Fachleute rechnen damit, dass in Deutschland bald Ärzte fehlen

Aus der Schwemme wird ein Mangel

Thorsten Knuf
3 Min

Wer in Deutschland Arzt werde will, hat es nicht leicht. Schon der Zugang zum Studium ist beschränkt. Später gibt es, insbesondere in den Ballungsräumen, zu viele Bewerber für zu wenige Jobs in den Kliniken. Und in einer eigenen Praxis kann sich auch längst nicht jeder niederlassen, der dies will. Keine Frage: Derzeit gibt es hier zu Lande noch einen Ärzte-Überhang, mehrere tausend Mediziner sind sogar arbeitslos. Aber in absehbarer Zeit kann sich das grundlegend ändern, obwohl angesichts des Kostendrucks im Gesundheitswesen Kliniken schließen und Betten abgebaut werden. "Es wurde lange von einer Ärzteschwemme gesprochen", sagt Hans-Jörg Freese, der Sprecher der Bundesärztekammer. Nun sei aber absehbar, dass "in fünf bis zehn Jahren" ein "struktureller Mangel" eintreten wird. Und zwar vor allem bei Fachärzten für Allgemeinmedizin, aber auch bei Spezialisten wie Orthopäden, Hautärzten oder Neurologen. Gute Chancen im OstenErste Symptome des Mangels lassen sich bereits beobachten. So berichtet der Klinikärzte-Verband "Marburger Bund", dass insbesondere in Ostdeutschland Krankenhäuser "händeringend" nach Nachwuchskräften suchen. "Der Einzelne hat gute Chancen zu wählen. Im Moment kann man hier alles werden, was man will", sagt Udo Wolter, der dem Vorstand des Verbandes angehört. Die Entwicklung auf dem Ärzte-Arbeitsmarkt hat natürlich mehrere Gründe. Laut Wolter ziehen derzeit viele junge Mediziner, die im Osten ausgebildet wurden, in den Westen. Denn in den neuen Ländern verdienen Klinikärzte weniger als in den alten. Hier gilt der so genannte Bundesangestellten-Tarif Ost, der bei nur 88,5 Prozent des West-Niveaus liegt.Aber es gibt auch grundlegende Veränderungen, die einen bundesweiten Mangel in einigen Jahren wahrscheinlich machen. So weist die Bundesärztekammer darauf hin, dass die Zahl der Studenten im Fach Humanmedizin kräftig zurückgegangen ist. Während 1993 an den deutschen Universitäten insgesamt noch rund 90 600 Medizinstudenten eingeschrieben waren, registrieren die Statistiker zuletzt nur noch rund 80 300 - ein Rückgang von mehr als elf Prozent. Auch die Zahl der Berufsanfänger, der so genannten Ärzte im Praktikum, ist stark rückläufig.Sie sank von rund 19 000 Ende 1995 auf zuletzt 14 300. Einen Grund für dafür sieht die Kammer in der Tatsache, dass immer weniger Absolventen wegen schlechter Arbeitsbedingungen in den Kliniken tatsächlich in den Arztberuf streben. Viele sehen sich nach dem ersten oder zweiten Staatsexamen nach Job-Alternativen um. Typische Ausweichfelder sind etwa das Gesundheitsmanagement, die Pharma-Branche, Versicherungen oder die Fachpresse.Zahlreiche PensionierungenWährend also die Zahl der Nachwuchs-Mediziner abnimmt, lässt sich gleichzeitig absehen, dass sich in den kommenden Jahren ein erheblicher Teil der aktiven Ärzteschaft in den Ruhestand verabschieden wird. Rund 27 100 Mediziner, rund ein Zehntel aller praktizierenden Ärzte, waren Ende vergangenen Jahres bereits älter als 59 Jahre. 1995 traf dies nur auf 18 700 zu. Doch die Mediziner, die demnächst pensioniert werden, müssen ersetzt werden - sei es in Praxen oder in den Kliniken. Wer als Schüler oder Abiturient jetzt vor der Frage steht, ob ein Medizinstudium sinnvoll ist, sollte dies bedenken.Ein langer Weg // Die Ausbildung zum Arzt ist langwierig und kraftzehrend. Zunächst müssen die Nachwuchskräfte fünf bis sechs Jahre lang Theorie pauken, bevor sie ins so genannte "Praktische Jahr" gehen.Im Anschluss daran sind die Berufsanfänger ein weiteres Jahr lang "Arzt im Praktikum" (AiP).Doch damit ist die Ausbildung noch nicht beendet. Denn nach der AiP-Zeit müssen sich die Mediziner in einem Fach spezialisieren, was noch einmal mehrere Jahre in Anspruch nimmt. Parallel zu Studium und klinischer Ausbildung bemühen sich die meisten Ärzte, einen Doktortitel zu erwerben.

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