Fahnder erwarten Einstellung der Ermittlungen / Mutter hatte mindestens ein weiteres Kind

Rätsel um die vier toten Babys

Lutz Schnedelbach Karin Schmidl
5 Min

Der Fall der vier toten Babys aus Charlottenburg wird vermutlich nie aufgeklärt. Davon gehen Ermittler des Landeskriminalamtes aus. Sollten die gerichtsmedizinischen Untersuchungen, die noch Tage andauern werden, keine eindeutigen Ergebnisse bringen, wird der Fall wohl eingestellt.Wie berichtet, waren am Mittwoch in einem Polsterhocker die Überreste von vier Säuglingen entdeckt worden. Der Hocker stammt aus einer Wohnung des Hochhauses Krumme Straße 70. Dort hatte seit Oktober 2008 Heike W. gelebt, die sich Ende Juli dieses Jahres mit einem Sprung aus dem Flurfenster im 12. Stock das Leben nahm. Die Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung auf dieser Etage war vom verheirateten Freund der 46-Jährigen angemietet worden. Als er in der vergangenen Woche die Möbel zum Recyclinghof brachte, entdeckte er an dem Polsterhocker eine neue Bespannung. Dahinter, in blauen Plastiksäcken versteckt, fand er die Knochenreste und brachte den Hocker zur Polizei.Weil die Leichenteile bereits stark verwest sind, gestalten sich die gerichtsmedizinischen Untersuchungen sehr schwierig, hieß es im Institut für Rechtsmedizin der Charité. Fest stehe lediglich, dass es sich um vier Leichen handelt. Das schließe man aus der Zahl der Überreste. Hinweise darauf, wie alt die Knochen sind, gibt es derzeit nicht. Klar ist nur, dass die Leichen nicht zerstückelt wurden. Den Medizinern ist es auch kaum möglich festzustellen, wie die Kinder zu Tode kamen. Bisher wisse man nicht einmal, ob sie lebend geboren wurden, sagte gestern Justizsprecher Martin Steltner. Dafür fehlen die für die Untersuchungen wichtigen Weichteile. Auch plötzlicher Kindstod ist als Todesursache möglich. Er entsteht in den ersten Lebenswochen häufig durch Lungenversagen oder Störungen im Verdauungstrakt. Da auch die inneren Organe der toten Kinder verwest sind, können diese Krankheiten nicht nachgewiesen werden.Erschwert werden die Ermittlungen durch fehlendes DNA-Material der Frau. Nach deren Suizid war die Leiche eingeäschert worden. Die Ermittler gehen aber dennoch derzeit davon aus, dass Heike W. die Mutter der toten Kinder ist. Dieses Rätsel könnte gelöst werden. Denn Heike W. hatte mindestens ein weiteres Kind, dessen DNA jetzt mit der der toten Babys verglichen werden soll.Zur Adoption freigegebenDie Frau hatte im Jahr 2001 einen Säugling zur Adoption freigegeben, sagte die Sozialstadträtin von Charlottenburg-Wilmersdorf Martina Schmiedhofer (Grüne) der Berliner Zeitung. "Sie hatte schon während ihrer Schwangerschaft dem Arzt erklärt, dass sie das Kind nicht will." Daraufhin sei die Schwangere - wie in solchen Fällen üblich - vom Jugendgesundheitsdienst des Bezirks beraten worden. Die Adoption sei über eine der beiden Berliner Adoptionsvermittlungsstellen erfolgreich abgewickelt worden. Schmiedhofer: "Im Haushalt der unverheirateten Frau lebte damals kein weiteres Kind." Nach der Adoption habe die Mutter jeden Kontakt zum Kind und zu dessen neuen Eltern abgelehnt. Von Heike W. habe man im Bezirk nie wieder etwas gehört, so Schmiedhofer. "Geburtsmeldungen aus Kliniken und anderen Einrichtungen, die bei uns automatisch eingehen, hat es von ihr nicht mehr gegeben."Auch in Spandau, wo Heike W. vorher gewohnt haben soll, will man jetzt in den Akten suchen. "Wir wollen wissen, ob die Frau noch mehr Kinder hatte", hieß es im dortigen Jugendamt. In der Senatsverwaltung für Gesundheit will man zu den vier toten Babys am liebsten gar nichts sagen, man sei bislang in die Ermittlungen nicht einbezogen, hieß es. Und: "Wir sind sehr betroffen, auch vor dem Hintergrund, dass es in Berlin äußerst umfangreiche Angebote für Schwangere und Mütter gibt."In der Wohnung an der Krumme Straße 70 war Heike W. polizeilich nicht gemeldet. Ihre offizielle Adresse war eine Wohnung an der Wetzlarer Straße, nahe dem U-Bahnhof Rüdesheimer Platz. In dem fünfgeschossigen 30er-Jahre-Altbau in dem ruhigen Kiez gibt es vor allem sehr kleine Wohnungen, wie ein älterer Nachbar sagte. An Heike W. erinnert er sich nicht. Die Wohnung im Hochhaus Krumme Straße wird im November wieder bezogen, sagte der Hausmeister.------------------------------Ermordete KinderDeutschlandweit ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft jährlich in etwa 25 bis 30 Fällen, in denen Mütter ihre Neugeborenen töten. Die Zahl ist in den letzten Jahren weitgehend konstant geblieben. In Berlin werden jährlich drei bis fünf Fälle bekannt. Die Dunkelziffer ist hoch, vermuten Polizisten.Säuglingsmorde gehören zu den kompliziertesten Fällen, welche die Mordkommissionen zu lösen haben. Denn meistens geben die Kleidung des Babys, die Tötungsart und der Fundort keinen Hinweis auf die Mutter.Im März 2009 entdeckte ein Mieter eine Babyleiche in einem Kleidercontainer an der Güntzelstraße in Wilmersdorf. Der einen Tag alte Junge war voll entwickelt und gesund auf die Welt gekommen. Von den Eltern fehlt bis heute jede Spur.Im April 2008 fanden Spaziergänger unterhalb des Müggelturms in Köpenick einen Rucksack. Darin lag ein neugeborenes totes Mädchen. Die Polizei fand heraus, dass sich die Mutter, die als Animierdame beschäftigt war, nach Asien abgesetzt hatte.Im August 2006 entdeckte ein Köpenicker im eigenen Heizungskeller eine Babyleiche. Die 19-jährige Tochter hatte ihr Kind erstickt.Im Februar 2005 war ein totes Baby in einer Recycling-Anlage in Mahlsdorf gefunden worden. Der bis dahin einmalige Fall in Berlin ist bis heute ungeklärt.Im Juli 2004 entdeckten Handwerker in einer Wohnung in Lichtenrade eine Kinderleiche. Die Mutter hatte das Kind nach der Geburt verhungern und verdursten lassen.Im September 2003 fanden Gartenarbeiter in einem Park an der Glassower Straße in Neukölln einen toten Jungen. Das Baby war erdrosselt wordenIm Juli 2002 wurde ein zwei Tage alter Junge in der Babyklappe des Zehlendorfer Krankenhauses Waldfriede entdeckt. Der Säugling war mit 15 Messerstichen getötet worden. Der Fall ist bis heute nicht geklärt.------------------------------"Wir gehen davon aus, dass Heike W. die Mutter der vier Säuglinge ist." Ein Ermittler aus dem LandeskriminalamtFoto: In diesem Haus an der Wetzlarer Straße war Heike W. gemeldet. Gewohnt hat sie seit Oktober 2008 im Hochhaus Krumme/Ecke Bismarckstraße.

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