Atomenergie

„Gundremmingen“: Abschied von der Kernkraft – auch ein bisschen mit Wehmut

In ihrem Film über das erste deutsche Großkernkraftwerk erzählt Marion Ammicht, wie ein Dorf mit der neuen Technologie lebte.

Harry Nutt
Harry Nutt
3 Min
Blick in den geöffneten Reaktor des Kernkraftwerks im Jahre 2010

Blick in den geöffneten Reaktor des Kernkraftwerks im Jahre 2010

© Stefan Puchner/dpa

Auf die Spaltung des Urans folgte die gesellschaftliche Spaltung. Brokdorf, Gorleben, Whyl und Grohnde wurden weniger als Dorfnamen deutscher Provinzen, sondern als Aufmarschgebiete eines Kampfes gegen eine diabolische Technologie wahrgenommen. „Wehrt Euch, leistet Widerstand …“

Gundremmingen? Als 1967 in dem bayerisch-schwäbischen Dorf das erste bundesrepublikanische Großkernkraftwerk ans Netz ging, erregte die Nachricht kaum Aufsehen, und in der Region wurde sie von den lokalen Eliten stolz als Startschuss für eine bessere Zukunft reklamiert. Soziale Folgen hatte das schon. Das Kraftwerk zog junges, gut ausgebildetes Personal an, und das Dorf spaltete sich in ein Unter- und Oberdorf, ganz so, wie es der Soziologe Nobert Elias in seiner Studie „Etablierte und Außenseiter“ über eine britische Gemeinde beschrieben hatte.

Ausblick von der Rentnerbank

Marion Ammichts Film über das Leben im Schatten von Kühltürmen hat den Charakter eines Heimatfilms. Unruhe befällt die ländliche Idylle erst, als die Proteste aus dem badischen Whyl herüberschwappen, wo insbesondere die Winzer durch den Kraftwerksneubau um den Ruf ihres Kaiserstuhl-Weines fürchten. Die erste Demonstration fand in Gundremmingen nach der Tschernobyl-Katastrophe von 1986 statt, obwohl zuvor bereits bei einem Reaktorunfall ein Mitarbeiter ums Leben gekommen war.

Für Horst Diepenbruck ein Arbeitsunfall. Als junger Angestellter für besondere Aufgaben war er von Anfang an dabei. Knapp 50 Jahre später beobachtet er von seiner, wie er es nennt, Rentnerbank aus, wie nach der kompletten Abschaltung 2021 auch aus dem letzten Kühlturm kein Dampf mehr entweicht. Diepenbruck hat die Bank, die im Kraftwerkgelände einst als Pausenbank diente, aus sentimentalischen Gründen erworben. Den meisten Dörflern ist die Anlage ans Herz gewachsen, auch wenn der gesellschaftliche Konflikt um die Kernkraft mitunter quer durch die Familien ging. Diepenbrucks Tochter hat ihren „Prinzen“ im Unterdorf gefunden, der „in Biogas“ macht. Erneuerbare Energien – in Gundremmingen galt das beinahe als verdächtig.

Eine Art Heimatfilm

Die Langsamkeit der Filmbilder dieser Dokumentation nimmt der jahrelang erbittert geführten Auseinandersetzung um die Kernenergie ihre Dramatik, und sie verweist auf die Gefühlslagen, die mit einer die Lebenswelt verändernden Technologie einhergehen, über die nicht allein nach rationalem Kalkül entschieden wird. In Bezug auf die Kernenergie ohnehin nicht, wie zuletzt die Diskussion um den Weiterbetrieb der letzten drei verbliebenen Kraftwerke gezeigt hat. „Gundremmingen“ handelt von den verschiedenen Geschwindigkeiten, die mit dem Fortschritt einhergehen. Ihm sogar vorauseilen oder dahinter zurückfallen. Wer weiß das schon so genau?

Gundremmingen – eine deutsche Atomgeschichte aus der Provinz. Ein Film von Marion Ammicht. 52 Minuten, Arte, 22. April 11.40 Uhr und in der Arte-Mediathek

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