Europa zieht die Schotten auf dem Stahlmarkt weiter hoch. Seit Anfang Oktober müssen Importeure nachweisen, in welchem Land der Stahl tatsächlich geschmolzen und gegossen wurde. Damit will die EU verhindern, dass etwa chinesischer Stahl, der in anderen Ländern weiterverarbeitet wurde, in die EU gelangt und so die Handelsregeln umgangen werden.
Erst am vergangenen Sonntag endete eine Konsultation der EU-Kommission zu den ersten Auswirkungen der verschärften Importbeschränkungen. Deutschland und Frankreich drängen auf schnellere europäische Instrumente gegen Marktverzerrungen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schlugen Anfang Oktober einen neuen Mechanismus vor, mit dem die EU schneller auf Dumping, Subventionen und andere Handelspraktiken reagieren könnte.
Bereits seit Juli dürfen nur noch 18,3 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr zollfrei aus Drittstaaten in die EU gelangen. Für Mengen oberhalb der jeweiligen Kontingente werden 50 Prozent Zoll fällig.
„Deutschland steht schlecht da“: Stahlwerk in Sachsen warnt vor zu hohen Stromkosten
Doch reicht das, um Deutschlands Stahlindustrie wettbewerbsfähiger zu machen? Eines der großen Stahlwerke Ostdeutschlands verweist auf ein anderes Kernproblem. „Der Strompreis bleibt für uns der zentrale Kostenfaktor“, sagt Uwe Reinecke, General Manager von Feralpi Stahl im sächsischen Riesa, auf Anfrage dieser Zeitung.
Allein der Standort Riesa benötigt derzeit mehr als 600 Gigawattstunden Strom pro Jahr – nach Angaben des Unternehmens ungefähr so viel wie sämtliche Privathaushalte Dresdens zusammen. Mit den erweiterten Produktionskapazitäten könnte der Verbrauch bei voller Auslastung auf mehr als 700 Gigawattstunden steigen.
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Mehr„Entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit sind dabei nicht einzelne Bestandteile, sondern die All-in-Kosten, also der Energiepreis zusammen mit Netzentgelten, Abgaben und Steuern“, sagt Reinecke weiter. „In diesem Vergleich steht Deutschland schlecht da.“ Auch im innereuropäischen Vergleich zähle Deutschland zu den Standorten mit den höchsten Strompreisen.
Nach den von Feralpi angeführten Daten der Wirtschaftsvereinigung Stahl lagen die Stromkosten großer energieintensiver Unternehmen 2023 in Deutschland bei rund 101 bis 114 Euro je Megawattstunde. In den USA waren es demnach 44 bis 49 Euro, in China 55 bis 69 Euro.
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Deutsche Stahlexporte steigen – doch USA, Türkei, Indien und China kaufen deutlich weniger
Während die EU Einfuhren stärker begrenzt, brechen Deutschlands Stahlexporte insgesamt bislang nicht ein. Im ersten Halbjahr 2026 exportierte Deutschland laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes insgesamt rund 19,6 Millionen Tonnen Eisen, Stahl und entsprechende Waren. Ein Jahr zuvor waren es rund 18,9 Millionen Tonnen. Die Menge stieg damit um knapp vier Prozent. Dabei gingen die Ausfuhren in vier wichtige Märkte jedoch deutlich zurück: In die USA wurden im ersten Halbjahr noch rund 395.000 Tonnen geliefert, knapp 40 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.
Die Lieferungen in die Türkei sanken um rund 26 Prozent, nach Indien um knapp 31 Prozent und nach China um rund 19 Prozent. Welche anderen Absatzmärkte den Rückgang ausgeglichen haben, lässt sich aus der vorliegenden Destatis-Auswertung nicht ablesen. Der Ausfuhrwert legte dagegen nur um rund 1,4 Prozent auf knapp 31 Milliarden Euro zu.
