Sanktionen

EU erlaubt Weiterverkauf von russischem LNG: Experten zerlegen Hoffnung auf Ersatzgas

Die EU erlaubt Konzernen, russisches LNG an Drittstaaten zu verkaufen. Dafür könnte Europa Ersatzlieferungen erhalten – doch Experten zweifeln an dem Tausch.

6 Min
Russisches LNG darf wegen einer EU-Ausnahme weiter in Drittstaaten fließen. Doch Europa erhält dafür kaum Ersatz.

Russisches LNG darf wegen einer EU-Ausnahme weiter in Drittstaaten fließen. Doch Europa erhält dafür kaum Ersatz.

© Sergei Krasnouhov/imago

Ab dem 1. Januar 2027 dürfen die EU-Staaten kein russisches Flüssigerdgas (LNG) mehr importieren. Für europäische Unternehmen mit langfristigen Verträgen hat Brüssel nach Druck aus Griechenland allerdings eine Ausnahme geschaffen: Sie dürfen ihre vertraglich gebundenen Mengen noch bis zum 25. Juli 2027 kaufen und an Abnehmer außerhalb der EU verkaufen.

Doch diese Konstruktion dürfte Europa kaum Ersatzlieferungen verschaffen. Das berichtet die Energieplattform Montel News unter Berufung auf mehrere Branchenexperten. Demnach können europäische Konzerne ihre russischen Vertragsmengen voraussichtlich nicht gegen LNG aus den USA, Katar oder anderen Lieferländern tauschen. Logistische, wirtschaftliche und rechtliche Hürden machten solche Swap-Geschäfte „unwahrscheinlich“, heißt es. Die Ausnahme helfe damit vor allem Russlands Yamal-Terminal und dessen europäischen Vertragspartnern – nicht aber Europas Gasversorgung im kommenden Winter.

Europas Gasspeicher so schlecht gefüllt wie nie

Die Einschätzung trifft Europa in einer ohnehin angespannten Versorgungslage. Mitte August waren die europäischen Gasspeicher laut Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE) nur zu gut 61 Prozent gefüllt – so niedrig wie noch nie zu diesem Zeitpunkt seit Beginn der Datenerfassung im Jahr 2011. In Deutschland lag der Füllstand am 18. August bei lediglich 50,1 Prozent. Ein Jahr zuvor waren es dagegen 66,9 Prozent, 2024 sogar 93 Prozent.

Europa benötigt daher in den kommenden Monaten deutlich mehr LNG, um seine Vorräte vor dem Winter aufzufüllen. Nach einer früheren Analyse von Montel wären zwischen August und Oktober mehr als 420 Ladungen nötig, um Anfang November zumindest einen EU-weiten Füllstand von 80 Prozent zu erreichen. Das entspräche rund 142 Tankerladungen pro Monat. Zuletzt kamen im Durchschnitt allerdings nur etwa 105 an.

Auch das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) warnt vor einem drastisch steigenden Bedarf. Laut seiner aktuellen „Gasbilanzanalyse“ müsste Europa die LNG-Importe mehr als verdoppeln, um mit ausreichenden Vorräten durch den kommenden Winter zu kommen.

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Die europäischen Gasspeicher sind derzeit so schlecht gefüllt wie noch nie.

Die europäischen Gasspeicher sind derzeit so schlecht gefüllt wie noch nie.

© Axel Heimken/dpa

Experten zweifeln an LNG-Plan von KPMG

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hatte die EU-Kommission Ende Juli ausdrücklich aufgefordert, sogenannte LNG-Swaps (Tauschgeschäfte) zu ermöglichen. Europäische Unternehmen könnten ihre russischen Vertragsmengen demnach in Märkte außerhalb der EU umleiten. Im Gegenzug würde Europa LNG aus nichtrussischer Herkunft erhalten.

Auf dem Papier könnten die Konzerne so ihre Verträge mit Russland weiterhin erfüllen, ohne das Gas in der EU anzulanden. Zugleich müsste Europa weniger frei verfügbare LNG-Ladungen am Weltmarkt kaufen und dafür mit Asien konkurrieren. KPMG zufolge könnten bei der Umleitung weiterhin europäische Reedereien und Infrastrukturbetreiber eingesetzt werden. Das würde verhindern, dass Russland stärker auf eigene Betreiber oder die sogenannte Schattenflotte ausweicht.

In der Praxis müssten dafür jedoch mehrere Geschäfte gleichzeitig zusammenpassen. Die europäischen Käufer bräuchten Abnehmer außerhalb der EU für ihre russischen Mengen und zugleich Lieferanten, die entsprechende nichtrussische Ladungen nach Europa schicken. Mengen, Liefertermine, Zielhäfen und Preise müssten aufeinander abgestimmt werden. Nach Einschätzung des Wood-Mackenzie-Analysten Nacho Garcia-Lajara machen diese logistischen und kommerziellen Hürden einen Tausch mit Lieferungen aus den USA oder Asien unwahrscheinlich.

Als eine der wenigen denkbaren Möglichkeiten nennt Garcia-Lajara Tauschgeschäfte mit Katar. Dabei könnten Kapazitäten des LNG-Terminals Golden Pass an der amerikanischen Golfküste eine Rolle spielen, an dem QatarEnergy 70 Prozent hält.

