Was ist, wenn die USA aus der Nato austreten? In Europa werden die Androhungen von US-Präsident Donald Trump offenbar sehr ernst genommen. Wie die Financial Times (FT) berichtet, erarbeiten bereits einige der größten europäischen Militärmächte an konkreten Plänen, um den USA mehr Verantwortung für die Verteidigung des Kontinents abzunehmen. Dazu gehört auch ein Angebot an die Trump-Administration für einen kontrollierten Transfer in den nächsten fünf bis zehn Jahren.
Nach FT-Informationen gehören Deutschland, Großbritannien, Frankreich und die nordischen Länder zu den Ländern, die an den Gesprächen dazu bisher teilnehmen. Ihr Ziel sei es, einen Plan zur Verlagerung der finanziellen und militärischen Lasten auf die europäischen Hauptstädte auszuarbeiten und ihn den USA vor dem jährlichen Nato-Gipfel im Juni in Den Haag vorzulegen.
Wie soll Trump überzeugt werden?
Unter Berufung auf europäische Beamte heißt es in dem Bericht, dass der Vorschlag feste Zusagen zur Erhöhung der europäischen Verteidigungsausgaben und zum Ausbau militärischer Fähigkeiten beinhaltet. So soll Trump davon überzeugt werden, nicht abrupt aus dem Verteidigungsbündnis auszusteigen. Vielmehr soll sich auf eine schrittweise Übergabe der Aufgaben verständigt werden. Dies wiederum würde den USA ermöglichen, sich stärker auf Asien zu konzentrieren, heißt es weiter.
Neben ihrer nuklearen Abschreckung, die der Verteidigung Europas dient und deren Einsatz mehrere europäische Luftwaffen mit US-Atomwaffen ermöglicht, verfügen die USA zudem über militärische Fähigkeiten, die kontinentale Verbündete nicht besitzen. Die Vereinigten Staaten betreiben Luftwaffen-, Marine- und Truppenstützpunkte in Europa, wo sie rund 80.000 Soldaten stationiert haben. Die europäischen Planer gehen laut FT davon aus, dass es schätzungsweise fünf bis zehn Jahre dauern würde, um dies weitgehend ersetzen zu können. Die nukleare Abschreckung der USA sei nicht mitgerechnet.
„Die Ausgaben zu erhöhen ist unsere einzige Möglichkeit: Lastenverteilung und eine Reduzierung der US-Abhängigkeit“, zitiert die FT einer der Beamten. „Wir beginnen diese Gespräche, aber es ist eine so große Aufgabe, dass viele von ihrem Ausmaß überwältigt sind.“
Sollen Zehntausende US-Soldaten nach Osteuropa verlegt werden?
Berichten zufolge plant die US-Regierung eine Umstrukturierung der Nato. Von den Plänen des Pentagons sollen das US-Kampfkommando und die Hauptquartiere betroffen sein, wie NBC News vor wenigen Tagen berichtete. Demnach spielen wichtige Leute in Washington mit dem Gedanken, die von den USA gehaltene Position des Oberbefehlshabers der Nato-Truppen für Europa aufzugeben. Der Grund für diese Änderungen sollen Sparmaßnahmen sein.
Wie die britische Zeitung The Telegraph berichtete, könnten unter anderem rund 35.000 US-Soldaten nach Ungarn verlegt werden, wo Regierungschef Viktor Orbán relativ enge Beziehungen zu Russland pflegt. Das wären fast alle in Deutschland stationierten Streitkräfte der US-Armee.
Trumps enger Vertrauter Elon Musk forderte vor knapp zwei Wochen, dass die USA „die Nato jetzt verlassen“ sollten. „Wir sollten das wirklich tun. Es ergibt keinen Sinn, dass Amerika für die Verteidigung Europas bezahlt“, betonte er auf seiner Onlineplattform X.
Seit 75 Jahren stellen die USA den Oberbefehlshaber der Nato-Truppen für Europa. Die Stelle wird im Englischen als „Supreme Allied Commander Europe“ (abgekürzt: SACEUR) bezeichnet, durch die alle militärischen Operationen der Nato innerhalb Europas überwacht werden.
John Bolton: „Trump versteht nicht, dass wir alle durch die Nato stärker sind“
Der frühere Nationale Sicherheitsberater von Trump, John Bolton, glaubt, dass der US-Präsident „sehr wahrscheinlich“ aus der Nato austreten werde. „Als ich 2018 mit ihm beim Nato-Gipfel in Brüssel war, wäre das fast passiert“, sagte Bolton der Wochenzeitung Die Zeit. „Er versteht nur Dollar und Cent, er versteht nicht die Idee, dass wir alle durch die Nato stärker sind.“ Erst eine Krisensitzung habe den Austritt damals verhindert. Bolton habe er den Präsidenten gedrängt, dies nicht zu tun, „aber er hat es sich seitdem in den Kopf gesetzt“.
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