Zwei Hände halten durch das vergitterte Fenster ein Seil, sie lassen es schwingen. Offenbar will jemand in dem Gebäude hinter der hohen Mauer vorführen, wie das funktioniert, wenn sie hier in der Jugendstrafanstalt Plötzensee Pakete von draußen aus der Luft angeln. "Drogen, Handys, die bestellen sich sogar Döner da drin", sagt Joachim Behrens unweit der Mauer.Der 68-jährige Behrens ist im Vorstand der Kleingartenanlage Saatwinkler Damm direkt neben dem Gefängnis. Die regelmäßigen Lieferungen in die Justizvollzugsanstalt (JVA), die am Donnerstag durch den Bericht einer Reporterin des ARD-Magazins Kontraste aufgedeckt wurden, beobachten Behrens und die anderen Kleingärtner seit Jahren. "Früher war das selten, aber mittlerweile benehmen die sich, als ob ihnen die Welt gehört", sagt Behrens im Garten seines Sohnes Oliver, der direkt an der Mauer liegt. Vater und Sohn sitzen auf Gartenstühlen und erzählen bereitwillig, denn sie wollen, dass es endlich ein Ende hat mit dem "Lieferservice" ins Gefängnis.Wie der funktioniert, kann der 38 Jahre alte Oliver Behrens genau beschreiben. Er verbringt viel Zeit im Garten, "und nachts zwischen halb eins und drei Uhr kann man immer damit rechnen, dass die Schmuggler unterwegs sind", sagt er. Eine Variante seien Pakete, die von Dächern der Lauben aus in Richtung der Zellentrakte geworfen und dort mit einer Art Schlinge gefangen werden. "Das ist aber eher unsicher", sagt Behrens fachmännisch.Häufiger funktioniert der Austausch mittlerweile so, dass sich die Parteien auf beiden Seiten per Handy verabreden. Von drinnen wird dann ein Faden oder ein Stoffstreifen mit einem zusammengeknüllten Stück Klopapier als Gewicht rübergeworfen. Die Kontaktleute auf dem Laubendach fangen das Seil, reißen das Papier ab und knoten ein dickeres Seil dran. Die Insassen ziehen dann vorsichtig am dünnen Seil, bis sie das stabile Seil in den Händen halten. Daran können sie auch schwere Pakete über die Mauer ziehen.Tatsächlich liegen am Freitagmittag mehrere Papierbrocken mit Seilresten auf dem Weg zwischen Gärten und Anstaltsmauer. An einer Laube hängt noch ein Seil. Besonders betroffen sind zwei Gärten, von denen der Abstand zu den Zellen am geringsten ist und auf deren Lauben Taubenschläge sind. "So sind sie auf dem Dach fast auf Augenhöhe mit den Leuten drinnen", sagt Vater Behrens. Die Besitzer dieser besonders günstig gelegenen Gärten würden regelmäßig bedroht, sagt der Kleingärtner. Auch Oliver Behrens trifft regelmäßig Besucher in seinem Garten. "Sie haben mir Schläge angedroht und vor Jahren mal meinen Hund mit Benzin übergossen und gedroht, ihn anzuzünden", sagt der Sohn.Dass die Kleingärtner sich seit Jahren an die Behörden wenden, habe an der Situation nichts geändert, sagen Vater und Sohn. "Verstärkte Polizeikontrollen? Haben Sie einen Polizisten gesehen?" fragt Oliver Behrens. Dass der Weg zwischen JVA und Lauben mit Kameras überwacht wird, bewirke nichts, sagen sie. Und die Fenster der Zellen nachts verschließen könne man nicht. "Das ist psychologisch nicht zumutbar, hat mir ein Wärter erklärt", erzählt Behrens.------------------------------Foto: Die Mauer ist kein Hindernis: Nur rund 15 Meter liegen zwischen der Jugendstrafanstalt Plötzensee und den Dächern der angrenzenden Kleingärten.Foto: Mit Papierkugeln werden die Wurfseile beschwert.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]