Experten zweifeln, ob die Feuer in den USA auf die von Menschen verursachte Erderwärmung zurückzuführen sind

Eine Folge des Klimawandels?

Matthias Kunert Jean Pierre Bassenge
6 Min

Die Waldbrände im Süden Kaliforniens haben erneut die Debatte darüber angefacht, ob solche Feuer Anzeichen der beginnenden Erderwärmung sind. Für den Klimamahner Al Gore liegt dieser Zusammenhang klar auf der Hand. Bei einem Vortrag am Mittwochabend in Wien nannte der frisch gekürte Friedensnobelpreisträger den globalen Klimawandel als Hauptursache für die Feuerkatastrophe in den USA. Die meisten Klimaforscher sehen diesen Zusammenhang allerdings nicht so eindeutig."Die gegenwärtigen Feuer in Südkalifornien wie auch die Brände im vergangenen Sommer in Griechenland sind eher nicht mit dem Klimawandel erklärbar", sagt Erich Roeckner vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Es sei verfrüht, jetzt schon einen Zusammenhang der großen Trockenheit in Kalifornien mit der Erderwärmung zu behaupten. Roeckner: "Aussagen über Veränderungen des Klimas können frühestens getroffen werden, wenn in Beobachtungszeiträumen von mindestens 50 Jahren bestimmte Trends deutlich werden."Mojib Latif, Klimaforscher am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel (IFM-Geomar) sieht diesen Zusammenhang hingegen durchaus gegeben. "Natürlich ist es schwer, eine direkte Beziehung zwischen einem Einzelereignis und einem lange andauernden Prozess wie dem Klimawandel nachzuweisen", räumt Latif ein. Dennoch lasse sich beobachten, dass in den vergangenen Jahrzehnten die Bedingungen für die Entstehung von Großbränden weltweit immer günstiger geworden seien. Und dafür sei der Klimawandel eine Ursache. In seiner Folge spitzen sich die klimatischen Extreme immer weiter zu, sagt Latif. "Trockene Gebiete werden trockener und feuchte Gebiete feuchter." Für Gebiete, die ohnehin schon häufig von Dürren betroffen seien, heiße das: Die Luft wird dort immer trockener und damit steigt auch die Feuergefahr.Hingegen erkennt Johann Goldammer, Chef der Arbeitsgruppe Feuerökologie des Freiburger Max-Planck-Instituts für Chemie, die Ursache für die kalifornischen Feuer im regionalen Klima: "Dafür sind Wetterereignisse verantwortlich, die normal für die Region sind. Trockene Sommer gab es in Kalifornien schon immer." Im Vergleich zu früheren Jahren seien die gegenwärtigen Feuer sogar vergleichsweise harmlos: "2003 waren die Zerstörungen dort um einiges verheerender. Damals wurden 4 800 Häuser zerstört und 15 Menschen getötet."Goldammer erklärt die schnelle Ausbreitung der Brände mit den sogenannten Santa-Ana-Winden (siehe Info-Kasten). Diese warmen, trockenen Luftströme entstehen in den Herbst- und Wintermonaten durch die unterschiedlichen Luftdrücke über dem nordamerikanischen Festland und dem Pazifik. In diesem Jahr ist der Druckunterschied besonders hoch. Als Folge davon blasen die Winde zum Teil mit Geschwindigkeiten von weit mehr als hundert Kilometern pro Stunde. Wo normalerweise in den Wald geschlagene Feuerschneisen die Brände stoppen, tragen die starken Winde nun Funken und glühende Asche auf die andere Seite.Goldammer zufolge sind über Jahre hinweg viele Brände im Grunde zu schnell gelöscht worden. "Deshalb ist viel trockenes Holz in den Wäldern stehen geblieben, das nun den Flammen Nahrung bietet." Zudem breiten sich die Brände schnell aus, weil viele Häuser aus Holz gebaut sind. "Wenn in Deutschland ein Funken auf ein Haus fällt, passiert erstmal nichts. In Kalifornien fängt das Haus sofort an zu brennen und das Feuer verbreitet sich schnell weiter", sagt Goldammer.Hans F. Graf vom britischen Centre for Atmospheric Sciences an der University of Cambridge berichtet, dass die Trockenheit in Kalifornien in diesem Jahr durch das sogenannte La-Niña-Phänomen verstärkt wird, das alle zwei bis sieben Jahre auftritt. Dieses Gegenstück zum bekannteren El Niño hatte in diesem Jahr