Landtagswahl

Final Countdown der Linken in Rostock: Zornige junge Frauen und aggressive Silberlocken

Zum Wahlkampfabschluss der Linken in Rostock kamen Viele, um die Politprominenz mit Heidi Reichinnek, Dietmar Bartsch, Bodo Ramelow und Simone Oldenburg zu sehen.

7 Min
Wahlkampfabschluss der Linken in Rostock: Die Silberlocken wurden schon mit viel Applaus von den etwa 1500 Linken-Fans begrüßt - doch Heidi Reichinnek als Influencer-Star, der sie ist, erst recht.

Wahlkampfabschluss der Linken in Rostock: Die Silberlocken wurden schon mit viel Applaus von den etwa 1500 Linken-Fans begrüßt - doch Heidi Reichinnek als Influencer-Star, der sie ist, erst recht.

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Um 14 Uhr war es am Freitag auf dem Neuen Markt in Rostock voll und das sollte trotz zeitweiliger Regenschauer auch bis zum frühen Abend so bleiben. Vor dem Rostocker Rathaus, das ja von der linken Oberbürgermeisterin Eva-Maria Kröger geführt wird, hatte die Linke zur Abschlussveranstaltung ihres Wahlkampfes zwei Tage vor dem 20. September 2026 gerufen, und etwa 1500 Menschen waren gekommen. Es waren vor allem junge Leute da, darunter viele junge Frauen.

Die erste Person im Landtag mit Migrationsgeschichte

Zuerst teilten sich drei der vier Rostocker Direktkandidaten der Linken, Christian Albrecht, Hannes Möller und Nurgül Senli, die Bühne. Würde Letztere das Direktmandat in ihrem Wahlkreis holen, wäre sie nicht nur die erste Frau mit Migrationshintergrund im Schweriner Landtag jemals, sondern die erste Person überhaupt, die es mit einer Einwanderungsgeschichte in das Landesparlament Mecklenburg-Vorpommerns schafft. Dafür gab es viel Beifall auf dem Neuen Markt.

Nach den Direktkandidaten trat die Politprominenz mit den „aggressiven Silberlocken“ Bodo Ramelow und Dietmar Bartsch zusammen mit der stellvertretenden MV-Regierungschefin Simone Oldenburg ans Mikrofon. Gregor Gysi, die populärste Silberlocke, war entschuldigt für den Wahlkampfabschluss in Berlin, wo am Sonntag das Abgeordnetenhaus neu gewählt wird.

Die „Popcombo“ der Silberlocken

Die beiden Seniorbosse der Linken ließen nicht nur den Erfolg ihrer „Popcombo“ Revue passieren, die nach ihren Worten dazu beitrug, die Linke 2024 davor zu bewahren, bundesweit in die völlige Bedeutungslosigkeit abzurutschen. Bodo Ramelow bezeichnete sie als teilweise „aggressive Senioren“. Als diese würdigten sie vor allem die Erfolge durch die Regierungsbeteiligung der Linken in MV in den vergangenen fünf Jahren.

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Dazu gehören: die Weiterentwicklung der beitragsfreien Kinderbetreuung sowie der Ausbau von Ganztagsbetreuung und Schulsozialarbeit mit knapp 1500 zusätzlichen Kräften an Schulen. Zu den klassischen linken Projekten der Koalition gehöre zudem das Tariftreuegesetz für öffentliche Aufträge.

Dietmar Bartsch unterstützte als Teil der „Popcombo“ Silberlocke zusammen mit Bodo Ramelow die Linke in MV beim Wahlkampf.

Dietmar Bartsch unterstützte als Teil der „Popcombo“ Silberlocke zusammen mit Bodo Ramelow die Linke in MV beim Wahlkampf.

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Zur Erinnerung: Für die Linke schloss sich in Mecklenburg-Vorpommern in der vergangenen Legislaturperiode ein historischer Kreis. 1998 wagte das Land ein bundesweit beachtetes politisches Experiment: Unter Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD) zog die damalige PDS erstmals in Deutschland als Koalitionspartner in eine Landesregierung ein. Helmut Holter wurde stellvertretender Ministerpräsident, insgesamt stellte die PDS drei Minister.

Was damals als Tabubruch galt und auch in der SPD heftig umstritten war, wurde in MV für acht Jahre politische Normalität. 2006 endete Rot-Rot, 15 Jahre später kehrte die inzwischen in Die Linke aufgegangene PDS wieder an den Kabinettstisch zurück. 2021 bis 2026 regierte sie erneut mit der SPD - diesmal mit Simone Oldenburg als stellvertretende Ministerpräsidentin und Jacqueline Bernhardt als Justiz- und Gleichstellungsministerin. Die Regierungsbeteiligung, die 1998 bundesweit noch für Aufsehen sorgte, war 2021 aber kaum noch ein politisches Wagnis. Aus dem einstigen Tabubruch war Normalität geworden.

Die Linke hat sich verändert

„Ja, die Linke hat sich seitdem verändert“, antwortete Dietmar Bartsch nach seinem Wahlkampfauftritt in Rostock auf eine entsprechende Frage der OAZ. „Als PDS wollten wir nach der Wende die Interessenvertretung der Ostdeutschen sein. Da hatten wir ganz andere Zahlen und waren nur wenig hinter der SPD.“ Das habe sich inzwischen sehr verändert. „Die Linke ist heute eine andere Partei.“

Ja, es gebe heute viele AfD-Wähler die, früher PDS gewählt hätten. „Das hat auch damit zu tun, dass wir in Regierungsverantwortung waren, aber an den Grundfesten nicht rütteln konnten“, sagt Dietmar Bartsch. „Aber anders als die AfD haben wir uns immer an die Gesetze gehalten.“ Und fährt dann zurück nach Berlin.

