„Liebe Familie. Ich weiß, dass Ihr wissen wollt, wie es mir geht. Heute ist Krieg und da ich mittendrin bin, werde ich Euch alles schildern. In der Nacht vom 21. hat der Deutsche die Grenze überschritten und unsere Grenzsoldaten überfallen. (…) Unsere Truppen kamen, Panzer und Geschütze, alles, was es gab, und es kam zum harten Kampf. Dann wurden unsere zurückgeworfen, es gab viele Verletzte und Tote. (..) Wohin wir verlegt werden und was kommt, weiß ich nicht.“
Als Pawlo Gudima sich mit diesem Brief auf eng beschriebenen, linierten Seiten am 1. Juli 1941 an seine Familie wandte, war er Soldat der 29. Topographischen Militärabteilung der Süd-West-Front. Die Rote Armee hatte ihn erst wenige Tage zuvor mobilisiert. Er war Kolchosbauer, verheiratet und hatte drei Kinder. Im Mai 1942 wurde er als vermisst gemeldet.
Sein Brief hat Frau und Kinder nicht erreicht. Zwar ist er mit dem dreieckigen Feldpoststempel der Roten Armee versehen, auch ins Postamt der westukrainischen Stadt Kamenez-Podolsk ist er noch gelangt, doch konnte dieses die Post damals nicht mehr weiterleiten.
Kamenez-Podolsk lag 300 Kilometer östlich der sowjetischen Grenze, als Hitlers Wehrmacht am 22. Juni 1941 ihren Angriff auf die Sowjetunion startete. Anfang Juli hatten die Deutschen die Kleinstadt erobert.
Blick in die Ausstellung im Museum Berlin-Karlshorst
© Museum Berlin-Karlshorst
Feldpost, zum Dreieck gefaltet
Die 1215 Briefe im Postamt wären in den Kriegswirren für immer verloren gegangen, wäre nicht ein Postinspektor der deutschen Besatzungsverwaltung auf die Idee gekommen, die liegen gebliebene Post an seinen Freund zu schicken. Dieser war Direktor des Postmuseums Wien, und der deutsche Postinspektor glaubte, ihn könnten die Briefe interessieren, als Stimmungsbild.
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Einen Eindruck von diesem Stimmungsbild gibt derzeit eine Ausstellung im Museum Karlshorst: „1941. Juni-Briefe. Ungelesene Feldpost aus Kamjanez-Podilskyj“, wie die Stadt auf Ukrainisch heißt.
Es ist nur ein etwas größerer Raum, in dem eine kleine Auswahl dieser Briefe hängt, 13 Originale samt Übersetzung und einer Information über die Briefeschreiber. Trotzdem kann man sich hier lange aufhalten. Und auch wenn man kein Russisch oder Ukrainisch kann, haben die Originalbriefe eine Botschaft.
Elena lag schwer verwundet im Krankenhaus von Kamenz-Podolsk, als sie an ihre Freundinnen Sonja und Haja schrieb.
© Nationales Museum der Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg, Kyjiw
Sie sind nicht auf Briefpapier geschrieben, sondern auf Blättern, die aus linierten oder karierten Heften herausgetrennt wurden, wie es scheint. Manche Blätter lassen noch die Knicke erkennen, mit denen die Feldpost zum Dreieck gefaltet worden war, die Außenseite mit Stempel und Adresse. Manchmal ist etwas durchgestrichen oder die Tinte ist verlaufen. Man kommt den Briefeschreibern nah.
Ungewissheit, Verzweiflung und Angst
Ihre Briefe erzählen von Ungewissheit, Verzweiflung und Angst. Dass sie in diesem Krieg ihr Leben verlieren können, steht den Soldaten klar vor Augen. Und trotzdem sorgen sie sich auch um den Alltag ihrer Familien, um den Werkzeugkasten, den die Kinder auseinanderfleddern könnten, darum, ob es zu Hause genug Brennholz gibt, genug Brot.
„Liebe Marussja, mach Dir bitte keine Sorgen“, schrieb Aleksandr Dmitrenkow aus Charkow (heute Charkiw), Gruppenführer der 238. Fernmeldekompanie der 18. Armee der Südfront, am 1. Juli 1941 an seine Frau und seinen kleinen Sohn.
