Kurz nach der Wende prophezeite man Berlins Speckgürtel eine goldene Zukunft. Die mit Wasserstraßen und Seen verwöhnten Landkreise Havelland, Oberhavel, Barnim, Märkisch-Oderland, Oder-Spree, Teltow-Fläming und Potsdam-Mittelmark schienen geeignet, die Berliner mit dem altbekannten Ruf "Raus ins Jrüne" zu locken. Nicht überall hat sich der Traum von den blühenden Wasserlandschaften verwirklicht. Suburbane Gemeinden in Oberhavel und Potsdam-Mittelmark dagegen haben in der Gunst gut situierter Wasserliebhaber sogar die Hauptstadt überflügelt.Glienicke/Nordbahn liegt nördlich von Berlin, direkt an der Stadtgrenze, wo einst die Mauer stand. Mit seiner Nähe zur Hauptstadt, viel Grün und seinem historischen Kern verfügt der Ort über alle Attribute einer klassischen Gartenstadt. Aus den 3000 Einwohnern, die 1989 in der Gemeinde lebten, sind inzwischen 11000 geworden, Tendenz steigend. Unweit der Oberhavel gelegen, gilt Glienicke als Premiumwohnlage. Grundstücke mit direktem Zugang zu Seen oder Flüssen gibt es hier zwar nicht. Dennoch übersteigt die Nachfrage das Angebot bei Weitem, sagt Heinz Krüger, der für Nordstadt-Immobilien im Kreis Oberhavel als Makler tätig ist. Hauptsächlich gut situierte Mittelständler führt der Weg nach Glienicke. Nur 120 bis 140 Euro pro Quadratmeter beträgt hier der Bodenrichtwert, also der durchschnittliche Preis für Bauland. Eine preiswerte Alternative gegenüber den oft unerschwinglichen Berliner Toplagen wie am Wannsee in Berlin, wo man gut das Dreifache zahlt.Die wohlhabendste Gemeinde im OstenFür die Gemeinde, die sich 1994 gegen einen Anschluss an Berlin entschied, ist der Zuzug überwiegend vermögender Berliner und Brandenburger auch finanziell ein Gewinn. Die Infrastruktur wurde in zwanzig Jahren merklich verbessert. Nicht nur unter Immobilienprofis wächst daher das Interesse am brandenburgischen Nachbarn: Selbst alteingesessene Westberliner aus den Bezirken Frohnau und Hermsdorf reisen inzwischen an, um in den modernen Supermärkten und Feinkostgeschäften oder in der Neulandfleischerei auf der Oranienburger Chaussee einzukaufen. Eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) erklärte die Gemeinde Anfang 2009 zur wohlhabendsten der Ex-DDR. 24900 Euro gibt der durchschnittliche Glienicker jährlich für Konsumartikel aus, das ist mehr als zum Beispiel im Berliner Nobelbezirk Dahlem, viele Nachbargemeinden haben ebenfalls gut abgeschnitten. Kaufinteressenten, die in Glienicke und näherer Umgebung heute nach einem herrschaftlichen Anwesen suchen, werden folglich nur noch selten fündig. Auch in den Nachbargemeinden Ober Neuendorf, Schildow oder Mühlenbeck sind nur noch wenige First-Class-Immobilien auf dem Markt.Doch nicht überall im Oberhavelland lebt man sprichwörtlich wie die Made im Speck. Schon wenig weiter nordwärts stehen entlang des Ruppiner- und des Oder-Havelkanals selbst in bester Wasserlage noch reichlich Grund und Boden zur Verfügung, doch herrscht, was die Nachfrage angeht, spätestens bei Oranienburg "Stillstand". "Je weiter es nach Norden geht, desto größer ist das Angebot, umso geringer ist jedoch auch die Nachfrage" stellt Makler Krüger fest. Selbst attraktive Objekte mit niedrigen Bodenrichtwerten um die 100 Euro pro Quadratmeter sind nicht leicht zu vermakeln. Die erhoffte Verbesserung der Infrastruktur lässt auf sich warten. Bei vielen attraktiven Objekten stimmt bereits das Umfeld in direkter Nachbarschaft nicht mehr, Bausünden oder Brachen säumen die Ufer. Mancher Neuoberhaveländer fühlte sich bald einsam und ist zurück nach Berlin gezogen. Der zweifelhafte Ruf Oranienburgs, über eine vitale rechte Szene zu verfügen, mag das Seine dazu beigetragen haben, ebenso die generelle Verunsicherung durch die Wirtschaftskrise. Selbst Interessenten, die gar nicht betroffen sind, so Krüger, warten jetzt lieber ab, anstatt den Schritt ins Ungewisse zu wagen. Andere bekommen von den Banken 2009 keine Kredite, sodass der Traum vom grünen Eigenheim am gelobten Speckgürtel wieder platzen muss.Einheitlicher ist die Lage im Süden Berlins. Hier hat die GfK für Potsdam-Mittelmark ebenfalls Spitzenkonsumwerte ermittelt. Das maritime Potsdam schreibt seine Erfolgsgeschichte fort -obgleich kürzlich zu hören war, dass die Zugezogenen ihr Geld doch lieber weiter nach Berlin tragen und der örtliche Einzelhandel unter Verlusten leidet. Kleinmachnow freut sich über viele Zuzügler und im östlich gelegenen Stahnsdorf hat sich die Einwohnerzahl seit 1994 gar auf 14000 Einwohner verdoppelt. Das Angebot einer "Kombination von Wohnen und Arbeiten im Grünen" wurde erfolgreich an Unternehmen und Privatleute vermittelt. Das malerische Sputendorf am Schlossteich wird mit eigenem Flugplatz als "Dorfanger der Premiumklasse" vermarktet. Beliebte Wohnlagen sind auch Güterfelde am See oder die 1997 angelegte "Grashüpfersiedlung". Auf dem Teltowkanal, der zwar noch immer vorwiegend als Abwasserkanal fungiert, promeniert man heute wieder in kleinen Yachten und feiert alljährlich das Schleusenfest. Die positive Entwicklung strahlt auch auf die "Rübchenstadt" Teltow ab, auch wenn der Strukturwandel vom DDR-Industriestandort zum malerischen Vorstadtidyll hier noch längst nicht abgeschlossen ist.Auch westlich der Brandenburger Metropole Potsdam finden sich attraktive Lagen mit Entwicklungspotenzial: Heiko Linke von Arcadia Immobilien kann über die Baumblütenstadt Werder ein Loblied singen. "Wir sind hier mit Wasser reich gesegnet und registrieren einen stetigen Zuwachs in der Bevölkerung", sagt der Makler. Die wenigen verbliebenen Grundstücke müssen sich Berliner inzwischen allerdings mit der Konkurrenz aus Potsdam und Brandenburg teilen. Ein knapp 3000 Quadratmeter großes Grundstück mit sanierungsbedürftiger 20er-Jahre-Villa direkt an der Havel ist derzeit unter Interessenten hart umkämpft. