Klimawandel

Extremschmelze beschleunigt Sterben der deutschen Gletscher

Fünf Gletscher gibt es noch in Deutschland. Alle liegen im Sterben. Eine aktuelle Extremschmelze lässt das Eis nur so dahinfließen. Wodurch wurde sie ausgelöst?

Sophie Barkey Team News Elke Richter dpa
5 Min
Blankeis und Schneereste sind am Blaueisgletscher bei Bechtesgarden zu sehen. Das Eis des Blaueisgletschers, des Schneeferners auf der Zugspitze sowie des Höllentalferners ist innerhalb nur eines Jahres deutlich zurückgegangen.

Blankeis und Schneereste sind am Blaueisgletscher bei Bechtesgarden zu sehen. Das Eis des Blaueisgletschers, des Schneeferners auf der Zugspitze sowie des Höllentalferners ist innerhalb nur eines Jahres deutlich zurückgegangen.

© dpa/Angelika Warmuth

Wo vergangenes Jahr um diese Zeit noch eine weiße Schneeschicht lag, glänzt dieses Jahr blau-grau und von gurgelnden Wasserrinnsalen durchzogen das blanke Eis: Die ohnehin im Sterben liegenden deutschen Gletscher leiden derzeit unter einer Extremschmelze. „2022 wird als ein Rekordjahr eingehen, das ist sicher“, betont der Glaziologe Olaf Eisen vom Alfred-Wegener-Institut, dem Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. „Die Frage ist nur: Wie viel schlimmer wird es als im bisherigen Rekordjahr 2003?“

Fünf Gletscher gibt es noch in Deutschland, sie liegen allesamt in Bayern. Es handelt sich um den nördlichen und den südlichen Schneeferner sowie den Höllentalferner, die sich alle drei auf dem Zugspitzmassiv befinden. Hinzu kommen das Blaueis und der Watzmanngletscher in den Berchtesgadener Alpen. Im vergangenen Jahr nahm ein Expertengremium seine Prognose der den Gletschern noch verbleibenden Zeit von zuvor 30 auf nur noch rund 10 Jahre zurück – doch nun könnte es sogar noch schneller gehen.

2022 Schmelze wohl rund 50 Prozent stärker

Als erstes wird der südliche Schneeferner dran glauben. „Der ist extrem zusammengeschmolzen und zusammengeschrumpft. Es könnte sogar sein, dass der zum Ende des Jahres schon Vergangenheit ist, da ist fast nichts mehr da“, schildert Christoph Mayer von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Auch Wilfried Hagg von der Hochschule München bilanziert nach seinem Besuch in dem Gebiet Anfang August: „Das ist wirklich ein ganz armseliger Rest. Wenn es jetzt noch zwei Monate hohe Temperaturen hat, bin ich mir nicht sicher, ob der dieses Jahr noch überlebt.“

Die Schmelze ist dieses Jahr nach Mayers Messungen wohl alpenweit rund 50 Prozent stärker als in einem Durchschnittsjahr. Die Experten sehen für die Lage in den Alpen drei Gründe: Zum einen hat es im vergangenen Winter in den meisten Regionen wenig geschneit; Bayern bildet da aber mit einem nur kleinen Minus eine Ausnahme. Zum anderen ist dieser Sommer sehr sonnig und heiß – und es fehlen die typischen Kaltfronten. „Wir hatten bisher noch keinen einzigen richtigen Kälteeinbruch mit Niederschlag beziehungsweise Schneefall in den Höhen, was die Gletscherschmelze normalerweise ein bis zwei Mal pro Sommer für einige Tage bis zu einer Woche wieder etwas abbremst“, erläutert Mayer.

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Bayern, Hintersee: Der Blaueisferner aufgenommen 13.08.2021 (oben) und 01.08.2022(unten).

Bayern, Hintersee: Der Blaueisferner aufgenommen 13.08.2021 (oben) und 01.08.2022(unten).

