Als Sparkommissare im Freigang erleben die Berliner Senatoren das Wochenende. Für Dienstag ist wieder Vergatterung angesagt. Dann soll, dann muß sich etwas bewegen in der festgebissenen Klausur ums 32-Milliarden-Loch im Haushalt der nächsten drei Jahre. In allen Ressorts fürchtet man ums Durchgebrachte.Die Kulturszene bibbert. Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing will ihr bis 1999 mehr als die bislang veranschlagten 100 Millionen Mark abzwacken. Diese Summe - immerhin schon ein Zehntel des derzeitigen Berliner Kulturhaushalts - wollte Kultursenator Peter Radunski noch ohne rabiate Kahlschläge, durch "intelligentes" strukturelles Sparen aufbringen. Wie das geschehen könnte, steht in seinem "Kreise-Papier". Doch die Finanzsenatorin will kräftiger zulangen. Allein für 1997 - so sickerte durch - soll die Kultur weitere 97 Millionen herausrücken. Damit geht das Schließgespenst wieder um; denn solche Summen können die Kunststätten durch noch so effektives Wirtschaften und Bündeln ihrer Kräfte nicht locker machen. Fugmann-Heesing macht auch kein Hehl daraus, daß sie Häuser preiszugeben gedenkt. Und von wem auch immer lanciert, wurden in den letzten Tagen die potentiellen Schuldopfer ins Gespräch gebracht: voran mal wieder die Komische Oper und das Maxim Gorki Theater, dazu die leichten Musenhäuser Theater des Westens und Metropol, die sich nach Fugmann-Heesings Vorstellung ohne Subvention auf dem Markt behaupten sollen.Dabei sollte Berlin aus der Erfahrung Schiller Theater klug geworden sein: Das Schließen von Kulturstätten bringt so schnell kein Geld. Vor drei Jahren wurden die Staatlichen Schauspielbühnen dicht gemacht. Doch da die meisten Mitarbeiter öffentlich bedienstet sind und weiterbezahlt werden mußten, sind die tatsächlichen Spareffekte gering. Mit kumulativ 54,1 Millionen stehen sie in keinem Verhältnis zu dem Schaden, den die Kultur und der Ruf Berlins erlitten. 1996 hatte die Stadt noch immer 1,3 Millionen Mark an ehemalige Mitarbeiter des Schiller Theaters zu zahlen. Dabei war der Arbeitsmarkt 1993 noch günstiger: Von den 479 Beschäftigten konnten 167 an andere Einrichtungen des Landes vermittelt werden - angesichts des allgemeinen Stellenabbaus wäre das heute nicht mehr möglich. Haushaltsexperten haben durchgerechnet: Setzten sich jetzt die Totsager des Maxim Gorki Theaters durch, erbrächte das bei einem Haushalt von 18,5 Millionen Mark (davon sind 16,5 Millionen Zuschuß) im kommenden Jahr eine Sparsumme von ganzen 800 000 Mark. Im Jahre 2002 zahlte die öffentliche Hand immer noch 8,9 Millionen für das Haus am Kastanienwäldchen, und der Personalabbau zöge sich ohne die Möglichkeit betriebsbedingter Kündigungen bis zum Jahre 2036 hin. Ein so kurzgriffiges Krisenmanagement risse also Löcher in die kulturelle Substanz, ohne daß Milliardenlöcher im Haushalt zu stopfen wären. Die Stadt gewinnt kurz- und mittelfristig nichts damit. Im Gegenteil: sie verliert. Nicht nur an kultureller Attraktivität, sondern auch an Wirtschaftskraft und damit erst recht an finanzieller Potenz. Mit 45 000 Beschäftigten - mehr als etwa im Bank-und Versicherungsgewerbe - gehört die Berliner Kultur- und Medienwirtschaft zu den expandierenden Wirtschaftszweigen. Die Wertschöpfung in der Berliner Kulturproduktion lag nach einer DIW-Studie schon 1991 bei 1,36 Milliarden Mark - das ist mehr als im Kulturhaushalt aufgewendet werden.Vermindert Kahlschlags-Politik das kulturelle Angebot, schlägt sich das auch in der volkswirtschaftlichen Gesamtbilanz negativ nieder. Für die DIW-Forscher gehört der "weiche" Standortfaktor Kultur zu den vier wichtigsten Imagefaktoren von Berliner Unternehmen in industriellen Zukunftsbranchen; für hochqualifizierte, kreative Mitarbeiter ist nach der Wohnsituation das Kulturangebot zweitwichtigster Grund, nach Berlin kommen.Nicht zuletzt sind geschlossene Häuser kein Aushängschild für den Kulturtourismus nach Berlin. Der bringt der Stadt immerhin über 10 000 Arbeitsplätze und ein Mehr an Produktion und Einkommen in Höhe von 1,2 Milliarden Mark - auch das übersteigt die Ausgaben des Kulturhaushalts. Das Beispiel Friedrichstadtpalast zeigt, wie sich staatliche Kunst-Subvention auch finanzpolitisch doppelt und dreifach für die Stadt auszahlt. 60 Prozent seiner Besucher kommen 1996 von auswärts, ein Drittel der Zuschauer bleibt länger als einen Tag. Tourismus-Fachleute haben kalkuliert, daß 350 000 Auswärts-Besucher von "Cinema" über das Friedrichstadtpalast-Ticket hinaus rund 94 Millionen Mark in der Stadt lassen - dem steht ein Zuschuß von 17,6 Millionen Mark für den Friedrichstadtpalast gegenüber. +++
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