Es könnte sein, dass an diesem Wochenende im Erzgebirgsstadion in Aue Tränen fließen werden. Läuft alles gut am Sonnabend gegen Wehen Wiesbaden, dann vielleicht auch erst eine Woche später. Denn der FC Erzgebirge, Vorletzter in Liga drei, ist vom Abstieg vier Spieltage vor Saisonende bei zwölf Punkten und 16 Toren Rückstand auf Saarbrücken und damit den ersten Nichtabstiegsplatz nur noch rechnerisch zu retten. So viele Wunder, wie die Veilchen bräuchten, sind im Fußball noch nie passiert.
Erzgebirge Aue: Der einst so große Fußballverein
Auch könnte gut sein, dass es mal wieder einen nostalgischen Ton gibt. Nicht selten hallt der Schlachtruf aus alten Zeiten durchs Lößnitztal: „Zwei gekreuzte Hämmer und ein großes W, das ist Wismut Aue, unsre BSG.“ Er zeugt von damals, als in Aue Spitzenfußball geboten wurde. Dreimal waren die Veilchen DDR-Meister. 1957 spielten sie als erster Verein aus Deutschlands Osten im Europapokal der Landesmeister. Jede Menge Nationalspieler stellten sie auch. 38 Spieljahre waren sie erstklassig, ununterbrochen seit ihrem Debüt 1951/52. Allein in der letzten Saison, als es darum ging, sich einen möglichst guten Platz im vereinten Fußball-Deutschland zu sichern, fehlten sie.
Doch sie kamen wieder. Erst nur in der damals drittklassigen NOFV-Oberliga, als die Gegner Sömmerda und Thale, Gera und Riesa hießen. Bald aber gab es mehr. Mittlerweile sind es 16 Jahre 2. Bundesliga und sechs Jahre 3. Liga geworden. Auch die Trainer ließen sich sehen. Klaus Toppmöller war da und Lutz Lindemann, der eine war Nationalspieler im Westen, der andere im Osten. Vor allem aber hinterließ Gerd Schädlich Spuren, der achteinhalb Spielzeiten amtierte und die Veilchen 2003 erstmals in die 2. Bundesliga führte. Auch nach ihm waren viele Namen erstklassig: Domenico Tedesco, Thomas Letsch, Falko Götz, Dirk Schuster und besonders Pavel Dotchev, der gleich dreimal ins Amt geholt wurde.
Vor allem aber gab es mit den Leonhardt-Zwillingen Uwe und Helge zwei Präsidenten, die den Kumpelverein Wismut als „Mythos Aue“ weiterführten und den FC Erzgebirge als gallisches Dorf etablierten. Sie gelten als Paten des Vereins, hatten zwar auch nicht immer Erfolg, oft genug jedoch gelang ihnen der Spagat zwischen wirtschaftlicher Stabilität und persönlicher Einsatzbereitschaft.
Trauriges Jubiläum
Damit ist es wahrscheinlich auf absehbare Zeit vorbei. Ausgerechnet anlässlich der Feier zum 80-jährigen Vereinsjubiläum am 4. März kam es knüppeldick. Am Tag zuvor hatte es bei 1860 München eine 1:2-Niederlage gegeben. 24 Stunden später ließ Saarbrücken mit einem 2:0 gegen Wehen Wiesbaden den Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz auf acht Punkte anwachsen. Ein Insider vermutet: „An diesem besonderen Tag sind wir abgestiegen.“ Schon vorher hatte es die Trennung von Trainer Jens Härtel gegeben. Dabei hatte der ein durchaus hoffnungsvolles Standing. Präsident Thomas Schlesinger, im November vorigen Jahres ins Amt gewählt, hatte damals prophezeit: „Mit Härtel haben wir den richtigen Mann am richtigen Ort.“ Fataler Irrtum.
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Härtel ist Geschichte, sein Nachfolger Christoph Dabrowski ebenso. Auch Michael Tarnat, als Spieler mit Bayern München Champions-League-Sieger und im Januar zum Geschäftsführer Sport ernannt, trat zurück. Er floh vor seinen eigenen Ansprüchen, die er zu Beginn der Rückrunde forsch formuliert hatte: „Ich bin guter Dinge, weil wir viel Qualität haben. Erst einmal wollen wir über dem Strich bleiben, uns neu formieren und uns dann nach oben orientieren, um vielleicht anzugreifen und in die 2. Liga zu kommen. Das habe ich mir auf die Fahnen geschrieben.“
Manche sagen jetzt: Traumtänzer. Keinen Sieg hat es unter ihm gegeben, 15 Spiele laufen die Erzgebirger einem Dreier hinterher. Eine Negativserie, wie es sie in Aue nie gegeben hat. Nicht einmal Torwart-Dauerbrenner Martin Männel, seit 2008 da und längst das Gesicht des Vereins, fand den Schlüssel. Dass Khvicha Shubitidze, vom Leiter Nachwuchs-Leistungszentrum zum Trainer-Notnagel ernannt, dem 38-Jährigen das Kapitänsamt nahm und die Binde für den Saisonrest Torjäger Marcel Bär gab, spielt schon lange keine Rolle mehr.
Kennern schwant Böses. Denn auch wirtschaftlich liegt einiges im Argen. Rund 700.000 Euro an Stadionmiete sollen ausstehen, die weitere Zahlung ist gestundet. Viele wollen Auflösungserscheinungen beobachtet haben. Denn viertklassig war Aue noch nie. Wenigstens haben die Veilchen am Mittwoch mit einem 2:0 über den Chemnitzer FC das Finale im Landespokal erreicht. Dort treffen sie auf den FSV Zwickau, den einstigen Gegner in vielen heißen Nachbarschaftsderbys. Die Zwickauer sind übrigens schon das dritte Jahr Viertligist …
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