„Sieh zu, dass Du den Gemüsegarten gut aberntest und Futter für die Kuh anschaffst, solange es noch billig ist. Ich weiß aber nicht, wann wir uns wiedersehen werden. Und vielleicht sehen wir uns auch nicht wieder. Dann erfährst Du es über Post, weil wir für den Todesfall Erkennungsmarken bekommen haben.“ – Über das weitere Schicksal des Briefschreibers, so informiert einen die Ausstellung, ist nichts bekannt.
Ansicht der Ausstellung im Museum Berlin-Karlshorst
© Museum Berlin-Karlshorst
Den Leiter des Postmuseums in Wien interessierten die Briefe nicht. Sie blieben ungeöffnet, gerieten in Vergessenheit, auch, als das Postmuseum im Technischen Museum aufging. Es sei der Provenienzforschung zu verdanken, dass die geraubte Post 2010 an die Ukraine rückerstattet wurde, heißt es im Museumsheft.
Das Konvolut ging zur weiteren Erforschung an das Nationale Museum der Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg, das sich in Kiew befindet. Dort wurden die Briefe geöffnet, und dann startete das Museum die Recherche nach den Adressaten von damals, unter anderem mithilfe der Vermissten-Suchsendung „Warte auf mich“ im ukrainischen Fernsehen.
Mehr als die Hälfte der 1215 Briefe, nämlich 674, konnten in Kopie übergeben werden. Die derzeit in Karlshorst zu sehende Ausstellung wurde bereits 2016 gemeinsam mit dem Museum in Kiew erarbeitet.
„Und so bitten wir Euch sehr, dass Ihr uns rettet“
Ein Viertel des Briefkonvoluts war keine Feldpost, sondern es waren amtliche Mitteilungen, Behördenschreiben und auch persönliche Briefe. Darunter ist etwa der des Ehepaars Idel und Jejda Manasewitsch an ihre älteste Tochter Hannah und deren Mann Lew.
Es ist ein Brief, dem man die Todesangst anzusehen glaubt, die fliegende Hast, mit der er verfasst worden ist, vier mit Bleistift beschriebene, nun vergilbte Blätter, nummeriert. „Guten Tag, unsere lieben Kinder! (…) Wenn Ihr diesen Brief erhaltet, befolgt ihn und beeilt Euch alles zu tun. Bei uns ist nur noch die Hälfte der Stadt da. Und so bitten wir Euch sehr, dass Ihr uns rettet und sofort alles tut, dass wir hier wegfahren können. Wir haben kein Geld und wir müssen hier sterben.“
Der Brief ist vom 5. Juli 1941, Idel und Jejda Manasewitsch leben mit ihren 15 und 19 Jahre alten Töchtern Etel und Rosa in der Kirowstraße in Kamenez-Podolsk und wollen vor der näher rückenden Wehrmacht zu ihrer Tochter Hannah nach Dnjepropetrowsk fliehen.
Doch die Flucht gelingt nicht. Die vierköpfige Familie wird Ende August 1941 von einem deutschen Polizeibataillon ermordet – bei einer Erschießungsaktion, die als Massaker von Kamenez-Podolsk bekannt geworden ist. Die Manasewitschs waren Juden.
Eine Schautafel im Museum zeigt die Reproduktionen einiger Aufnahmen von Gyla Spitz, einem Juden aus Budapest, der als Fahrer der ungarischen Armee arbeitete. Versteckt fotografierte er die Menschen, die am 26., 27. und 28. August 1941 in Kolonnen durch Kamenez-Podolsk marschierten, auf dem Weg zu ihrer Erschießung auf freiem Feld vor der Stadt. Es sind nicht nur Männer, die hier gehen, sondern auch Frauen und Kinder. Bei dem Massaker starben in Kamenez-Podolsk mehr als 23.000 jüdische Menschen.
Hannah Manasewitsch und ihre Tochter Elvira überlebten den Krieg. Elvira erhielt den Brief ihrer Großeltern mehr als ein halbes Jahrhundert nach deren Ermordung.
1941. Juni-Briefe. Ungelesene Feldpost aus Kamjanez-Podilskyj. Museum Karlshorst, Di–So 10–18 Uhr, bis 10. Januar 2027. Der Eintritt ist frei.
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