch von Berlusconis Kollegen. Die Regierung von Georg W. Bush war in solchen Machenschaften dem Italiener weit überlegen. Warum erzeugt also Berlusconi größere Irritationen? Weil er uns in seiner grotesken Übertreibung den Zustand der politischen Klasse, der wir ausgeliefert sind, deutlicher zeigt als wir wahr haben wollen? Man möchte wissen, ob diese Verkörperung von Politik Zukunft hat, ob also dieser Typus von Politiker um sich greifen wird. Man müsste also genauer erfahren, wie ein Berlusconi entsteht und warum er erfolgreich andere Arten verdrängt hat. Italien war schon immer ein politisches Laboratorium: für den Faschismus, für den Eurokommunismus und heute für Berlusconi?Das Jahr 1989 hat in Italien ein Vakuum produziert. Wenige Jahre danach verschwanden die Kommunisten, dann die Christdemokraten. Mit ihnen eine bestimmte Fähigkeit zur Opposition und eine Art zu regieren. Die demokratischen Institutionen blieben bestehen als Triumph der Verpackung. Um einen berühmten Satz zu paraphrasieren: Es genügte nicht mehr, keine Ideen zu haben, man musste sie auch ausdrücken können. Dazu war das Fernsehen da. Der frühere Premier Bettino Craxi, letzter Vertreter eines politischen Reformprojektes, ebnete dem Privatfernsehen Berlusconis den Weg. Als Craxi über Korruptionsaffären stürzte, ging Berlusconi in die Politik. Um sein TV-Imperium zu retten.Er etablierte die Herrschaft des privaten Fernsehens und übertrug dessen Regeln auf die Politik: Massenhafte Erzeugung von Passivität. Der Zuschauer/Bürger braucht nicht zu leben. Er wird gelebt. Nach diesem Muster gründete Berlusconi eine Partei ohne Diskussionen und ohne Parteitag. Was zählt, ist der Unterhaltungswert. Diskussionen werden ersetzt durch Emotionen. Dass Berlusconi Fernsehkanäle besitzt, ist unwichtig. Entscheidend ist, dass alle Medien sich diesen Regeln angepasst haben, was die Opposition zwingt, Berlusconi hinterherzuhecheln. Die Stärke einer Demokratie hängt nicht so sehr von der Qualität der Regierung als viel mehr von der Fähigkeit der Opposition ab, Menschen zu motivieren. Wo diese schwere Kunst der Opposition stirbt, beginnt das Warten auf einen Berlusconi. Nur in Italien?------------------------------Foto: Peter Kammerer ist Soziologieprofessor an der Universität Urbino (Italien).

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