Ein Gespenst geht schon wieder um in Europa. Es handelt sich nicht um eine neue politische Ideologie, sondern um etwas scheinbar ganz Gewöhnliches und Alltägliches: schlechte Laune. Daher braucht man auch nicht gleich nach revolutionären Methoden und Hebammen einer neuen Grundordnung zu rufen; ein bisschen Selbstreflexion, mehr Gelassenheit und, falls es nicht anders geht, psychologischer Zuspruch könnten reichen. Oder nimmt man schon wieder eine potenzielle Gefahr auf die leichte Schulter?
Eines ist klar, für schlechte Laune kann es viele Gründe geben, die überhaupt nichts mit Politik zu tun haben müssen. Als wir das Thema am Beispiel der modernen Gesellschaft neulich mit deutschen Freunden erörtert haben, fiel uns als Grund für schlechte Laune Folgendes ein: Sie beruht auf einer Mischung aus der Verwöhnung in der ökonomisch prosperierenden Gesellschaft und den aktuell leider unbegründeten Erwartungen einer fortlaufend steigenden Lebensqualität vor allem bei den jüngeren Jahrgängen. Man ist allzu empfindlich und verletzlich, als dass man sich auf die Welt, so, wie sie ist, einzulassen und sich in ihr auch persönlich zu engagieren vermag. Es reicht allenfalls zum Protest. Und sollte der Protest nichts gebracht haben, bietet sich schlechte Laune an. Hinzu kommt, dass das, was wir als Vertreter des modernen Westens an zivilisatorischen Errungenschaften haben – im materiellen wie auch im immateriellen Bereich –, selbstverständlich geworden und daher keiner Mühe, keines Einsatzes wert ist. Daher ist schlechte Laune im Alltag von bürgerlicher Passivität flankiert.
Zur Person
Doch kann schlechte Laune schnell zum Politikum werden. Es ist bereits in einigen europäischen Ländern vorgekommen, dass schlechte Laune nicht nur als Ergebnis politischer Streitigkeiten oder ökonomischer Probleme betrachtet wurde. Sie wurde im Gegenteil als deren Ursache gesehen, ist also als politischer Faktor völlig unterschätzt worden. Grund dafür mag sein, dass zumindest aus politologischer Sicht schlechte Laune ziemlich profan und vielleicht auch harmlos wirkt. Nichts, was von strukturellen Problemen zeugen sollte. Doch die Wahrheit kann anders sein. Leider. Denn sollte schlechte Laune in einer Gesellschaft zum Grund für die eine oder andere Misere werden, könnte dies für die weitere Entwicklung des Landes unangenehme Konsequenzen haben. Im Unterschied zu strukturellen Problemen, die man mit gutem politischen Handwerk beheben kann, sitzt schlechte Laune vornehmlich in der menschlichen Psyche. Sie zu verbannen, kann sich als besonders tückisch erweisen. Das Beispiel Tschechiens spricht diesbezüglich Bände.
Es ist schon lange her, es war am 9. Dezember 1997, dass der tschechische Präsident Václav Havel schlechte Laune zum Politikum gemacht hat. Havel ging es darum, der bleiernen Stimmung im Lande einen Namen zu geben, um sich ihrer vielleicht besser zu bemächtigen oder aber den versammelten Parlamentariern, zu denen er damals im Prager Rudolfinum sprach, Mut zu notwendigen Reformen zu machen. Václav Havel sprach damals gezielt von „schlechter Laune“ insbesondere im Zusammenhang mit der Glaubwürdigkeitskrise, die in der tschechischen Gesellschaft den Transformationseifer der 90er-Jahre langsam, aber beständig verdrängte.
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Es war zweifelsohne auch private Enttäuschung, die Präsident Havel bewegte, diese Diagnose zu stellen. Die Resonanz auf seine Worte muss ihn jedoch überrascht haben. Nicht nur Havels Anhänger, sondern viele, womöglich fast alle Kritiker gesellschaftlicher Missstände machten sich Havels Einschätzung zu eigen. Schlechte Laune wurde so zunächst zum Terminus technicus, dann zum gedankenlos genutzten Klischee, die den persönlichen Skeptizismus erklären sollte, und schließlich zu einer mentalen Schutzmaßnahme, welche den Sprecher und allmählich die gesamte Gesellschaft vor jeglichem unpassenden Optimismus schützen sollte. Denn der Optimismus, wie ein anderer tschechischer Schriftsteller, Milan Kundera, in seinem Roman „Scherz“ schreibt, ist bloß „Opium der Menschheit“. Kundera erlebte den Aufstieg des tschechischen Pessimismus oder der schlechten Laune in den 90er-Jahren nur aus der Distanz in seinem französischen Exil. Es hätte ihn aber womöglich nicht gewundert, dass seine einstigen tschechischen Mitbürger ihre kapitalistische Begeisterung ähnlich leicht wie einst die kommunistische losgeworden sind. Man wollte ja nicht schon wieder zum Besten gehalten werden.
Václav Havel und seine Frau Dagmar Havlova im Jahr 1997.
© Michal Krumphanzl/imago
Die schützende Funktion der Langeweile
Es ging in der tschechischen Gesellschaft der 90er-Jahre tatsächlich auch um die schützende Funktion des Begriffs. Alle bestehenden wie auch künftigen Irrtümer sollen ohne „uns“ stattfinden. Man war enttäuscht und man wollte diese Enttäuschung nicht für sich behalten. Es war eine Art Beweis, dass alles, was nicht läuft oder falsch läuft, ohne „mich“ läuft. Schluss mit dem Mitläufertum! Diese Position muss sehr verbreitet gewesen sein, denn es dauerte Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, bis die tschechische Gesellschaft es wagte, die mentale Komfortzone der schlechten Laune langsam zu verlassen und wieder etwas „Mitläufertum“ zu praktizieren. Die Angst vor schlechter Laune war offensichtlich viel geringer als die Angst davor, als naiv zu gelten. Erst die unlängst abgeschlossene, erfolgreiche Ratspräsidentschaft in der EU gemeinsam mit dem Auftreten des neuen Präsidenten Petr Pavel scheint der Gesellschaft neue Zuversicht zu geben, doch für eine gesicherte Diagnose ist es zu früh.
Mag das tschechische Beispiel als Warnung für alle dienen, schlechte Laune als Erklärung des einen oder anderen politischen Missstandes zu nutzen und damit als politische Kategorie salonfähig zu machen. Schlechte Laune kann viel aufdringlicher sein als schlechte Politik. Sie wirkt wie eine billige Droge, die allerdings alle teuer zu stehen kommen kann. Die tschechische Gesellschaft hat beim Konsum dieser Droge zumindest einen Vorteil, oder eine Qualität, die für sie die Folgen in Grenzen hält. Tschechen sind grundsätzlich dazu veranlagt, Dinge nicht allzu ernst zu nehmen. Es gilt die Faustregel, dass man über alles – oder über fast alles – scherzen kann. Das gilt auch für schlechte Laune. Ernstere Gesellschaften können für die Wirkung schlechter Laune anfälliger sein. Sie sollten sich vor ihr hüten!
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