Fast täglich gibt es neue Enthüllungen aus dem Privatleben von Silvio Berlusconi. Politische Freunde raten ihm, sich dafür nicht mehr zu entschuldigen - und in die Offensive zu gehen

Das amerikanische Vorbild

Kordula Doerfler
4 Min

ROM. Der Ratschlag kam von einem, der die Mechanismen der Macht besser kennt als viele andere in Italien. Francesco Cossiga, einst Ministerpräsident und Staatspräsident der Republik Italien, empfahl Silvio Berlusconi gestern, zurückzutreten und damit Neuwahlen herbeizuführen. Allerdings war es nicht etwa die Sehnsucht nach einem weniger kompromittierten Nachfolger, die Cossiga antrieb. Es war ein gut gemeinter Rat unter politischen Freunden. Mit einem solchen "Befreiungsschlag", so glaubt der einstige Christdemokrat und Senator auf Lebenszeit, könne der angeschlagene Regierungschef seine Macht wieder sichern. Denn bei Neuwahlen werde er erneut haushoch siegen - trotz der täglich neuen Enthüllungen über ihn.Die haben ein Ausmaß angenommen, das jede Vorstellung dessen übersteigt, was in einer europäischen Demokratie möglich ist. Selbst in Italien macht nun das Wort von der Staatskrise die Runde. Längst ist es nicht mehr nur die linke Opposition, die Berlusconis Rücktritt fordert, weil er wegen immer neuer Skandalfotos und Mitschnitten von belastenden Telefonaten erpressbar und damit zum Sicherheitsrisiko geworden sei.Doch Berlusconi dementiert mittlerweile täglich, über Rücktritt auch nur nachzudenken. Vielmehr will er sich jetzt erneut als Macher präsentieren und hat eine Kabinettssitzung angekündigt, in der er das Programm seiner Regierung für das kommende Jahr vorstellen will. Im Mittelpunkt sollen dabei eine Senkung der gigantischen Staatsverschuldung und die Einführung eines Präsidialsystems stehen.Abschied vom LebenstraumWie angeschlagen Berlusconi dennoch ist, zeigt sich vor allem daran, dass er sich offenbar von seinem Lebenstraum verabschieden musste. In Rom werden die Gerüchte lauter, dass Berlusconi vom Einzug in den Präsidentenpalast Abstand genommen hat. Als Nachfolger des derzeitigen Präsidenten Giorgio Napolitano wird neuerdings Berlusconis rechte Hand, Staatssekretär Gianni Letta gehandelt. Bisher hat Berlusconi es stets zu verhindern gewusst, dass neben oder unter ihm ein starker Konkurrent heranwächst. Seit der Vereinigung seiner Forza Italia mit der rechten Alleanza Nazionale war seine Machtfülle größer als je zuvor.Mittlerweile sorgt sich sogar Gianfranco Fini, lange Jahre Vorsitzender der Alleanza Nazionale, öffentlich um das Ansehen von Roms politischer Klasse. Für Christdemokraten und gläubige Katholiken sind die schmuddeligen Details von Silvio Berlusconis ungeklärter Beziehung zur 18-jährigen Schülerin Noemi Letizia ohnehin kaum noch tolerierbar. Hinzu kommen die neuen Anschuldigungen, Berlusconi habe bezahlte Partygirls in seine Residenzen einfliegen lassen.Auch die Kirche macht seit Wochen Druck auf den Ministerpräsidenten, seine Privatangelegenheiten endlich zu klären. Nervös machen muss ihn, dass selbst die bürgerliche Tageszeitung Corriere della Sera, bisher nicht allzu kritisch mit dem rechtskonservativen Politiker, nun der linken Repubblica kaum noch nachsteht in hartnäckiger Recherche.Zweitausend Euro für eine NachtDer Corriere war es auch, der in der vergangenen Woche ein Interview mit der 42-jährigen Edelprostituierten Patrizia D'Addario veröffentlicht hat, in dem diese Pikantes zu Protokoll gab. So soll ihr der Bauunternehmer Giampaolo Tarantini, wie sie selbst aus Bari, zweitausend Euro dafür versprochen haben, wenn sie in Berlusconis privater Villa in Rom nächtigt. Während sie bei ihrem ersten Besuch in der Hauptstadt im vergangenen Herbst offenbar vergebens in einem Luxushotel darauf wartete, in den Palazzo Grazioli abgeholt zu werden, verbrachte sie beim zweiten Mal die Nacht dort. Am nächsten Morgen soll ihr Berlusconi im Bad erklärt haben, er müsse jetzt eine Erklärung abgeben. In den USA hatte gerade Barack Obama die Wahlen gewonnen. D'Addario hatte ein Tonband mitlaufen lassen, das sie mittlerweile der Staatsanwaltschaft übergeben hat. Die ermittelt nun ebenfalls gegen Tarantini - befreundet mit Berlusconi und in Schmiergeldskandale verwickelt - wegen der "Begünstigung von Prostitution".Tarantini versichert zwar, Berlusconi habe von all dem nichts gewusst. Dass eine zweite Dame, Barbara Montereale, ebenfalls von ihm Geld bekommen haben will und beide mit Listenplätzen bei den jüngsten Kommunalwahlen bedacht wurden, lässt ihn aber nicht gerade glaubwürdiger erscheinen. Dazu kursieren die Namen von einem Dutzend anderer junger Partygirls aus Bari, die für ihre Dienste bezahlt worden sein sollen.Das alles wie im Fall von Noemi Letizia noch als "linke Verschwörung" abzutun, wird selbst für Berlusconi zunehmend schwieriger. Francesco Cossiga hatte deshalb noch einen weiteren guten Rat für ihn: sich nicht zu entschuldigen und zu schweigen. John F. Kennedy und Bill Clinton hätten es schließlich genauso gemacht.------------------------------Foto : In Erklärungsnot: Mehrere Frauen haben ausgesagt, für nächtliche Besuche bei Berlusconi Geld und politische Gefälligkeiten erhalten zu haben.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner