Als Marcel Bär nach der deutlichen 3:5-Heimniederlage des FC Erzgebirge Aue gegen die TSG Hoffenheim II am 31. Spieltag am Mikrofon von Magenta Sport das Wort ergriff, stand ihm die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. „Ich stehe hier gefühlt Woche für Woche und erzähle den gleichen Scheiß. Es ist einfach peinlich. Ich habe weit über 300 Profispiele in meiner Karriere gemacht, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Wir kriegen nur auf die Fresse – und zwar zurecht, denn wenn man hinten solche Fehler macht, hat man es nicht verdient, in dieser Liga ein Fußballspiel zu gewinnen“, so die harte Selbstkritik des routinierten Offensivspielers, der seit 2023 in Aue unter Vertrag steht.
Auch drei Wochen später hat sich die sportliche Situation der Veilchen in der 3. Liga nicht verbessert – im Gegenteil. Vier Spieltage vor Saisonende steht das Team von Interimstrainer Khvicha Shubitidze mit zwölf Punkten Rückstand auf das rettende Ufer auf dem vorletzten Tabellenplatz; seit Ende Dezember wartet der FC Erzgebirge auf einen Sieg. Nach 23 Jahren im bundesweiten deutschen Profifußball könnte somit bereits an diesem Wochenende der bittere Abstieg in die Regionalliga Nordost feststehen. Wie konnte es nur so weit kommen?
Rückblick: Nach einer enttäuschenden Saison 2024/25, in der die Schachter in der Liga nur Platz 13 belegten und zudem im Sachsenpokalfinale gegen Lok Leipzig durch eine Niederlage im Elfmeterschießen den finanziell wichtigen Einzug in den DFB-Pokal verpassten, kündigten die Verantwortlichen rund um den damaligen Sportlichen Leiter Matthias Heidrich einen umfangreichen Umbruch an. In der Folge verließen insgesamt elf Spieler den FCE, dafür wurden 14 neue Akteure von anderen Vereinen verpflichtet oder aus der eigenen U19 in die Profimannschaft hochgezogen.
Mit der Kaderplanung im Sommer unzufrieden
Trotz der großen Veränderungen im Kader gab sich Heidrich während der Sommervorbereitung vorsichtig optimistisch. „Wir hatten die Sorge, dass die Zusammensetzung des Teams zum aktuellen Zeitpunkt noch offener sein würde, aber letztlich hat vieles funktioniert. Wir konnten die Mannschaft zusammenbauen, die wir zusammenbauen wollten. Jetzt geht es darum, grundlegende Dinge gut hinzubekommen: Zum Beispiel wollen wir eine Heimmacht werden und auch auswärts stabiler abliefern“, betonte der Sportliche Leiter beim Trainingsauftakt im Juni 2025.
Doch bereits der Saisonstart geriet zum Desaster: Nach fünf Niederlagen aus den ersten sieben Spielen fand sich Aue schnell im Tabellenkeller wieder. Die allgemeine Formkurve zeigte auch im Herbst weiter nach unten – Erfolgserlebnisse wie ein 2:0-Heimsieg gegen 1860 München Ende September oder ein spektakuläres 4:3 gegen Jahn Regensburg waren eher die Ausnahme als die Regel. Trainer Jens Härtel, der den Verein erst wenige Monate zuvor übernommen hatte, stand bereits damals in der Kritik; doch als Aue Anfang Dezember immer noch auf einem Abstiegsplatz stand, musste zunächst Heidrich seinen Hut nehmen. Dessen Entlassung war eine der ersten Amtshandlungen des neuen Vorstandes rund um Thomas Schlesinger, der den Verein seit November 2025 als Präsident führt.
Im Gespräch mit der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung deutet der 53-Jährige an, dass man unter anderem mit Heidrichs Kaderplanung im Sommer alles andere als zufrieden gewesen sei. „Die Gründe für den sportlich katastrophalen Saisonverlauf sind vielschichtig, die Analyse komplex. Sie reicht von Fehleinschätzungen bei Neuverpflichtungen über Verletzungssorgen bis zu fehlendem Spielglück und einem daraus resultierenden Nervenkostüm mit mentaler Instabilität“, so Schlesinger.
Zwei Trainer mussten während der Saison gehen
Blickt man auf die Sommerzugänge, fällt schnell auf, dass die meisten von Heidrich verpflichteten Akteure die Erwartungen nicht erfüllen konnten. Erik Weinhauer etwa, der sich in der Regionalliga Nordost als treffsicherer Torschütze erwiesen und für Carl Zeiss Jena in der Saison 2024/25 mehr als 20 Scorer-Punkte gesammelt hatte, konnte seine starken Leistungen bei den Thüringern eine Liga höher nicht bestätigen. In 24 Einsätzen in der 3. Liga traf er bislang nur zweimal, häufig saß er zudem auf der Ersatzbank. Aber auch erfahrene Spieler wie der 33-jährige zentrale Abwehrmann Ryan Malone, der aus Ingolstadt nach Sachsen gewechselt war, oder der zuvor vereinslose Linksverteidiger Jamilu Colins konnten dem Team nicht die nötige Stabilität verleihen. Im Gegenteil: Mit 63 Gegentreffern stellt Aue die viertschlechteste Defensive der Liga.
Trainerverschleiß bei Aue: Christoph Dabrowski war in der laufenden Saison der zweite Coach, der beim FC aus dem Erzgebirge entlassen wurde.
