Über das Richtige und das Falsche in der Geschichte lässt sich immer streiten, aber nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort. Das gilt auch für Markus Wolf, der die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) der DDR-Staatssicherheit aufgebaut hat. Als Wolf am 4. November 1989 mehreren hunderttausend Demonstranten auf dem Alexanderplatz weismachen wollte, die HVA habe als Auslandsgeheimdienst mit der bösen Inlands-Stasi nichts zu tun, da hagelte es Protest. Diesen Ort sollte er an diesem Tag nicht mit seinem tschekistischen Geschichtsbild okkupieren dürfen. Man pfiff ihn von der Lkw-Tribüne. Bedauerlicherweise gelang es ihm und seinem Nachfolger Werner Großmann in den letzten Tagen der DDR dann doch, die Stasi-Auflösungskommitees mit dem Märchen vom ganz normalen Auslandsgeheimdienst über den Tisch zu ziehen. Die Hauptverwaltung Aufklärung durfte ihre Unterlagen weitgehend vernichten, was es Wolf und Co bis heute ermöglicht, dort weiter schönzureden, wo schriftliche historische Quellen fehlen. Das funktionierte in manchen Fernseh-Talkshows recht gut, wo man über Kochbücher und den Bruder Konrad Wolf plauderte und nicht darüber, dass Markus Wolf jahrzehntelang Erich Mielkes Bruder im Geiste und fester Bestandteil seines Unterdrückungsapparates war. Vielleicht ist diese Erfahrung der Auslöser für den dreisten Versuch der stasidurchsetzten PDS, das Buch "Kundschafter im Westen", zu dem Wolf ein Vorwort schrieb, ausgerechnet im Rathaus Schöneberg zu präsentieren. Diesen symbolischen Landgewinn hat die CDU, die sich eine Glorifizierung der Stasi unter der Freiheitsglocke nicht vorstellen kann, dankenswerterweise vereitelt. Man fragt sich, warum der Protest nicht aus der SPD kam. Vielleicht findet sie nichts mehr dabei, wenn Günter Guillaume mal wieder vom Verräter zum Kundschafter des Friedens stilisiert wird - in Willy Brandts Rathaus Schöneberg. Seite 17
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]