Uscha Sadowski kann in diesem Jahr ein Jubiläum feiern. Vor 20 Jahren gründete sie - damals 57 Jahre alt - mit ein paar anderen Frauen den Verein "Offensives Altern". Sie kannten sich aus dem Frauenzentrum in Kreuzberg. Sie waren um die 60 und wollten auf keinen Fall später in einem Altersheim leben. "In einem Altenghetto", wie Uscha Sadowski sagt. Also beschlossen sie, ein Haus zu bauen, in dem alte Frauen, junge Frauen und Kinder wohnen und füreinander da sein sollten. Männer waren in ihrer Planung nicht vorgesehen. "Unsere Männer waren im Krieg geblieben, wir waren sowieso nur unter Frauen", sagt Uscha Sadowski. "Außerdem wollten wir etwas für junge, alleinstehende Mütter tun. Die waren benachteiligt und bekamen damals in Berlin keine Wohnungen. " Doch aus dem generationenübergreifenden Wohnprojekt wurde lange Zeit nichts. 16 Jahre sollten vergehen, bis Uscha Sadowski ihre Eineinhalb-Zimmer-Wohnung im Neubau am Ortolanweg 88 im Neuköllner Stadtteil Buckow bezog. Drei der Vereinsgründerinnen waren zwischenzeitlich gestorben.Den Bau eines Hauses hatte der Verein nicht aus eigenen Mitteln finanzieren können. Es dauerte, bis eine Genossenschaft gefunden war, die bereit war, ein Haus zu errichten. Im Mai 1999 war es bezugsfertig. Heute leben neun Rentnerinnen und 15 jüngere Frauen mit ihren 16 Kindern in dem Haus. Die Wohnungen sind 51 bis 74 Quadratmeter groß, hell und schön geschnitten. Das Haus hat einen Garten und einen Gemeinschaftsraum - doch der steht meist leer. Anfangs feierten die Frauen ihre Geburtstage zusammen. "Inzwischen", sagt Uscha Sadowski, "sind wir fast ein normales Mietshaus. Viele bleiben für sich. " Die Begeisterung der ersten Jahre ist bei Uscha Sadowski Ernüchterung gewichen. Auch ihre Nachbarin Gerda Reipen, 73 Jahre alt, hatte sich das Wohnprojekt anders vorgestellt. Die beiden Frauen sitzen an Uscha Sadowskis Couchtisch. An der Wand hängen Masken aus Afrika, die sie von ihren Reisen mitgebracht hat. Gerda Reipen sagt, die Hausgemeinschaft habe eher den Charakter einer Zweckgemeinschaft: "Die Jungen pflegen die Alten, wenn sie krank sind. Und die Alten hüten die Kinder. " Sie selbst wurde während einer längeren Erkrankung gut versorgt. "Ich habe immer mein Essen bekommen", sagt sie. Doch das reicht ihr nicht. Sie erwartet mehr von ihren jüngeren Mitbewohnerinnen. "Zu unserem Projekt gehören weitere Aufgaben. Vorstandsarbeit, Öffentlichkeitsarbeit. " Aber es sind nicht nur solche grundlegenden Probleme, die ein Miteinander erschweren. Es gibt auch Streit über vermeintlich profane Dinge. Sauberkeit und Ordnung zum Beispiel. Es stört die älteren Frauen, dass im Treppenhaus Kinderwagen stehen, dass Spielzeug herumliegt und der Sand vom Spielplatz nicht weggekehrt wird. "Wenn wir uns beschweren, bekommen wir zu hören: ,Mein Gott, wie bei Mutti ", sagt Uscha Sadowski und lacht. "Ich hätte an ihrer Stelle wahrscheinlich auch so reagiert. " Doch vielleicht liegt es auch an der hohen Fluktuation der jungen Frauen im Haus, dass sich kein echtes Gemeinschaftsgefühl entwickelt. Weil Männer keinen Mietvertrag erhalten, ziehen viele Frauen wieder aus, wenn sie einen Partner kennen gelernt haben. "Außerdem macht die Wohnungsgenossenschaft uns die Sache schwer", sagt Uscha Sadowski. Neumieterinnen müssen beim Einzug 2 500 Euro für Genossenschaftsanteile auf den Tisch legen. "In den ersten Jahren konnten sie den Betrag noch abstottern. " Außerdem schreibt die Genossenschaft vor, dass die Miete - eine Eineinhalb-Zimmer-Wohnung kostet monatlich 370 Euro warm - nicht mehr als ein Drittel des Einkommens ausmachen darf. Für Frauen mit wenig Geld ist das ein Problem. "Dabei wollten wir uns vor allem für die Benachteiligten einsetzen", sagt Uscha Sadowski. Immerhin haben sie ein Mitspracherecht bei der Auswahl neuer Hausbewohnerinnen.Vor einiger Zeit haben sich Uscha Sadowski und Gerda Reipen eine Seniorenresidenz angeguckt. Sie dachten, dass das vielleicht doch etwas für sie sein könnte. "Aber so viel Freiheit wie jetzt hätten wir dort nicht", sagen sie. Deshalb haben sie sich trotz mancher Probleme entschieden, bis zum Schluss in ihren Wohnungen zu bleiben. "Medizinisch versorgt werden wir auch hier. " Im Bedarfsfall wird ein ambulanter Pflegedienst engagiert. Ob die Gemeinschaft im hohen Alter und bei schweren Krankheiten der Bewohnerinnen hilft, muss sich noch erweisen. Erst eine Frau ist seit Bestehen des Hauses gestorben.Informationen zu bestehenden und geplanten Wohnprojekten erteilt das Forum für gemeinschaftliches Wohnen im Alter unter Tel. 85 60 37 06. Über Altersheime informiert der Paritätische Wohlfahrtsverband: 86 00 11 75.Mit dieser Ausgabe endet die Serie "Familie 2003" in der Berliner Zeitung.Gewinnspiel und Gewinner der dritten Woche auf Seite 26 Die Gewinner der vierten Woche, der Hauptgewinn und alle Antworten des Spiels werden am kommenden Sonnabend, dem 5. Juli, veröffentlicht.BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Uscha Sadowski (l. ) und Gerda Reipen leben mit sieben anderen Rentnerinnen, 15 jungen Müttern und ihren 16 Kindern in einer Hausgemeinschaft.
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