Ein bisschen liest sich die Bekanntgabe der „Pantone-Farbe des Jahres“ immer wie ein arg selbstverliebtes Dating-Profil. Eine arg blasierte Selbstbeschreibung auf Tinder zum Beispiel oder eine eitle Kurzbio auf Bumble. Der Ton, der 2023 alles dominieren soll, „vibriert vor Elan und Vitalität“, verkündet nun das Unternehmen Pantone LLC aus New Jersey; er sei „mutig und furchtlos“, „kühn, voller Witz“.
Alles in allem also ein ziemlich guter Typ – da kann man ja nur nach rechts wischen! Seit 1999 wählt das Farbinstitut pünktlich in jedem Dezember seine Nuance des darauffolgenden Jahres; als Empfehlung einerseits und als Trendprognose andererseits – als Hinweis darauf, was uns alle im kommenden Jahr farblich erwarten könnte und sollte.
Pantone-Farbe des Jahres 2022: Omnipräsent wie Omikron
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Der nun so blumig umschriebene Ton trägt im Pantone-Farbsystem die Nummer 18-1750 und heißt „Viva Magenta“, will aber mit der so schreienden Telekom-Farbe gar nicht so viel gemein haben. Eher handelt es sich um einen weniger kühlen, weniger pinken tiefen Rotton, fast ein bisschen ins Rostige gehend, weniger braun aber, ein bisschen wie eine dunkle Korallen-Farbe. Oder wie es das Farbinstitut umschreibt: „Ein in der Natur verwurzelter Farbton, der aus der Familie des Roten stammt und ein neues Signal der Stärke ausdrückt.“
Heiliges Bad im Fluss Bagmati, der in Indien und Nepal fließt: Die Hindu-Frauen liegen mit ihren Umhängen voll im Trend.
© EPA
Auch darum geht es nämlich bei der Wahl der „Pantone-Farbe des Jahres“: Stimmungen zu beschreiben – solche, die bereits vorherrschen, oder solche, die man sich im Allgemeinen herbeisehnt. Und während im wenig erbaulichen Jahr 2022 der Lila-Ton „Very Peri“ laut dem Farbinstitut „eine lebhafte, fröhliche Sicht auf die Welt“ befördern sollte, soll im kommenden Jahr eben „Viva Magenta“ Kraft und Power schenken.
Einer der wertvollsten Farbstoffe aus der Familie der natürlichen Farbstoffe sowie einer der stärksten und hellsten, die die Welt kennt.
Leatrice Eiseman
Darüber hinaus verweist das Farb-Unternehmen mit seiner Wahl auch auf die Natur und das Natürliche. „Im Zeitalter der Technologie“, so wird Leatrice Eiseman, die Geschäftsführerin des Instituts zitiert, „lassen wir uns von der Natur und von dem, was real ist, inspirieren“ – vielleicht sogar von ein bisschen zu viel Realität, würde man im Bild der Tinder-Profile bleiben. „Pantone 18-1750 Viva Magenta“ erinnert nämlich an die Cochenilleschildlaus; ein zu den Wanzen zählendes Insekt, von dessen Weibchen ein rotes Pigment gewonnen wird.
Immerhin einer „der wertvollsten Farbstoffe aus der Familie der natürlichen Farbstoffe sowie einem der stärksten und hellsten, die die Welt kennt“, wie Leatrice Eiseman weiß. Zu sehr im rein Natürlichen will das Institut freilich trotzdem nicht verweilen und hat zusammen mit dem KI-Kunst-Tool Midjourney und dem Unternehmen Huge eine digitale Informationswelt geschaffen, ein „Magentaverse“, was wohl gleichbedeutend mit dem Metaverse sein soll.
Ein chinesischer Bauer trocknet Chilischoten: Sowieso soll „Viva Magenta“ auch eine Nähe zur Natur symbolisieren.
© XinHua
Wer lieber im analogen Diesseits verweilt, findet bei Pantone schon jetzt den passenden Merchandise zur Farbe des kommenden Jahres: Sneaker, Kaffeetassen, Schlüsselanhänger – alles im mutig-furchtlosen Braunrotlila. Und weil erfahrungsgemäß viele Marken aus Mode, Design und Kosmetik auf den Pantone-Zug aufspringen und etwas Passendes aus ihrem Sortiment heraussuchen, wird man die Farbe des Jahres in nächster Zeit wohl tatsächlich häufig sehen. Zumindest für ein paar Wochen.
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