Arbeitsmarkt

Fast jeder vierte Lkw-Fahrer im Osten ist Ausländer: Jetzt lässt der EU-Zuzug nach

Ausländische Fachkräfte bremsen den Beschäftigungsrückgang im Osten. Doch die neuen IW-Zahlen zeigen auch, wo Zuwanderung an ihre Grenzen stößt.

Katharina Erschov
Katharina Erschov
4 Min
Der Beitrag von Zuwanderern im deutschen Arbeitsmarkt wächst laut einer neuen IW-Studie immer mehr.

Der Beitrag von Zuwanderern im deutschen Arbeitsmarkt wächst laut einer neuen IW-Studie immer mehr.

© Friso Gentsch/dpa

In Ostdeutschland verhindern ausländische Fachkräfte bislang einen noch stärkeren Rückgang der Beschäftigung. Das geht aus einer neuen Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Ohne Zuwanderung aus der EU und aus Drittstaaten hätte die Zahl der qualifizierten Beschäftigten in den ostdeutschen Flächenländern demnach zwischen 2014 und 2025 um rund 191.000 oder 5,3 Prozent niedriger gelegen.

Bis 2019 stieg die Beschäftigung vor allem durch deutsche Fachkräfte und Menschen aus anderen EU-Staaten. Seitdem hat sich die Entwicklung gedreht: Die Zahl der qualifizierten Beschäftigten mit deutschem Pass sinkt – und auch der Zuwachs aus anderen EU-Staaten nimmt ab. Beschäftigte aus Drittstaaten tragen laut IW dagegen zunehmend dazu bei, die wachsende Lücke auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt zu begrenzen.

Demografie-Krise: Zuwanderung allein reicht nicht aus

Hinter der Entwicklung steht vor allem der demografische Wandel. Auf die geburtenstarken Babyboomer folgen in Ostdeutschland deutlich kleinere Jahrgänge. Dadurch scheiden mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt aus, als aus der Region selbst nachrücken. Zwischen 2019/2020 und 2024/2025 sank die Zahl der qualifizierten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in den ostdeutschen Flächenländern laut IW um 1,1 Prozent. Im Westen stieg sie im gleichen Zeitraum dagegen um 3,9 Prozent.

Die Folgen zeigen sich besonders deutlich in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Dort ist die Zahl der qualifizierten Beschäftigten trotz Zuwanderung gesunken. Sachsen-Anhalt hat seit der Wiedervereinigung laut dem Demografieportal der Bundesregierung fast 700.000 Einwohner verloren. Bis 2040 könnte die Zahl der Menschen im Erwerbsalter nach einer Prognose des Statistischen Landesamtes Sachsen-Anhalt um weitere 272.000 sinken. Bei gleichbleibender Erwerbstätigenquote hätte das Land dann nur noch knapp 797.000 Erwerbstätige – rund 20 Prozent weniger als 2024.

Anders verlief die Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg: In beiden Ländern konnten ausländische Fachkräfte den Rückgang bei den deutschen Beschäftigten mehr als ausgleichen. In Brandenburg entstand unter dem Strich ein Zuwachs von knapp 50.000 qualifizierten Beschäftigten aus dem Ausland. Sachsen war das einzige ostdeutsche Flächenland, in dem sowohl die Zahl der deutschen als auch der ausländischen Fachkräfte stieg.

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Was die IW-Zahlen nicht zeigen

Die Beschäftigungszahlen des IW unterscheiden allerdings nur nach Staatsangehörigkeit. Sie belegen, dass internationale Fachkräfte den Rückgang bislang dämpfen. Ob Zuwanderung den Fachkräftemangel langfristig ausgleichen kann, lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. In Sachsen-Anhalt und Thüringen reicht der Zuwachs bereits heute nicht aus. Entscheidend ist zudem, ob es gelingt, die zugewanderten Fachkräfte dauerhaft in der Region zu halten.

Das IW weist außerdem darauf hin, dass der Anteil von Menschen mit Einwanderungsgeschichte in der Statistik nur unvollständig sichtbar wird. Von 2015 bis 2025 wurden bundesweit rund 1,8 Millionen Menschen eingebürgert. Anschließend werden sie in der Beschäftigungsstatistik als Deutsche erfasst. Wie viele von ihnen in den ostdeutschen Flächenländern arbeiten, geht aus der Analyse nicht hervor.

Fast jeder vierte Lkw-Fahrer hat keinen deutschen Pass

Besonders groß ist die Bedeutung internationaler Fachkräfte in Bereichen, in denen bereits heute Personal fehlt. Knapp 160.000 von ihnen arbeiten laut IW in Engpassberufen, vor allem in der Logistik, im Gesundheitswesen und in der Gastronomie. Fast jeder vierte Berufskraftfahrer in den ostdeutschen Flächenländern hat keinen deutschen Pass. Bei angestellten Ärzten liegt der Anteil ebenfalls bei rund einem Viertel, bei Köchen bei knapp 20 Prozent.

„Wenn es in Ostdeutschland nicht gelingt, Arbeitskräfte aus Drittstaaten zu gewinnen und zu halten, bleiben Waren liegen, Patienten unbehandelt und Restaurants geschlossen“, warnt IW-Experte und Mitautor Gero Kunath. Zuwanderung könne den demografischen Rückgang zwar nicht stoppen, aber dessen Folgen für Unternehmen und öffentliche Dienstleistungen begrenzen.

Gleichzeitig wird es schwieriger, Fachkräfte aus anderen EU-Ländern zu halten. Seit 2024 wandern wieder mehr Menschen in die östlichen EU-Staaten zurück. Rund 7800 Beschäftigte aus den neuen Mitgliedsländern haben Ostdeutschland laut einer früheren IW-Studie verlassen. Als Gründe nennt das Institut die verbesserte wirtschaftliche und demografische Lage in ihren Herkunftsländern.

Das IW fordert deshalb, stärker um Fachkräfte aus Drittstaaten zu werben und ihnen langfristige Perspektiven zu bieten. „Um ihren Wohlstand zu halten, muss die Region um Arbeitskräfte aus dem Ausland werben. Sie darf ihnen nicht zugleich signalisieren, dass sie hier nicht willkommen sind“, erklärte IW-Ökonom Wido Geis-Thöne bereits anlässlich der früheren Untersuchung.

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