Fernsehen als Begleitmedium: Mit dem Mittagsmagazin "Punkt 12" macht RTL mehr Quote denn je

Pfusch an der Brust

Klaudia Wick
5 Min

Am Ende einer ausgesprochen erfolgreichen Woche wurde dann auch noch der Jackpot geknackt. "Wir machen es Ihnen heute sooo einfach", hatte Moderatorin Katja Burkard das Telefonspiel zuvor mehrfach marktschreierisch angepriesen. Dann am Ende der Sendung löste der Zuschauer Klaus-Jürgen Müller tatsächlich die Frage "In welchem Jahr stieg Michael Schumacher aus der Formel eins aus - 2003 oder 2006?" richtig. Sein Anruf hatte ihn 50 Cent aus dem Festnetz gekostet, die richtige Antwort bescherte ihm einen Flachbildschirm und 75 000 Euro in bar.Der Mann aus Gera hatte Glück gehabt: Von Tag zu Tag waren die Quiz-Fragen leichter geworden; damit niemand den Jackpot zu früh abräumte, lautete die Frage am Mittwoch zum Beispiel noch: "Wie hieß Dieter Bohlens erste Frau mit Mädchennamen?" Allein die summierte Sendezeit, die in den fünf Ausgaben von "Punkt 12" mit dem Rätsel-Trailer gefüllt wurden, müssten gereicht haben, um die "75 000 Euro Super Chance!" zu refinanzieren. Zudem kostet jeden Zuschauer ein Anruf aus dem Festnetz 50 Cent. Das alles kann Klaus-Jürgen Müller aber egal sein. Der Arbeitslose kann das Geld sicher so gut gebrauchen wie die vielen anderen "Punkt 12"-Zuschauer, die über so viel Tagesfreizeit verfügen, so dass es sich lohnt, schon um 12 Uhr den Fernseher anzuschalten.Hier lässt sich Geld verdienenZur Mittagsstunde lässt sich im Privatfernsehen derzeit gut Geld machen. Seit Sat.1 sein Mittagsmagazin aus Kostengründen abgewickelt hat und stattdessen nur noch Gerichtsshows wiederholt, ist Zuschauerpotenzial frei geworden. Und so konnte RTL mit der Verlängerung von "Punkt 12" erwartungsgemäß seine Marktanteile sofort steigern: Knapp jeder dritte Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren, der zwischen zwölf und zwei Uhr seinen Fernseher angeschaltet hatte, schaute sich in der zurückliegenden Woche "Punkt 12" an. 1,84 Millionen Zuschauer waren es insgesamt. RTL-Chefredakteur Michael Wulf sieht darin eine Bestätigung dafür, "dass sich die Zuschauer "Punkt 12" gerne auch zwei Stunden anschauen und die längeren Reportagen und Hintergrundberichte in diesem Format gut annehmen".Wer freilich angesichts solcher Vokabeln glaubt, der Erfolg dieser Sendestrecke basiere auf einem gestiegenen Nachrichteninteresse der RTL-Zuschauer, irrt sich. Was Moderatorin Katja Burkard ihren Zuschauern zwischen zwölf und zwei ankündigt, hat mit dem, wofür Nachrichtenchef Peter Kloeppel soeben einen Deutschen Fernsehpreis erhalten hat, rein gar nichts zu tun. Es geht vielmehr um jenes "Real People"-Entertainment, mit dem auch die ARD am Vorabend ihre Boulevardsendung "Brisant" füllt. Im Verlaufe der Woche berichtet "Punkt 12" über eine tödliche Messerstecherei und gefährlichen Müll auf Kinderspielplätzen. Es ging um eine verpfuschte Brust-Vergrößerung, zwei verunglückte Fun-Biker und eine neue Stotter-Therapie für Kinder. Um eine ertrunkene Touristin auf Mallorca und einen Mann, der seit acht Jahren seine Frau im Wachkoma pflegt. "Punkt 12" fragt auch: Was tun Leute, um am Türsteher vorbei in einen angesagten Club zu kommen? Was hilft bei Kaufsucht? Wann findet Cameron Diaz einen Mann fürs Leben? Wann Jimmy Blue Ochsenknecht seine erste Freundin? Zwischen alldem, was das Schicksal RTL zu bieten hat, tummeln sich zudem immer wieder Promotionbeiträge für das eigene Programm: DSDS-Finalistin Lisa Bund testet die neuen Kandidaten für die neue Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" und täglich werden die neuen "Supertalente" vorgestellt, die am vergangenen Sonnabend in der gleichnamigen Show mit Dieter Bohlen aufgetreten sind (siehe Spalte links). Originalton Burkard: "Da ist man doch gespannt, was Dieter dazu sagen wird."Dass tatsächlich in der zweiten Sendestunde auch etwas längere Reportagen im Sendeablauf Platz gefunden haben, macht aus "Punkt 12" noch lange kein hintergründiges "Mittagsmagazin" von ARD und ZDF. Preiswert gedrehte Dokusoap-Reportagen wie die über eine Münchner Tierrettung oder einen Fitness-Coach sind für den Sender ein wichtiges Programmvermögen, haben die Kurz-Dokus für RTL doch vor allem einen strategischen Vorteil: weil sie nicht an aktuelle Nachrichten-Ereignisse gebunden sind, können sie wie die Promi-Clips im Verlaufe des Tages auch noch in anderen Programmzusammenhängen wiederholt werden.15 Jahre ist es her, dass Sat.1 mit "Schreinemakers live" und einem ganz ähnlichen Themenmix aus aktuellen Verbraucherinfos und sensationsheischenden Schicksalsreporten einmal pro Woche die Primetime füllte. Dem Fernsehen passiert derzeit das, was zu Sendezeiten von Margarethe Schreinemakers dem Radio widerfuhr - es steigt ab zum Begleitmedium: Ein lärmender Apparat, der dahinplärrt und, von seinem Publikum weitgehend unbeachtet, mal Dramatisches, mal Lapidares von sich gibt. Aufgrund der zunehmend gestörten Aufmerksamkeit des Publikums müssen die Beiträge von "Punkt 12" heute um einiges kürzer sein als weiland bei Schreinemakers.Billiges ProgrammDafür könnte auch hier gelingen, was damals schon bei Sat.1 lange gut funktionierte: die Ausdehnung der Sendezeit. Damals galt für den Sender: Wenn die Leute dieses Potpourri zwei Stunden lang sehen wollen, schalten sie auch drei Stunden lang ein. Heute macht RTL daraus folgendes Konzept: Wenn die Leute zwei Stunden kaum hinsehen, kann man auch drei Stunden billiges Programm senden. Und das dann noch wie Peter Kloeppel als "konsequenten Ausbau der Infoschiene" verkaufen.------------------------------Foto: "Punkt 12" dauert jetzt zwei Stunden. Deshalb hat Katja Burkard (l.) Unterstützung von Nazan Eckes bekommen.Foto: Und danach kommt Oliver Geissen mit seiner Show.

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