Der frühere ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow hat die Führung in Kiew vor einer schleichenden Niederlage im Krieg gegen Russland gewarnt. In einem am Dienstag veröffentlichten Exklusivinterview mit der Nachrichtenagentur Reuters, über das auch das Fachportal Defense News berichtete, sagte Fedorow, die Ukraine habe nur noch ein Zeitfenster von einigen Monaten, um Entscheidungen zu treffen, die den Kriegsverlauf zu ihren Gunsten wenden könnten.
„Ich glaube, dass es jetzt einen Wendepunkt gibt, der unsere künftige Entwicklung bestimmen wird, aber es sieht so aus, als würden wir schrittweise, langsam verlieren“, zitiert Reuters den 35-Jährigen. Zugleich betonte er, die Ukraine habe „jede Chance“ zu gewinnen, brauche dafür aber dringend einen Plan.
Staat arbeitet mit fünf Prozent Effektivität
Fedorow warf der Regierung vor, keine Gesamtstrategie zu haben und zu wenig auf Innovationen zu setzen. Zudem hemmten verfestigte Korruption, Patronagenetzwerke und mangelnde politische Unabhängigkeit staatlicher Institutionen das Land. Der ukrainische Staat arbeite mit einer Effektivität von nur fünf Prozent.
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Als Prioritäten nannte er den Ausbau autonomer, KI-gestützter Drohnen, günstige Abfangraketen gegen russische Luftangriffe sowie ein eigenes ballistisches Raketenprogramm. Nach seinen Angaben feuert Russland monatlich Dutzende ballistische Raketen auf ukrainische Fabriken und Lager ab, die Kiew wegen knapper Munition meist nicht abwehren könne.
Streit um Milliardenlücke im Haushalt
Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte laut Reuters, das Vorziehen von Ausgaben unter Fedorow habe eine Lücke von 27 Milliarden Dollar im Haushalt des Ministeriums hinterlassen. Fedorow entgegnete, er wisse nicht, woher diese Zahl stamme - nach seiner Planung habe das Defizit bei rund fünf Milliarden Dollar gelegen und die Finanzierung sei gesichert gewesen.
Selenskyj hatte die Entlassung im Juli mit Konflikten zwischen Fedorow und dem damaligen Oberbefehlshaber Olexandr Syrskyj begründet, den der Präsident kurz darauf ebenfalls entließ. Fedorow sieht sich dagegen nach eigenen Angaben als Opfer von Interessen, die einen transparenten Waffenmarkt verhindern wollten.
Weitere ihm angebotene Regierungsposten lehnte er ab und erklärte, nur als Verteidigungsminister zurückkehren zu wollen. Als Nachfolger schlug Selenskyj den amtierenden Ressortchef Jewhen Chmara vor, einen Veteran des Inlandsgeheimdienstes SBU.
Ruf nach Wahlen mitten im Krieg
Politisches Gewicht erhält Fedorows Vorstoß auch durch Umfragewerte: Einer jüngsten Erhebung zufolge, auf die sich Reuters bezieht, würde er Selenskyj in einer Stichwahl deutlich schlagen. Ob er selbst kandidieren würde, ließ Fedorow offen.
Vergangene Woche forderte er als erster prominenter Politiker Wahlen in Kriegszeiten und sprach von einer „systemischen“ Krise der Regierungsführung. In der Ukraine gilt seit der russischen Invasion im Februar 2022 Kriegsrecht, das Wahlen untersagt.
Selenskyj lehnte den Vorstoß laut Reuters ab und warnte, Wahlen könnten das Land in seinem Abwehrkrieg in den Abgrund reißen.
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