bereits zu einer ausgedehnten Dürre mit verheerenden Waldbränden in Paraguay geführt. "Vieles, was wir zurzeit beobachten, entspricht tatsächlich den Prognosen von Modellrechnungen für den globalen Klimawandel", sagt Graf. In den meisten Modellen seien die normalen natürlichen Abweichungen von den Mittelwerten aber nicht ausreichend berücksichtigt. Graf: "Deshalb kann zurzeit keiner sagen, wie weit wir wirklich schon im Klimawandel drinstecken."Auch der Klimaanalytiker Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ist vorsichtig: "Extreme Wetterlagen sind immer selten, deshalb gelten sie ja als Extreme." Um daraus Trends ableiten zu können fehlten langjährige Messreihen. Gerstengarbe sieht sogar eine Gefahr in der vorschnellen Einordnung aller extremen, regionalen Wettererscheinungen als Belege für den menschengemachten Klimawandel: "Das würde die Beweiskette unsicher machen und von den anderen Belegen für den globalen Klimawandel ablenken", sagt Gerstengarbe. Zum Beispiel sei unbestreitbar, dass der Permafrostboden in den Tundren von Alaska, Kanada und Sibirien in rasantem Tempo auftaue und die Eiskappe auf dem Nordpolarmeer dramatisch schnell abschmelze.Unterdessen entspannt sich die Situation in den Waldbrandgebieten Südkaliforniens langsam: Die heißen Santa-Ana-Winde haben nachgelassen, der Wind hat sich gedreht. Vom Pazifik kommt jetzt feuchtere Luft und lässt Feuerwehrleute und Anwohner auf ein baldiges Ende des Flammeninfernos hoffen.------------------------------Heißer Föhnwind aus den BergenAngefacht werden die Feuer in Kalifornien durch die sogenannten Santa-Ana-Winde. Dabei handelt es sich um trockene, heiße Luftmassen, die jedes Jahr im Herbst und frühen Winter von Nordosten her an die Pazifikküste strömen. Benannt sind die Winde vermutlich nach den Santa-Ana-Bergen nahe der gleichnamigen Stadt, die rund 70 Kilometer südöstlich von Los Angeles liegt.Ursprung der Santa-Ana-Winde ist das Große Becken zwischen der Sierra Nevada und den Rocky Mountains (siehe Karte). Dort bildet sich im Herbst ein Hochdruckgebiet, aus dem Luftmassen herausströmen. Da sich das Hoch im Uhrzeigersinn dreht, entstehen in Südkalifornien Winde aus östlicher Richtung. Gleichzeitig bildet sich vor der mexikanischen Halbinsel Baja California ein Tiefdruckgebiet, das jedoch gegen den Uhrzeigersinn rotiert. Dadurch entsteht ein Sog, der die Santa-Ana-Winde weiter beschleunigt.Die Winde sind sehr heiß und trocken. Sie können Temperaturen von weit mehr als dreißig Grad Celsius erreichen. Grund dafür ist der Abstieg aus den Bergen. Die Luftmassen sind bereits warm und trocken, wenn sie sich im Hochdruckgebiet über dem Großen Becken befinden. Gelangen sie aus der Höhe in Richtung Meeresspiegel, steigt der Luftdruck und damit die Temperatur - im Durchschnitt ein Grad pro Hundert Höhenmeter. Wie bei einem Föhnwind nimmt auch die relative Luftfeuchtigkeit während der Reise ins Tal ab, sodass die Windeextrem trocken sind.Verstärkt werden die Winde durch die Form der Landschaft. Die Canyons wirken wie Düsen. Zu Beginn dieser Woche erreichten die Winde Geschwindigkeiten von bis zu 170 Kilometer pro Stunde. (rn.)------------------------------Karte (2): Waldbrandregion. Die warmen und trockenen Santa-Ana-Winde treiben die Brände an. Sie entstehen aufgrund unterschiedlicher Luftdrücke über dem Festland und dem Pazifik.------------------------------Foto (2): Die Brände in Südkalifornien haben sich rasend schnell ausgebreitet. Die Fotos zeigen Satellitenbilder der Region vom vergangenen Montag. Um 11.30 Uhr Ortszeit sind die Rauchwolken einzelner Feuer zu sehen (Foto oben). Drei Stunden später zieht dichter Qualm durch das Gebiet in Richtung Westen (Foto unten).Foto: Dichte Rauchschwaden im Lyons Valley: In der Region San Diego hat es die ganze Nacht gebrannt, 500 000 Menschen mussten evakuiert werden.

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