Auch TotalEnergies könnte seine Verbindungen nach Katar nutzen. Der französische Konzern verfügt über langfristig gebundene russische Mengen und ist zugleich an der Erweiterung des katarischen Gasfelds North Field in Ras Laffan beteiligt. Dadurch könnte er seine russischen Vertragsmengen theoretisch gegen eigene künftige Lieferungen aus Katar tauschen, sagte Ole R. Hvalbye von der norwegischen Investmentbank ABG Sundal Collier.

Dafür müssten allerdings zunächst zusätzliche Kapazitäten verfügbar sein. Katar will seine LNG-Produktion bis zum kommenden Jahr auf rund 126 Millionen Tonnen jährlich ausbauen.

TotalEnergies könnte bei möglichen LNG-Swaps von seiner Beteiligung am katarischen Gasfeld North Field profitieren, dessen Gas in Ras Laffan (siehe Bild) verarbeitet wird.

TotalEnergies könnte bei möglichen LNG-Swaps von seiner Beteiligung am katarischen Gasfeld North Field profitieren, dessen Gas in Ras Laffan (siehe Bild) verarbeitet wird.

© Karim Jafaar/AFP

Yamal-Verträge schränken möglichen Tausch ein

Auch rechtlich bleibt das Modell unsicher. Die EU erlaubt zwar bestimmte Verkäufe von russischem LNG an Drittstaaten. Ob die langfristigen Yamal-Verträge den europäischen Käufern freie Hand bei der Wahl des Zielhafens geben, ist damit aber nicht geklärt.

Die Ausnahme sei enger gefasst, als es zunächst den Anschein habe, sagte Tatiana Mitrova vom Center on Global Energy Policy zu Montel. Es sei keine allgemeine Erlaubnis für europäische Unternehmen, weltweit weiter mit russischem LNG zu handeln. Ein nach EU-Recht zulässiger Tausch könnte daher noch immer an den Bedingungen des jeweiligen Liefervertrags scheitern.

Wahrscheinlicher sei deshalb, dass die Konzerne ihre russischen Mengen am Spotmarkt an Länder wie die Türkei oder Ägypten verkaufen. Damit könnten sie ihre Abnahmeverpflichtungen weiterhin erfüllen. Ersatzlieferungen für Europa wären mit diesen Verkäufen jedoch nicht verbunden.

Der spanische Versorger Naturgy hat sich laut Montel jährlich rund 3,4 Milliarden Kubikmeter aus Yamal gesichert, TotalEnergies etwa 5,5 Milliarden Kubikmeter. Auch der bundeseigene Berliner Gasimporteur Sefe ist durch einen 2015 geschlossenen Vertrag bis 2040 zur Abnahme von jährlich 2,9 Millionen Tonnen verpflichtet. Das Unternehmen prüft derzeit, ob der Vertrag unter die neue Ausnahme fällt, wie die Berliner Zeitung berichtete.

Die Ausnahme geht auf den Widerstand Griechenlands gegen das 21. EU-Sanktionspaket zurück. Von ihr profitiert vor allem die griechische Reederei Dynagas, die mehrere eisgängige Spezialtanker für das Yamal-Projekt betreibt. Nach Berechnungen des Centre for Research on Energy and Clean Air entfielen 2025 rund 96 Prozent der betroffenen Drittstaatentransporte europäischer Reedereien auf Dynagas.

Katar fällt als wichtiger LNG-Lieferant aus

Kurz vor dem Importverbot ist Europas Abhängigkeit von russischem LNG noch gestiegen. Spanien und Frankreich importierten von Januar bis Juli gemeinsam 6,6 Millionen Tonnen, knapp 13 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Frankreich steigerte seine Einfuhren nach Daten des Schiffsverfolgungsdienstes Kpler sogar um 38 Prozent auf 2,6 Millionen Tonnen. Im ersten Halbjahr 2026 bezog die EU rund 9,89 Millionen Tonnen aus der russischen Arktisanlage Yamal – mehr als jemals zuvor.

Thomas Geisel, früherer Direktor für Erdgaseinkauf bei Eon Ruhrgas, bezweifelt, dass Europa die russischen Pipelinegas- und LNG-Lieferungen dauerhaft durch andere Quellen ersetzen kann. Auf den vollständigen Ausstieg aus russischem Gas ab 2027 sei Europa „absolut nicht“ vorbereitet, sagte er der Berliner Zeitung.

Gleichzeitig fällt Katar derzeit weitgehend als Lieferant aus. Seit Beginn des Krieges zwischen den USA und dem Iran Ende Februar ist die Straße von Hormus faktisch geschlossen. Das Land, auf das zuvor knapp ein Fünftel des weltweiten LNG-Angebots entfiel, kann deshalb kaum noch Ladungen ausführen – die Berliner Zeitung berichtete.

„Die LNG-Lieferungen aus Katar könnten monatelang, im schlimmsten Fall sogar jahrelang ausfallen“, erklärte Arne Lohmann Rasmussen, Chefanalyst bei Global Risk Management. „Das könnte die LNG-Industrie grundlegend verändern, ähnlich wie der Anschlag auf Nord Stream oder vielleicht sogar noch schlimmer“, sagte Susan Sakmar, Gastdozentin am University of Houston Law Center.

Die für einen Tausch benötigten katarischen Mengen wären damit selbst dann knapp, wenn sich die vertraglichen und logistischen Probleme lösen ließen.

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