Ein ungewöhnliches Bild: US-Außenministerin Hillary Clinton tritt in Asien als Bittstellerin auf. China, so Clinton, müsse weiter US-Staatsanleihen aufkaufen und so die amerikanischen Defizite finanzieren. Die Dringlichkeit der Anfrage ist wenig verwunderlich. Denn wenn Amerika sich nicht mehr verschulden kann, dann drohen dem Land Finanznot, steigende Zinsen, dann klappt seine Konjunktur zusammen und mit ihr die gesamte Weltwirtschaft. Die ökonomische Gesundheit Amerikas steht und fällt also mit dem Willen der Weltfinanzmärkte, den USA ihre Schuldscheine abzukaufen und so den nächsten Aufschwung zu kreditieren.Tatsächlich ist der Kapitalhunger der Vereinigten Staaten gigantisch: Im laufenden Jahr dürfte das Haushaltsdefizit der Regierung zwischen 1,5 und 1,8 Billionen Dollar liegen, im kommenden Jahr nach Berechnungen der Bank Unicredit bei 1,1 Billionen Dollar. Laufen die beschlossenen Konjunkturmaßnahmen nicht wie geplant aus sondern werden verlängert, so kämen in den nächsten zehn Jahren weitere 1,7 Billionen Dollar hinzu plus 745 Milliarden Dollar für einen gestiegenen Schuldendienst.All dies ist Geld, das die USA nicht haben, sondern sich von anderen leihen müssen. In Anbetracht der riesigen Summen stellt sich mithin die Frage: Werden die Investoren ihre Milliarden weiter fleißig in die USA tragen und dort US-Staatsanleihen kaufen? Immerhin sieht die Finanzpolitik Amerikas alles andere als solide aus. Das könnte Anleger nervös machen.Doch so ist es nicht, zumindest bislang. Noch werden der US-Regierung ihre Schuldscheine aus den Händen gerissen, speziell von den internationalen Anlegern. Statt Risikoaufschlägen verlangen sie immer geringere Zinsen von Washington. Grund: Im derzeitigen Umfeld wollen die Geldgeber nur eins: Sicherheit. Und die ist selten an den Finanzmärkten heutzutage. Aktien? Auf keinen Fall. Immobilien? Hatten wir schon, hat nicht funktioniert. Rohstoffe? Auch hier ist gerade eine Blase geplatzt.Angesichts der horrenden Verluste an den Finanzmärkten existiert also so etwas wie ein Anlagenotstand. Die Investoren haben Geld, wissen aber nicht, wo sie es sicher anlegen können. Als Alternative zu US-Dollar-Anleihen gäbe es nur die Anlage in anderen Währungen. Aber welche? Der Markt für den japanischen Yen ist zu klein für diese Kapitalmassen. Der chinesische Yuan ist noch nicht einmal konvertibel, kommt also nicht in Frage.Und der Euro? Auch hier ist das Vertrauen der Weltfinanzmärkte erschüttert worden. Die Euro-Länder schaffen es nicht, ihre Konjunkturprogramme mit- und aufeinander abzustimmen, jeder Staat kämpft für sich, Protektionismus droht. Angesichts der Probleme in Griechenland, Irland oder Spanien wird sogar schon über ein Auseinanderbrechen der Währungsunion spekuliert. Im Gegensatz zum Dollar steht hinter dem Euro eben keine einige Weltmacht, sondern ein Konglomerat ambitionierter Klein- und Mittelmächte, die miteinander um Einfluss in der Welt und gegeneinander um Einfluss in Europa konkurrieren. Kein Wunder, dass das scheue Reh Kapital in den einzigen Hafen flüchtet, der trotz aller Probleme groß und sicher genug scheint: USA.------------------------------Grafik: US-Staatsanleihen - kumulierte Nettokäufe seit 1995
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