Für die deutsche Stahlindustrie ist besonders der Rückgang in den USA relevant. Seit Juni 2025 gelten dort für viele Stahlimporte Section-232-Zölle von 50 Prozent. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl bezeichnet das Land auf Anfrage als einen der wichtigsten Absatzmärkte außerhalb Europas. 2025 exportierte Deutschland nach korrigierten Angaben des Verbands rund 960.000 Tonnen Stahl in die USA. Vor Einführung der amerikanischen Section-232-Maßnahmen im Jahr 2017 waren es noch 1,35 Millionen Tonnen. 2025 lag die Menge damit 29 Prozent niedriger.
Eine Strecke im Walzwerk bei Feralpi Stahl in Riesa.
© IMAGO/Daniel Wagner
Die Branche konnte einen Teil ihres Geschäfts bislang halten, weil deutsche Unternehmen häufig Spezialprodukte liefern. Deutschland exportiere „hoch spezialisierte Stähle, die in der erforderlichen Qualität, Spezifikation und Liefersicherheit nicht ohne Weiteres vor Ort hergestellt oder ersetzt werden können“, erklärt die Wirtschaftsvereinigung Stahl auf Anfrage.
Dieser Vorsprung habe allerdings Grenzen. „Dieser Qualitätsvorsprung kann die Belastungen abfedern, aber Zölle und strukturelle Kostennachteile auf Dauer nicht vollständig kompensieren“, heißt es vom Verband.
China exportiert immer mehr Stahl auf den Weltmarkt
Neben den amerikanischen Zöllen nennt die Wirtschaftsvereinigung vor allem zwei weitere Faktoren: die hohen Energiekosten in Deutschland und die wachsenden weltweiten Überkapazitäten. Nach Angaben des Verbands könnte die globale Lücke zwischen Produktionskapazität und Nachfrage von rund 640 Millionen Tonnen 2025 auf etwa 745 Millionen Tonnen im Jahr 2028 anwachsen.
China verschärft den Wettbewerb zusätzlich. Seit Beginn der dortigen Immobilienkrise 2021 hat das Land seine Stahlexporte nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung um rund 70 Prozent ausgeweitet. Die EU begründet ihre neuen Importregeln mit den weltweiten Überkapazitäten und der Gefahr, dass zusätzliche Stahlmengen auf den europäischen Markt umgeleitet werden.
Feralpi verkauft weniger in Deutschland
Auch bei Feralpi haben sich die Absatzmärkte verschoben. Die Zahlen beziehen sich auf die gesamte italienische Feralpi Group, nicht allein auf Riesa: 2021 entfielen noch rund 31 Prozent des Konzernumsatzes auf Deutschland, 2025 waren es nur noch 25 Prozent.
Gleichzeitig stieg der Anteil der übrigen EU-Länder von rund 21 auf rund 27 Prozent. Märkte außerhalb der EU erhöhten ihren Anteil von etwa sieben auf knapp neun Prozent. Zu den wichtigsten Absatzmärkten gehören neben Deutschland inzwischen Frankreich, Polen, die Schweiz und Tschechien.
Von einem allgemeinen Produktionsrückgang kann bei Feralpi dennoch keine Rede sein. Die Stahlproduktion der Gruppe stieg 2025 um 4,7 Prozent auf 2,7 Millionen Tonnen. In Riesa wurden rund 983.000 Tonnen Rohstahl und 877.000 Tonnen Fertigprodukte hergestellt.
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Grüner Stahl bringt bislang keinen höheren Preis
Feralpi produziert seine FERGreen-Produkte in Riesa aus Schrott über die Elektrolichtbogenroute. Nach Unternehmensangaben entstehen dabei rund 80 Prozent weniger CO2-Emissionen als bei der klassischen Hochofenroute.
Nach eigenen Angaben hat Feralpi in diesem Jahr Exportaufträge gewonnen. Wie viele es waren und ob dabei gezielt CO2-ärmerer Stahl nachgefragt wurde, teilte das Unternehmen nicht mit. Einen pauschalen Preisaufschlag für CO2-ärmeren Stahl könne man bislang jedenfalls nicht durchsetzen.
Feralpi geht davon aus, dass ein „grünes“ Angebot mittelfristig zur Voraussetzung wird, um im Geschäft zu bleiben, und fordert deshalb einen stärkeren europäischen Markt für emissionsarmen Stahl sowie mehr „Local Content“ bei öffentlichen Projekten.
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