Machtkampf

Infantinos Milliardenplan schlägt als „Atombombe“ ein – Europa erwägt WM-Boykott

Infantinos Investorenplan löst weltweiten Widerstand aus. Europas Verbände beraten über einen WM-Boykott, auch Concacaf, Asien und die EU erhöhen den Druck.

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Uefa-Präsident Aleksander Čeferin und Fifa-Präsident Gianni Infantino im eskalierenden Machtkampf um die Zukunft der WM.

Uefa-Präsident Aleksander Čeferin und Fifa-Präsident Gianni Infantino im eskalierenden Machtkampf um die Zukunft der WM.

© Nick Potts/imago

Aus Gianni Infantinos neuem Milliardenprojekt ist binnen eines Tages ein offener Machtkampf zwischen der Fifa und dem europäischen Fußball geworden. Die 55 Mitgliedsverbände der Uefa sollen noch in dieser Woche zu einer virtuellen Dringlichkeitssitzung zusammenkommen.

Nach Informationen von Sky Sports News gibt es unter den Europäern die Bereitschaft, mit einem Boykott künftiger Weltmeisterschaften zu drohen, sollte der Fifa-Präsident seinen Investorenplan weiterverfolgen. 

Hochrangige Vertreter des internationalen Fußballs bezeichneten das Vorhaben gegenüber der britischen Times als mögliche „Atombombe“ für den Sport. Hintergrund ist die geplante Gründung der Fifa Forward Enterprise, kurz FFE. Die neue Gesellschaft soll die kommerziellen Rechte und die Organisation der wichtigsten Fifa-Turniere bündeln und private Investoren beteiligen.

Infantino setzt Verbänden Frist und koppelt Millionen an Zustimmung

Infantino setzte den 211 Mitgliedsverbänden in einem Schreiben eine Frist bis zum 19. September. Bis dahin sollen sie entscheiden, ob sie den Einstieg privater Investoren unterstützen. Für die Umsetzung braucht der Plan die Zustimmung von mehr als der Hälfte der Verbände und anschließend die Freigabe durch das Fifa-Council.

Den Befürwortern stellt Infantino deutlich höhere Zahlungen in Aussicht. Für den Förderzyklus ab 2027 soll jeder Verband 20 Millionen US-Dollar aus dem regulären Programm Fifa Forward erhalten. Weitere 20 Millionen US-Dollar aus einem neuen Programm namens „Fifa Fast-Forward“ sollen jedoch nur jenen Verbänden offenstehen, die sich bis zum Stichtag an dem Investorenmodell beteiligen.

„Alles, was erforderlich ist, ist euer fortgesetztes Vertrauen“, schrieb Infantino laut dem Telegraph. Verbände, die den Plan ablehnen, blieben demnach beim bisherigen Ausbau des Förderprogramms mit einem Gesamtvolumen von 2,7 Milliarden US-Dollar. Das von Infantino beworbene neue Paket soll dagegen bis zu zehn Milliarden US-Dollar umfassen. Ein Gegner des Vorhabens bezeichnete die Verbindung von Zustimmung und Fördergeld gegenüber der Times als „reine Bestechung“.

Spaniens Ligapräsident Javier Tebas warf Infantino vor, mit den zusätzlichen Zahlungen Unterstützung für seine Wiederwahl im Frühjahr 2027 sichern zu wollen. Der Fifa-Präsident sei „nicht die Lösung für die Führung der Fifa. Er ist das Problem“.

Die Fifa stellt das Projekt dagegen als größtes Förderprogramm ihrer Geschichte dar. Das Geld soll unter anderem in Stadien, Trainingszentren, Nachwuchsarbeit, Frauenfußball und Nationalmannschaften fließen. Infantino spricht von einer „Demokratisierung des Fußballs weltweit“.

Uefa spricht von einer überschrittenen Grenze

Die Uefa reagierte bereits vor dem Ultimatum ungewöhnlich scharf. Mit Infantinos Investorenplan werde eine Grenze überschritten, „die die führenden Institutionen des Fußballs niemals überschreiten dürfen“, erklärte der europäische Verband. Die Seele und die Führung des Fußballs seien keine Vermögenswerte, mit denen gehandelt werden dürfe.

Die Uefa kritisierte besonders die fehlende Transparenz darüber, wer finanziell von der neuen Gesellschaft profitieren würde. Niemand sei Eigentümer des Fußballs, hieß es weiter: „Es ist nicht Sache der Fifa, ihn zu verkaufen.“ Der Verband rief nationale Fußballverbände, Ligen, Klubs, Spieler, Fans und Regierungen dazu auf, sich mit dem Vorhaben auseinanderzusetzen.

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Hans-Joachim Watzke, Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes und Mitglied des Uefa-Exekutivkomitees, bezeichnete die Pläne im Kicker als „absoluten Angriff auf den Fußball“. Mehrere Gespräche mit Uefa-Präsident Aleksander Čeferin und anderen Funktionären hätten gezeigt, dass unter den europäischen Mitgliedsverbänden große Einigkeit herrsche.

Watzke verwies zugleich auf die sportliche Macht Europas. Sechs der acht Viertelfinalisten und drei der vier Halbfinalisten der WM 2026 kamen aus dem Bereich der Uefa. Stelle sich der europäische Fußball geschlossen gegen die Fifa, habe das „sehr viel Gewicht“, sagte Watzke.

