Machtkampf

Aufstand gegen Infantino: PSG-Chef al-Khelaifi soll ihn bei Fifa-Wahl herausfordern

Der Investorenplan verschärft den Bruch zwischen Fifa und Europa. Einem Medienbericht zufolge wird PSG-Präsident Nasser al-Khelaifi als Gegenkandidat für 2027 gehandelt.

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Noch im Gespräch, bald Kontrahenten? Gianni Infantino und Nasser al-Khelaifi.

Noch im Gespräch, bald Kontrahenten? Gianni Infantino und Nasser al-Khelaifi.

© Artur Widak/imago

Aus dem Streit über Gianni Infantinos milliardenschweren Investorenplan wird offenbar ein Machtkampf um die Spitze der Fifa. Führende europäische Fußballfunktionäre erwägen laut einem exklusiven Bericht von Politico, den Präsidenten von Paris Saint-Germain, Nasser al-Khelaifi, bei der Fifa-Wahl 2027 gegen Infantino antreten zu lassen.

Das Magazin beruft sich auf drei hochrangige Funktionäre aus dem internationalen Fußball, die wegen der Vertraulichkeit der Gespräche anonym blieben. Die Suche nach einem möglichen Gegenkandidaten habe bereits während der jüngsten Weltmeisterschaft begonnen. Infantinos Vorstoß, private Investoren an einer neuen Gesellschaft für die kommerziellen Rechte und die Organisation von Fifa-Turnieren zu beteiligen, habe die Personaldebatte nun beschleunigt.

Warum Europas Fußballbosse auf al-Khelaifi setzen

Al-Khelaifi gehört zu den mächtigsten Funktionären im europäischen Fußball. Seit 2011 führt er Paris Saint-Germain, zugleich ist er Vorsitzender des Medienkonzerns beIN Media Group. An der Spitze des europäischen Klubverbands European Football Clubs vertritt er zudem die Interessen von mehr als 850 Vereinen.

Seinen Einfluss bewies der katarische Manager während des Super-League-Streits im Frühjahr 2021. Zwölf europäische Spitzenklubs wollten sich damals mit einem eigenen Wettbewerb von den bestehenden Strukturen lösen. PSG schloss sich dem Vorhaben nicht an. Al-Khelaifi stellte sich hinter die Uefa und übernahm kurz darauf die Führung des damals noch European Club Association genannten Klubverbands.

Politico zufolge gilt seine Rolle bei der anschließenden Neuordnung des Verbands als einer der Gründe, weshalb europäische Funktionäre ihm zutrauen, unterschiedliche Lager hinter sich zu bringen. Sollte er antreten, könnte er auf ein Netzwerk bauen, das Spitzenklubs, Medienunternehmen, die Uefa und die Fifa umfasst.

Hinzu kommen seine engen Verbindungen nach Katar. Das Emirat richtete 2022 die Fußball-Weltmeisterschaft aus und hat seinen Einfluss im internationalen Sport durch milliardenschwere Investitionen erheblich ausgebaut. Ein mit Infantinos Investorenprojekt befasster EU-Beamter hält den Zeitpunkt für eine Kandidatur deshalb für günstig. „Die Sterne stehen günstig“, sagte er Politico. Ob al-Khelaifi tatsächlich antrete, sei allerdings eine andere Frage.

Al-Khelaifis Umfeld weist die Spekulationen bislang zurück. Der PSG-Präsident habe „absolut keine Ambitionen, keine Absicht und kein Interesse“ an der Fifa-Präsidentschaft, sagte ein Vertreter Politico. Er werde die Institutionen des europäischen und weltweiten Fußballs weiterhin diskret unterstützen.

Infantinos Investorenplan löst Uefa-Notfalltreffen aus

Auslöser des neuen Machtkampfs ist Infantinos Plan für die FIFA Forward Enterprise. In der neuen Gesellschaft sollen die einträglichsten Geschäftsbereiche der Fifa gebündelt werden. Dazu gehören die Vermarktung von Übertragungsrechten, Sponsoring, Eintrittskarten und Lizenzen sowie die Organisation der Weltmeisterschaften und weiterer Turniere.

Nach einer Bewertung der US-Bank JPMorgan soll das Unternehmen rund 20 Milliarden US-Dollar wert sein. Bis zu 20 Prozent der Anteile könnten an private Investoren verkauft werden. Die Fifa betont, sie werde die Mehrheit behalten und weiterhin allein über sportliche Fragen und die Wettbewerbe entscheiden.

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Als führender Investor ist die Beteiligungsgesellschaft Thrive Capital von Joshua Kushner vorgesehen. Er ist der Bruder von Jared Kushner, dem Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump. JPMorgan soll die Suche nach weiteren Investoren leiten. Der Einstieg würde Joshua Kushners Unternehmen nach Angaben der Nachrichtenagentur AP eine langfristige Beteiligung an einer Gesellschaft ermöglichen, die zentrale Einnahmequellen des Weltfußballs verwaltet.