© dpa/Angelika Warmuth

Sahara-Staub lässt Gletscher schmelzen

Doch der Hauptfaktor, da sind sich alle drei Glaziologen einig, ist ein anderer: Der Sahara-Staub, der sich besonders bei seinem Auftreten im März rot-braun auf den Gletschern ablegte. „Das führt dazu, dass der Schnee viel schneller wegschmilzt“, erklärt Mayer. Der Grund: Wenn Sonnenstrahlung auf eine helle Schneeoberfläche trifft, werden 90 Prozent reflektiert. Der Staub aber ist dunkler und nimmt dadurch viel mehr Energie auf, die er dann als Wärme an den Schnee abgibt. Zudem erwärmt sich der Staub auch auf höhere Temperaturen als Schnee und pappt noch dazu auf dem feuchten Schnee so fest, dass ihn der Wind auch nicht wegtragen kann.

Was das bedeutet, konnte Hagg kürzlich mit eigenen Augen beim südlichen Schneeferner sehen. „Die schützende Schneedecke an der Zugspitze ist einen Monat früher weggewesen. Der Gletscher schmilzt jetzt schon seit Mitte Juni statt ab Mitte/Ende Juli“, berichtet er von seiner Exkursion. Sechs Wochen früher bedeuten rund die Hälfte der Zeit zusätzlich, in denen der Gletscher ungeschützt der Sonne ausgesetzt ist.

„So ein Sommer, der alpenweit außergewöhnlich ist, ist sicher seit den 1960ern nicht mehr vorgekommen“, betont Hagg. „Wenn noch mehr solcher Jahre auftreten, verkürzt sich die Lebensdauer des Gletschers noch mehr als wir vorhergesagt haben, weil wir bei der Prognose solche Extremjahre nicht im Blick hatten.“

„Was wir bei den bayerischen Gletschern sehen, sehen wir auch in Österreich, in der Schweiz, Frankreich, Italien“, resümiert Eisen. Überall sei die Schmelze sechs bis acht Wochen weiter fortgeschritten. „Das heißt, wir haben jetzt einen Zustand, wie er normalerweise am Ende des Sommers kurz vor dem ersten Schneefall auftritt.“ Es sei sogar zu befürchten, so Eisen, dass die sogenannte Gleichgewichtslinie dieses Jahr von zumeist rund 3200 Meter auf nie dagewesene 3500 bis 3800 Meter steige.

Bayern, Grainau: Der Nördliche Schneeferner aufgenommen am 11.08.2021 (oben) und am 08.08.2022 (unten).

Bayern, Grainau: Der Nördliche Schneeferner aufgenommen am 11.08.2021 (oben) und am 08.08.2022 (unten).

© dpa/Angelika Warmuth

Welche Auswirkungen hat die Gletscher-Schmelze?

Die Gleichgewichtslinie teilt die Gletscher in eine Zone, in der mehr Schnee als Schmelze registriert wird – das sogenannte Nährgebiet –, und die Zone darunter, in der es mehr Schmelze als Schneezutrag gibt – das sogenannte Zehrgebiet. Rutscht diese Linie tatsächlich derart in die Höhe, wird in diesem Sommer nur auf den allerhöchsten Bergen der Alpen der Schnee vom vergangenen Winter überdauern.

„Das heißt, dass die Gletscher in diesem Jahr sehr, sehr viel Masse verlieren werden“, betont Eisen. „Wenn sich das in den nächsten Jahren fortsetzt, wovon wir aufgrund der Prognosen zum Klimawandel ausgehen, heißt das, dass die Gletscher unterhalb von 3500 Meter verschwinden werden.“

Was Nicht-Bergsteiger vielleicht nur zu einem Achselzucken veranlassen mag, hat für die Bewohner der Alpen enorme Folgen. Nur ein Beispiel: Derzeit bringen die Gletscher den Schnee aus dem Winter als Wasser in den Sommer. Tun sie das eines nahen Tages nicht mehr, kann das dazu führen, dass in heißen, trockenen Sommern in den Tälern nur noch wenig Wasser zur Verfügung steht.

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