© Thorsten Tillmann/imago
Kein Wunder also, dass Anfang des Jahres auch Trainer Härtel gehen musste – eine Entscheidung, die in Abstimmung zwischen dem Vorstand, Aufsichtsrat und dem neuen Sportlichen Leiter Michael Tarnat getroffen wurde. Ex-Bundesligaprofi Tarnat war es auch, der mit Christoph Dabrowski einen alten Bekannten, den er noch aus gemeinsamen Spielerzeiten bei Hannover 96 kannte, als neuen Cheftrainer ins Erzgebirge holte.
Eigentlich eine gute Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit – doch auf dem Platz ging es in Aue auch unter der neuen sportlichen Leitung weiter bergab. Allein im März verlor der FC Erzgebirge jedes einzelne Ligaspiel und zeigte dabei teils desaströse Leistungen. In Folge der eingangs erwähnten 3:5-Klatsche gegen Hoffenheim II zog der Verein die Reißleine: Nach nur acht Wochen musste Dabrowski gehen, Tarnat trat zudem von seinem Amt zurück.
Mit dem Abstieg in die Viertklassigkeit bereits arrangiert
„Es reicht ein Blick auf die Bilanz. Neun Spiele mit zwei Punkten waren ungenügend. Der erschreckende Auftritt im Heimspiel gegen Hoffenheim II mit einem 0:4-Rückstand nach 30 Minuten ließ uns keine andere Wahl“, erklärt Präsident Schlesinger rückblickend die Entscheidung. In der Folge wurden Nachwuchsleiter Khvicha Shubitidze sowie Jugendcoach Enrico Kern als Interimstrainer vorgestellt, die bis zum Saisonende auf der Bank sitzen sollen. „Beide kennen den Verein, sind bei uns angestellt und brauchen keine Einarbeitungszeit. Als ehemalige Profis wissen sie um Mechanismen und Stellschrauben“, so Schlesinger.
Die Hoffnung auf ein Wunder hat der Präsident allerdings schon lange aufgegeben und sich mit dem erstmaligen Abstieg in die Viertklassigkeit abgefunden. „Ausgerechnet im Jubiläumsjahr des 80. Vereinsgeburtstages durchschreiten wir eine tiefe Talsohle. Aber wir sind Realisten. Angesichts des immensen Rückstands auf das rettende Ufer wäre es illusorisch, sich noch Hoffnungen hinzugeben. Wir bereiten die neue Saison in der Regionalliga gewissenhaft vor und wollen dort zurück zu alter Stärke finden.“
Doch wie realistisch ist ein sofortiger Wiederaufstieg? Im Nadelöhr Regionalliga Nordost streiten sich zahlreiche einstige DDR-Oberligisten wie der Hallesche FC, der Chemnitzer FC, Carl Zeiss Jena, Lok Leipzig, Rot-Weiß Erfurt oder der BFC Dynamo Jahr für Jahr um die Meisterschaft. Hinzu kommt: Selbst als Meister muss man, bis die geplante Regionalliga-Reform greift, zwei Entscheidungsspiele gegen den Erstplatzierten einer anderen Staffel bestreiten – nur alle drei Jahre berechtigt Platz eins zum direkten Aufstieg. Angesichts dieser Konstellation und der Konkurrenz in der 4. Liga dürfte die Rückkehr in den bundesweiten Profifußball für den FC Erzgebirge zu einer Mammutaufgabe werden.
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Präsident Schlesinger will sein Amt fortführen
Darüber hinaus besitzt kaum ein Spieler einen gültigen Vertrag für die Regionalliga, wie Schlesinger der OAZ bestätigt. Das heißt: Im Sommer steht ein weiterer Umbruch bevor. Mit welchem Etat der Verein dabei die Kaderplanung angehen kann, steht derzeit noch nicht fest. „Da wir uns noch mitten in den Gesprächen mit unseren Partnern befinden, wäre eine konkrete Benennung der Etathöhe zum jetzigen Zeitpunkt unseriös. Gleichzeitig wissen wir aber, wie viel Geld notwendig sein wird, um die in den letzten Jahren aufgebauten Strukturen unter professionellen Bedingungen der 2. Bundesliga und der 3. Liga nicht völlig aufzugeben“, betont der Präsident.
7:1-Sieg beim SV Panitzsch in Runde 3: Im Sachsenpokal hofft Aue auf den erneuten Einzug ins Endspiel.
© Sven Sonntag/imago
Doch trotz des bevorstehenden Abstieges blickt er auch zuversichtlich in die Zukunft. „Wir spüren Vertrauen und Rückendeckung – sowohl Sponsoren als auch Mitglieder und Fans halten dem Verein in schwierigen Zeiten die Treue.“
Und wie geht es für ihn persönlich weiter? Wird er auch den schwierigen Neuanfang in der Regionalliga als Präsident begleiten? Schlesinger betont: „Das Präsidentenamt hat mit der Spielklasse nichts zu tun. Wir wurden Mitte November für die bevorstehende Legislaturperiode vom Aufsichtsrat berufen, und ich werde mich nach nur vier Monaten an der operativen Spitze des Vereins ganz sicher nicht aus der Verantwortung stehlen. Als meine Vorstandskollegen und ich am 18. November 2025 mit unserer ersten Sitzung unsere Arbeit aufgenommen haben, wussten wir bei der sportlichen Bestandsaufnahme, dass es nicht einfach wird. Das war aber nicht der Maßstab, denn dann hätte ich, hätten wir dieses Amt gar nicht angetreten.“
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