Zeitumstellung

Fast hätte Berlin zwei Uhrzeiten gehabt: Wie die DDR 1980 den Westen zur Sommerzeit drängte

Zeitumstellung 2026: Warum gibt es Sommer- und Winterzeit? Die Geschichte von 1916 über die DDR bis zur EU – und welche fünf Mythen nicht stimmen.

5 Min
Diese Uhr hat die Zeitumstellung von 1980 verpasst: Die Berliner „Uhr der Versöhnung” stand 58 Jahre lang still. Ihr Werk stammt aus der 1985 gesprengten Versöhnungskirche im Mauerstreifen, das Zifferblatt aus der Zionskirche. Seit 2019 tickt sie wieder.

Diese Uhr hat die Zeitumstellung von 1980 verpasst: Die Berliner „Uhr der Versöhnung” stand 58 Jahre lang still. Ihr Werk stammt aus der 1985 gesprengten Versöhnungskirche im Mauerstreifen, das Zifferblatt aus der Zionskirche. Seit 2019 tickt sie wieder.

© Imago/epd

Im Herbst 1979 drohte Berlin eine zweite Grenze, diesmal nicht aus Beton, sondern aus Zeit. Hätte nur einer der beiden deutschen Staaten die Sommerzeit eingeführt, wären die Uhren in Ost- und West-Berlin ein halbes Jahr lang eine Stunde auseinandergelaufen.

Den Ausweg erzwang ausgerechnet Ost-Berlin. Seitdem stellt ganz Deutschland zweimal im Jahr die Uhren um, auch an diesem Wochenende.

Erfunden hat die Idee übrigens ein Insektenforscher, eingeführt hat sie ein Kaiser im Krieg. Und um kaum ein Alltagsritual ranken sich so viele Irrtümer.

Zeitumstellung 2026: Am Sonntag endet die Sommerzeit

In der Nacht von Samstag, 24. Oktober, auf Sonntag, 25. Oktober 2026, springen die Uhren in Deutschland und der gesamten EU um 3 Uhr zurück auf 2 Uhr. Handys und Funkuhren stellen sich selbst um, Backofen und Autouhr meist nicht.

Den Merksatz und alle Termine finden Sie in unserem Überblick zur Zeitumstellung auf Winterzeit.

Sommerzeit 1980: Wie die DDR den Westen überholte

Bonn wollte die Sommerzeit schon Ende der 1970er-Jahre, wie viele Nachbarländer nach der Ölkrise von 1973. Doch ohne die DDR wäre an der Mauer eine Zeitgrenze entstanden.

Auf den Bahnhöfen in West- und Ost-Berlin hätten unterschiedliche Uhrzeiten gegolten. Für Pendler, Transitreisende und Fahrpläne wäre das ein Albtraum gewesen.

Dann preschte die DDR vor und verkündete die Sommerzeit ab April 1980, wie unser Schwesterblatt Berliner Kurier rekonstruiert hat. Die Bundesrepublik zog nach.

Am 6. April 1980 drehten Ost und West erstmals gemeinsam an der Uhr. Seit 1996 gilt in der ganzen EU derselbe Rhythmus: Sommerzeit vom letzten Sonntag im März bis zum letzten Sonntag im Oktober.

Wer hat die Sommerzeit erfunden? Ein Insektenforscher

Die Idee ist deutlich älter. Der neuseeländische Insektenkundler George Vernon Hudson schlug schon 1895 vor, die Uhren im Sommer um zwei Stunden vorzustellen. Er wollte mehr helle Stunden für die Insektenjagd.

Weltweit bekannt machte die Idee der britische Bauunternehmer William Willett. Er veröffentlichte 1907 eine Streitschrift über die „Verschwendung von Tageslicht“ und steckte einen großen Teil seines Vermögens in die Kampagne.

Das britische Parlament lehnte Jahr für Jahr ab. Willett starb 1915, ein Jahr bevor seine Idee Wirklichkeit wurde.

1916: Das Kaiserreich stellt als Erstes die Uhren um

Umgesetzt hat sie das Deutsche Reich. Am 30. April 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, stellten Deutschland und Österreich-Ungarn erstmals die Uhren vor.