EU-Kommission prüft Infantinos Investorenplan

Inzwischen schaltet sich auch die Europäische Union ein. „Hände weg von unserem Sport“, schrieb EU-Sportkommissar Glenn Micallef. Die unaufhaltsame Kommerzialisierung wirke zunehmend zerstörerisch. Wirtschaftlicher Erfolg müsse den Fußball stärken und dürfe ihn nicht verschlingen.

Micallef kündigte an, die EU-Kommission werde den Plan im Rahmen ihrer wettbewerbsrechtlichen Zuständigkeiten prüfen. Besondere Bedenken entstünden, wenn die Regulierungsbefugnisse der Fifa mit den finanziellen Interessen privater Investoren verbunden würden. Der Wert ihrer Beteiligungen könnte künftig von Entscheidungen der Fifa über Turniere, Spielpläne oder Vermarktungsrechte abhängen.

Das werfe grundlegende Fragen zu Unabhängigkeit, Kontrolle und möglichen Interessenkonflikten auf, erklärte der EU-Kommissar. Die Kommission ist in der Europäischen Union für die Durchsetzung des Wettbewerbsrechts zuständig.

Nicht nur Europa: Infantinos Plan stößt weltweit auf Widerstand

Auch außerhalb Europas formiert sich Widerstand. Der nord- und mittelamerikanische Verband Concacaf erklärte, er habe von dem Vorhaben zunächst nur aus Medienberichten und später aus einer Mitteilung der Fifa erfahren. Der Verband sei „zutiefst besorgt über das Fehlen eines ordnungsgemäßen Verfahrens“. Es sei enttäuschend, dass ein derart weitreichender Plan bereits öffentlich vorgestellt worden sei, bevor die zuständigen Gremien und Beteiligten überhaupt darüber beraten hätten. „Als führende Vertreter des Fußballs sind wir die Hüter dieses Sports“, erklärte Concacaf. Entscheidungen müssten sich an guter Verbandsführung, belastbaren Verfahren und dem langfristigen Interesse des Fußballs orientieren.

Ähnlich äußerten sich der Asiatische Fußballverband und der englische Verband FA. Die FA erklärte, sie habe vor der öffentlichen Bekanntgabe keinerlei Kenntnis von dem Projekt gehabt und kenne weder die Bedingungen noch die vollständigen finanziellen Folgen.

Fifa will bis zu 4,2 Milliarden US-Dollar einsammeln

Die geplante Fifa Forward Enterprise soll die kommerziellen Rechte an Übertragungen, Sponsoring, Eintrittskarten und Lizenzen bündeln. Auch die Organisation der Männer-WM, der Frauen-WM, der Klub-WM und weiterer Wettbewerbe soll in der neuen Gesellschaft zusammengeführt werden.

Die Fifa bewertet das Unternehmen mit rund 20 Milliarden US-Dollar. Durch den Verkauf einer Minderheitsbeteiligung sollen noch in diesem Jahr bis zu 4,2 Milliarden US-Dollar von privaten Investoren eingeworben werden. Die Fifa betont, dass sie die Kontrolle behalten und sportliche Entscheidungen weiterhin allein treffen werde.

Nach der bislang vom Weltverband genannten Bewertung entspräche das einem Anteil von rund 20 Prozent. Britische Medien berichten allerdings, dass bis zu 30 Prozent der kommerziellen Rechte abgegeben werden könnten. Die genauen Bedingungen des Geschäfts sind bislang nicht öffentlich.

Kushner-Firma soll Investoren anführen

Zusätzliche Brisanz erhält das Geschäft durch den vorgesehenen Hauptinvestor. Die Investorengruppe soll von Thrive Eternal angeführt werden, einer Beteiligungsgesellschaft von Joshua Kushner. Dessen Bruder Jared Kushner ist der Schwiegersohn und langjährige politische Vertraute von US-Präsident Donald Trump.

Infantinos enges Verhältnis zu Trump steht bereits seit der WM im Mittelpunkt der Kritik. Der ehemalige Fifa-Präsident Sepp Blatter erklärte, die Verbindung zwischen dem Fifa-Chef und dem US-Präsidenten habe inzwischen eine finanzielle Dimension erreicht, die dem Fußball schade.

Die Fifa arbeitet bei der geplanten Gesellschaft mit der US-Bank JPMorgan zusammen. Sie hat bislang nicht offengelegt, welche weiteren Investoren beteiligt werden könnten und ob Infantino später selbst eine Führungsposition bei FFE übernehmen will. Die Times hatte berichtet, dass der Fifa-Präsident die Gesellschaft nach dem Ende seiner Amtszeit leiten könnte.

Ein europäischer Boykott könnte die Fifa wirtschaftlich an ihrer empfindlichsten Stelle treffen. Ohne die großen Nationalmannschaften und europäischen Medienmärkte würde eine Weltmeisterschaft erheblich an sportlichem und kommerziellem Wert verlieren. Damit stünde auch die Bewertung der neuen Gesellschaft infrage, von der Infantino höhere Milliardeneinnahmen erwartet.

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