Multisportevent in München

European Championships: Grundsatzdebatte über Spitzensport fehlt noch immer

Die Zahl, prominenter deutscher Athleten schwindet, der internationale Erfolg auch. Robert Harting erläutert, warum die Leistungssportreform keine ist.

Karin Bühler
Karin Bühler
5 Min
Die European Championships in München finden von Donnerstag an im Zeichen der Olympischen Ringe statt.

Die European Championships in München finden von Donnerstag an im Zeichen der Olympischen Ringe statt.

© dpa/Sven Hoppe

Mündige Sportler, wie der Berliner Olympiasieger Robert Harting einer war, weisen schon seit Jahren auf die dramatische Schieflage im deutschen Spitzensport hin. Das, wovor Harting schon warnte, als er den Diskus im Sportforum Hohenschönhausen aus dem Wurfring schleuderte, zeichnet sich immer mehr ab, wenn es um die Erfolge deutscher Athleten in olympischen Sportarten wie Leichtathletik, Schwimmen, Rudern oder Volleyball geht. Erfolge bei großen Wettkämpfen werden rar, sind zufälliger Natur. Und Athleten, die als Vorbilder für den Nachwuchs dienen könnten, gibt es immer weniger.

„Ich prognostiziere die Talfahrt, eine Sohle bei den Olympiamedaillen 2024, spätestens 2028“, sagte Harting vor knapp drei Jahren, als er sich schon mehr als zwölf Monate aus dem aktiven Sport verabschiedet hatte. Die Ergebnisse von Olympia 2021 in Tokio, der Leichtathletik- oder Schwimm-WM dieses Sommers lassen ihn ahnen: „2024 oder 2028 gibt es ein wirkliches Debakel.“

Harting fehlt die Idee hinter der Sportförderung

Der Leistungssport und sein höchstes Fest, die Olympischen Spiele, haben Akzeptanz-, Rezeptions- und Kommunikationsprobleme. Das zeigten nicht zuletzt die Bürgerbefragungen in München und Hamburg, sondern auch die Rezeption der gescheiterten Olympiabewerbung von Rhein-Ruhr.

Harting, der sich nach seiner Karriere weiter mit Sport-Vermarktung und Kommunikation auseinandersetzt, sagt, in der veränderten Mediengesellschaft müsse sich der Sport ganz anders positionieren: „Wie kommuniziert man? Welche Werte und Bilder übermittelt man? Im Zuge dessen haben die Sportarten per se sich selber vergessen zu entwickeln.“ Und: „Schön, dass öffentliche Mittel da sind, aber so richtig spürt man das nicht. Es gibt keine Idee dahinter. Meine Kritik lautet, dass Verbände in ihrer Trägheit ersticken.“

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Und jetzt sollen die European Championships in München, für die der Bund, das Land Bayern und die Stadt München 100 Millionen Euro an öffentlichen Geldern ausgeben, plötzlich und aus sich heraus dazu beitragen, „Akzeptanz und Zustimmung für das Thema Olympia in unserem Land zu stärken“, wie Thomas Weikert als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) hofft?

IOC-Präsident Thomas Bach befeuert unterdessen die bislang öffentlich noch verhalten vorgebrachten Anstrengungen des DOSB, die Sommerspiele 2036 nach Deutschland zu lotsen, mit der Aussage: Die Sommerspiele in München vor 50 Jahren seien für den deutschen Sport eine Zeitenwende gewesen. „Das Ansehen des Sportes wurde ein ganz anderes, das hat sich für Schulsport und Leistungssport ausgewirkt. Das kann man überhaupt nicht überschätzen.“

Ahnungslos und führungslos im Fachsportverband

So eine Zeitenwende hätte das deutsche Sportsystem bitter nötig. Ob sie aber als Olympia-Gastgeber gelänge?  Zuletzt wiesen Weitsprung-Olympiasiegerin Malaika Mihambo, Sprinterin Gina Lückenkemper sowie Ruder-Weltmeister Oliver Zeidler auf Strukturmängel hin. Zeidler etwa forderte wegen der schwindenden Medaillenausbeute sowie der zuletzt dürftigen Weltcup-Bilanz Veränderungen im Verband: „Wir haben aber auch im Deutschen Ruderverband niemanden, der diese Ahnung hat vom Leistungssport. Es wird Zeit, dass da jetzt Verantwortung übernommen wird.“

Im Schwimmen gibt es seit dem Rücktritt von Henning Lambertz Ende 2018 keinen Teamchef mehr, der das Gesamtsystem koordiniert. „Wir sind im Leistungssport Schwimmen führungslos“, konstatierte der Magdeburger Coach Bernd Berkhahn kürzlich. Im Beachvolleyball leiden einige der besten Sportler nicht nur unter der Neustrukturierung, sondern auch unter internen Querelen.

Potas – nur ein großes Missverständnis

Die Strukturprobleme sind vielfältig. So wies etwa Lückenkemper auf die Drop-out-Quote in der Leichtathletik hin – und darauf, dass für Talente der Spagat zwischen aufwendigem Training und Berufsausbildung immer schwieriger werde. Nicht jeder wolle sich der Bundeswehr anschließen. Und von Halbprofis zu erwarten, „dass sie mit Vollprofis mithalten“, könne nicht funktionieren, äußerte die Sprinterin des SCC Berlin. Welt- und Europameisterin Mihambo sorgt sich um die Nachwuchsförderung, den Sport in der Breite, aus dem sich die Spitze speist.

Eigentlich hatte der DOSB im Dezember 2016 ein Konzept zur Neustrukturierung des Leistungssports und der Spitzensportförderung beschlossen. Kernelement dessen, was der DOSB Leistungssportreform nannte, sollte die Potenzialanalyse (Potas) sein. „Das große Missverständnis vieler ist“, sagt Robert Harting, „dass sie Potas für eine Sportreform halten. Tatsächlich handelt es sich dabei nur um eine Kommunikationsebene des Bundesinnenministeriums mit dem DOSB. Kern dieser sogenannten Reform war ja das berechtigte Misstrauen des BMI gegenüber dem DOSB, wie die Gelder des Bundes verwendet werden. Das Ziel war aber nie, besser im Sport zu werden.“

Eine öffentliche Leistungssport-Debatte ist in Deutschland seit der Wiedervereinigung oft eingefordert, aber nie wirklich geführt worden. So sieht das offenbar auch Geschäftsführer Johannes Herber vom Verein Athleten Deutschland, der dem Sportinformationsdienst sagte: Bevor es überhaupt an die Umverteilung von Geld oder Reformen gehe, muss erst einmal die entscheidende Frage beantwortet werden, welchen Zielen im deutschen Sport nachgejagt werden sollte. „Wollen wir Vielfalt fördern oder Medaillen maximieren? Wollen wir mit Nationen konkurrieren, in denen nachweislich gedopt wird und schon Kinder unter immensem Druck und Trainingspensum Leistungssport betreiben? Wie kann die Strahlkraft des Spitzensports möglichst vielen Menschen nutzen?“ Die Antworten darauf seien nicht trivial und die Meinungen darüber gehen auseinander.

Ob die Debatte je geführt wird? Und die Meinung der Athleten gefragt ist? Im Haushaltsplan 2023 hat die Koalition die Mittel für den Verein „Athleten Deutschland“, der sich für Mitsprache und Mitgestaltung sowie grundlegende Veränderungen im Sportsystem einsetzt, von 770.000 Euro wieder auf 450.000 Euro geschrumpft.

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