40 Millionen für ein Ja: Infantino setzt Verbände unter Druck

Infantino setzte den 211 Mitgliedsverbänden eine Frist bis zum 19. September. Bis dahin sollen sie entscheiden, ob sie sich dem Modell anschließen. Den teilnehmenden Verbänden stellt die Fifa für den Förderzeitraum ab 2027 insgesamt bis zu 40 Millionen US-Dollar in Aussicht.

Davon sollen bis zu 20 Millionen US-Dollar aus dem regulären Programm Fifa Forward kommen. Weitere einmalig bis zu 20 Millionen US-Dollar aus dem neuen Programm Fast-Forward erhalten jedoch nur Verbände, die sich bis zum Stichtag für die Investorenlösung entscheiden. Für die Umsetzung benötigt Infantino nach eigener Darstellung die Zustimmung von mehr als der Hälfte der Mitgliedsverbände sowie anschließend die Freigabe des Fifa-Councils.

Die Uefa sieht in der Verbindung von Zustimmung und zusätzlichen Millionenzahlungen ein Druckmittel. Der europäische Verband warf der Fifa vor, den Mitgliedern eine Frist zu setzen, nach deren Ablauf das einmalige Angebot zurückgezogen werde. Infantinos Projekt sei ohne ausreichende Transparenz und ohne die Beteiligung wichtiger Verbände, Klubs und Ligen vorbereitet worden.

Auch der von al-Khelaifi geführte Klubverband erklärte, er habe von den Plänen „ohne Vorwarnung und über die Medien“ erfahren. Angesichts der Bedeutung des Vorhabens verlangte der Verband umfassende Beratungen und transparentere Entscheidungsprozesse.

Die Uefa berief für Donnerstag ein Dringlichkeitstreffen mit ihren 55 Mitgliedsverbänden ein. Dabei soll eine gemeinsame Reaktion auf Infantinos Projekt gefunden werden. Nach übereinstimmenden Berichten von Sky Sports News und dem Guardian wird bei dem Treffen sogar ein Boykott der nächsten Weltmeisterschaft erwogen. Beschlossen ist ein solcher Schritt bislang nicht.

Mehr als 200 Verbände unterstützten Infantino vor dem Streit

Bis vor wenigen Tagen schien Infantinos Wiederwahl kaum gefährdet. Der Guardian berichtete am 17. Juli, mehr als 200 der 211 Fifa-Mitgliedsverbände hätten Unterstützungsschreiben für eine weitere Amtszeit eingereicht. Nur wenige Verbände, darunter der Deutsche Fußball-Bund, hatten Infantino demnach nicht offiziell unterstützt.

Diese Schreiben spiegeln allerdings nicht zwangsläufig die heutige Lage wider. Sie wurden vor der Veröffentlichung des Investorenplans, vor der Fristsetzung und vor dem offenen Widerstand von Uefa, Concacaf und dem Asiatischen Fußballverband abgegeben.

Zudem sind die Zusagen nicht bindend. Bis zum Ende der Kandidatenfrist am 18. November können Verbände ihre Schreiben zurückziehen oder ihre Unterstützung auf einen anderen Bewerber übertragen. Wie viele der mehr als 200 Verbände nach der jüngsten Eskalation weiterhin hinter Infantino stehen, ist deshalb offen.

143 Verbände könnten Infantinos Plan zu Fall bringen

Der Widerstand reicht weit über Europa hinaus. Uefa, Concacaf und der Asiatische Fußballverband vertreten zusammen 143 der 211 Fifa-Mitglieder. Für eine Annahme braucht Infantino mehr als die Hälfte aller Verbände. Schon 106 Gegenstimmen würden genügen, um das Investorenmodell zu stoppen.

Concacaf erklärte, von dem Vorhaben zunächst nur aus Medienberichten und später durch eine Mitteilung der Fifa erfahren zu haben. Der Verband zeigte sich „zutiefst besorgt über das Fehlen eines ordnungsgemäßen Verfahrens“. Auch der Asiatische Fußballverband kritisierte, vor der öffentlichen Vorstellung nicht ausreichend eingebunden worden zu sein. Ähnlich äußerte sich der englische Verband FA, der nach eigenen Angaben weder die Bedingungen noch die vollständigen finanziellen Folgen des Projekts kennt.

Ob die Mitgliedsverbände den Positionen ihrer Kontinentalverbände geschlossen folgen, ist jedoch offen. Der tschechische Verband hat Infantinos Projekt bereits öffentlich unterstützt.

Infantino hatte seine erneute Kandidatur am 30. April beim Fifa-Kongress in Vancouver angekündigt. Die Wahl findet am 18. März 2027 beim nächsten Kongress in Rabat statt. Infantino führt den Weltverband seit 2016 und wurde 2019 sowie 2023 ohne Gegenkandidaten wiedergewählt.

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