Sollte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in den kommenden Wochen nach China reisen, dürfte er auf ein Land treffen, das Europas härteren Handelskurs zunehmend als Bedrohung betrachtet. Für Deutschland steht viel auf dem Spiel. Kaum eine Branche ist so eng mit China verflochten wie die Autoindustrie und kaum eine hat in den vergangenen Jahren so deutlich an Boden gegenüber chinesischen Konkurrenten verloren.
Am deutlichsten wird das Dilemma bei VW. China ist für den Konzern nicht mehr nur einer der wichtigsten Absatzmärkte. VW produziert dort Millionen Autos, hängt an chinesischen Lieferketten und arbeitet immer enger mit heimischen Technologieunternehmen zusammen. Für den Konzern ist China Konkurrent, Absatzmarkt, Produktionsstandort und Lieferant zugleich. Allein 2025 lieferte Volkswagen dort rund 2,7 Millionen Fahrzeuge aus.
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Chinas Vorsprung geht weit über Subventionen hinaus
Auch die Kräfteverhältnisse haben sich verschoben. Der Vorsprung chinesischer Hersteller lässt sich nicht mehr allein mit staatlichen Subventionen erklären. Große Stückzahlen, günstigere Batterien, eine hohe Fertigungstiefe und kurze Entwicklungszyklen sind zu handfesten Wettbewerbsvorteilen geworden. Bei deutschen Herstellern liegen die Probleme dagegen unter anderem bei Kosten, Software und Entwicklungsgeschwindigkeit.
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MehrTrotzdem setzt die deutsche und europäische Politik verstärkt auf Schutzmaßnahmen. Die Bundesregierung prüft laut Bloomberg einen härteren Kurs gegenüber China in der EU. Im Raum stehen unter anderem zusätzliche EU-Zölle auf in China produzierte Plug-in-Hybride. Sie sollen europäischen Herstellern Luft im Wettbewerb mit chinesischen Anbietern verschaffen.
Doch Zölle lösen die Probleme von VW, BMW und Mercedes nicht. „Zölle können Zeit kaufen, aber keine Wettbewerbsfähigkeit“, betonte Stefan Reindl vom Institut für Automobilwirtschaft auf eine frühere Anfrage dieser Zeitung. Auch der Verband der Automobilindustrie fordert von der EU vor allem, die „eigenen Hausaufgaben“ zu machen: bei Energiepreisen, Bürokratie, Infrastruktur und anderen Standortkosten. „Handelsschutzinstrumente können eine ambitionierte Standortpolitik nicht ersetzen“, erklärte der Verband.
Besucher betrachten Fahrzeuge der Volkswagen Group während des Weltkongresses für Fahrzeuge mit neuen Energieträgern in Haikou, Provinz Hainan im Süden Chinas.
© Guo Cheng/dpa
Handelskrieg könnte VW und Co. besonders hart treffen
Noch größer wäre das Risiko einer weiteren Eskalation. China könnte auf zusätzliche europäische Zölle mit eigenen Abgaben reagieren. Treffen könnten sie Verbrenner und Oberklassefahrzeuge – Segmente, in denen deutsche Hersteller besonders stark sind. Denkbar wären auch Beschränkungen bei Batteriematerialien, Seltenen Erden oder anderen Vorprodukten. Reindl hält Lieferkettenbeschränkungen für eine größere Gefahr für Europas Autoindustrie als chinesische Gegenzölle.
Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem: Zölle ändern nichts an den Wettbewerbsvorteilen, die sich chinesische Hersteller inzwischen erarbeitet haben. Sie entwickeln schneller, produzieren mit hoher Fertigungstiefe und profitieren von günstigeren Batterien und großen Stückzahlen. Eine Abschottung könnte europäischen Herstellern kurzfristig Luft verschaffen. Den technologischen und strukturellen Rückstand holt sie nicht auf. „Europa sollte sich vor unfairer Konkurrenz schützen, aber nicht vor Konkurrenz an sich“, sagt Reindl.
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Deutschland muss in China den Spagat schaffen
Deutschland will seine Autoindustrie vor chinesischer Konkurrenz schützen. Gleichzeitig sind VW und andere Hersteller auf den chinesischen Markt, dortige Lieferketten und die Zusammenarbeit mit chinesischen Unternehmen angewiesen. Eine weitere Verschärfung des Handelsstreits könnte deshalb gerade jene Konzerne treffen, die Berlin und Brüssel schützen wollen.
Peking wirbt bereits für einen weniger konfrontativen Kurs. Außenminister Wang Yi erklärte zuletzt, Deutschland solle eine „rationale und pragmatische Haltung“ bewahren und innerhalb der EU eine „positive Rolle“ spielen. Berlin setzt einen anderen Akzent. Die Handelsbeziehungen müssten auf „fairen Regeln und einem echten Level Playing Field“ beruhen.
Deutsche Politiker sollten in Peking deshalb nicht nur über Schutz vor chinesischer Konkurrenz sprechen. Für Deutschlands Autoindustrie ist China längst auch Teil der eigenen Aufholstrategie. Ein Handelskrieg würde weder Softwareprobleme lösen noch Entwicklungszeiten verkürzen oder Batterien billiger machen. Eine Eskalation könnte VW und Co. stattdessen den Zugang zu einem Markt, zu Lieferketten und zu technologischem Know-how erschweren, die sie weiterhin brauchen.
Dieser Text ist Teil unserer Serie „China verstehen“. Hier lesen Sie unseren Auftakttext zur Serie und hier die große Analyse zu dem sich abzeichnenden Handelskrieg zwischen Europa und China. Hier lesen Sie einen Artikel zu China und dem Ukraine-Krieg.
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