Rückblick der Justiz- und Gleichstellungsministerin

„Es war toll, gestalten zu können, nachdem ich vorher zehn Jahre lang in der Opposition war“, blickte Jacqueline Bernhardt im Gespräch mit der OAZ auf ihre Zeit als linke Justiz- und Gleichstellungsministerin für MV zurück. Unter ihrer Leitung sei das Justizministerium digitalisiert worden und es habe so viele Einstellungen wie seit der Jahrtausendwende nicht mehr gegeben.

Jacqueline Bernhardt von Die Linke war von 2021 bis 2026 Justiz- und Gleichstellungsministerin für MV.

Jacqueline Bernhardt von Die Linke war von 2021 bis 2026 Justiz- und Gleichstellungsministerin für MV.

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Besonders stolz sei sie darauf, dass es bald wieder ein flächendeckendes Netz an Beratungsstellen für von Gewalt betroffene Frauen in MV gebe und die bestehenden Frauenhäuser erhalten und modernisiert werden. Zudem bekam MV ein gleichstellungspolitisches Rahmenprogramm.

Influencer-Star und Linke: Heidi Reichinnek

Was sich sehr trocken anhört, dürfte unter den vielen jungen Frauen auf dem Neuen Markt und unter den Linken überhaupt für viele Pluspunkte sorgen. Denn wie sich an Äußerungen von Heidi Reichinnek, der Co-Vorsitzenden der Linken im Bundestag, zeigte und an den Reaktionen auf sie auf dem Neuen Markt, scheinen viele der jungen Frauen ziemlich wütend zu sein und keine Lust mehr darauf zu haben - nicht nur sprachlich - nur „mitgemeint“ zu sein.

Die stellvertretende Ministerpräsidentin und Bildungsministerin Simone Oldenburg am 18. September in Rostock.

Die stellvertretende Ministerpräsidentin und Bildungsministerin Simone Oldenburg am 18. September in Rostock.

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Hatten sich die linken Politiker bis dahin alle über viel Zuspruch aus dem Publikum gefreut - als Heidi Reichinnek zu sprechen begann, brach geradezu frenetischer Jubel aus. Sie sprach in einem Tempo, zu dem die Generation Silberlocken und wohl auch Simone Oldenburg und Jacqueline Bernhardt kaum in der Lage sein dürften, das aber offenbar dem entspricht, was für junge Menschen normal ist. In kürzester Zeit handelte sie die wichtigsten Themen der Linken wie Mietpreisdeckel, soziale Gerechtigkeit, Willkommenskultur für Migranten und Antifaschismus ab.

„Wir müssen von oben nach unten verteilen und nicht umgekehrt, dann reicht es auch für alle“, sagte sie beispielsweise. „Wir brauchen euch dafür, wir brauchen eure Stimme, damit wir auch Themen wie die endgültige Streichung des Paragrafen 218 schaffen!“ Dafür erntete sie besonders lauten Jubel auf dem Platz. In Deutschland ist ein Schwangerschaftsabbruch nach § 218 des Strafgesetzbuches (StGB) immer noch grundsätzlich rechtswidrig, er bleibt nur unter bestimmten Voraussetzungen straffrei. In der DDR war ein Abbruch bis zum Ende des dritten Monats gesetzlich als Recht der Frau verankert.

„Die Flüchtlinge hätten sich gelangweilt wie wir“

„Ich wähle schon immer Die Linke“, sagt eine junge Frau, die sich wie die OAZ-Reporterin unter das Regendach des Getränkewagens vor einem Regenschauer geflüchtet hat. Wie sich herausstellt, ist sie erst 20 und setzt nach der Bundestagswahl 2025 nun zum zweiten Mal ihr Kreuz auf einem Wahlzettel. Das Interesse an der Linken habe auch mit ihrem Elternhaus zu tun. „Aber vor allem finde ich die Themen der Linken gut, besonders den Mietpreisdeckel. Ich bin Studentin und will Grundschullehrerin werden. Um ein paar Euro hat es nicht fürs Bafög gereicht, aber meine Eltern können mich kaum unterstützen, ich arbeite in einem Minijob für 600 Euro. Damit kann ich mir keine Wohnung leisten und muss bei meinen Eltern wohnen bleiben.“

Sie komme aus Ziesendorf - da, wo es den Streit um eine neue Flüchtlingsunterkunft gab. Und wo der bisher parteilose Bürgermeister gerade in die AfD eingetreten ist. „Bei uns wählt so die Hälfte AfD und die andere Hälfte links.“ Aber die Flüchtlingsunterkunft sei in Ziesendorf wirklich keine gute Idee gewesen, sagt sie. „Da gibt es keine Einkaufsmöglichkeiten und die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr ist schlecht. Die Flüchtlinge hätten sich so gelangweilt wie wir.“

Die Linke und ihr Einsatz für junge Menschen

In einer anderen Gruppe auf dem Platz mit vielen sehr jungen Frauen und nur einem jungen Mann ist Frieda mit ihren 16 Jahren die einzige, die am Sonntag schon wählen darf. „Ich finde die Politik der Linken interessant. Und mir ist aufgefallen, dass die Linken am meisten für junge Menschen machen“, erklärt sie. „Ich finde gut, dass die Linken sich für das Miteinander einsetzen, für sozialen Wohnungsbau und Soziales überhaupt“, sagt Jaro. „Ich finde, die machen am meisten für die Jugend und für Frauenrechte“, setzt Julie hinzu, die erst 15 ist.

Am Sontag wird sich zeigen, wie viel Wähler die Linke für ihre Themen in MV begeistern konnte.

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