Die Kriegswirtschaft sollte Energie sparen. Laut dem Deutschen Uhrenmuseum im Schwarzwald war die Umstellung zugleich eine Machtdemonstration des Kaiserreichs.

Großbritannien folgte wenige Wochen später. In Deutschland blieb die Sommerzeit umstritten, die junge Weimarer Republik schaffte sie 1919 wieder ab.

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Zweiter Weltkrieg und „Hochsommerzeit“ 1947

1940 kehrte die Sommerzeit zurück, wieder mit dem Argument der Energieersparnis. Nach dem Krieg wurde es kurios: Ab dem 11. Mai 1947 galt eine doppelte Sommerzeit, die Uhren liefen der Normalzeit zwei Stunden voraus.

Danach verzichteten Bundesrepublik und DDR drei Jahrzehnte lang auf das Uhrendrehen, bis zur Ölkrise.

Mythos 1: Benjamin Franklin hat die Sommerzeit erfunden

Falsch. Franklin schrieb 1784 als Gesandter in Paris einen anonymen Brief an das Journal de Paris, und der war Satire.

Er spottete über Pariser, die bis mittags schliefen und abends teure Kerzen verbrannten. Sein Vorschlag: früher aufstehen, notfalls geweckt von Kanonenschüssen bei Sonnenaufgang. Von verstellten Uhren schrieb er kein Wort.

Mythos 2: Die Sommerzeit wurde für die Bauern eingeführt

Auch das stimmt nicht. Den Anstoß gaben 1916 die Kriegswirtschaft und 1980 die Ölkrise.

Für Landwirte ist die Umstellung eher lästig. Eine Kuh will auch nach dem Uhrendrehen zur gewohnten Zeit gemolken werden.

Mythos 3: Die Zeitumstellung spart Energie

Genau damit wurde sie 1980 begründet. Belegen lässt sich der Effekt bis heute nicht.

Das Umweltbundesamt kann die Einsparung nicht beziffern. Abends brennt zwar weniger Licht, dafür wird im Frühjahr und Herbst morgens mehr geheizt.

Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung fand im Auftrag des Bundestags „keine belastbaren Hinweise“ auf ernsthafte Effekte der Sommerzeit, auch nicht beim Energieverbrauch.

Mythos 4: Im Winter gilt die „Winterzeit“

Eine Winterzeit gibt es offiziell gar nicht. Die eigentliche Zeit in Deutschland ist die Mitteleuropäische Zeit (MEZ), auch Normalzeit genannt.

Die Sommerzeit (MESZ) ist die Ausnahme. Wer am Sonntag die Uhr zurückdreht, kehrt also zur richtigen Zeit zurück.

Mythos 5: Die EU hat die Zeitumstellung längst abgeschafft

Das hält sich hartnäckig, ist aber falsch. 2018 befragte die EU-Kommission die Bürger, etwa zwei Drittel der Antworten kamen allerdings aus Deutschland.

Das EU-Parlament stimmte 2019 für das Ende der Umstellung, ursprünglich schon zum Jahr 2021. Die Mitgliedstaaten im Rat konnten sich nie einigen, weil ein Flickenteppich verschiedener Zeitzonen drohte.

Die Kommission hält an ihrem Plan fest. Eine Studie zu den Folgen soll bis Ende 2026 vorliegen. Laut einer Umfrage vom März 2026 wollen 73 Prozent der Deutschen das Uhrendrehen loswerden.

Ewige Sommerzeit? Dann wird es in Berlin erst um 9.15 Uhr hell

Fällt die Umstellung weg, muss Europa sich für eine Zeit entscheiden. Mit dauerhafter Sommerzeit ginge in Berlin um die Wintersonnenwende die Sonne erst gegen 9.15 Uhr auf.

Viele Schlafmediziner plädieren deshalb für die Normalzeit. Einig sind sich bei dieser Frage aber weder Deutschland noch die EU.

Die Zeitumstellung überlebt also nicht, weil sie nützt, sondern weil sich 27 Staaten nicht einigen können. Am Sonntag gibt es die geschenkte Stunde trotzdem, zum 47. Mal seit 1980.

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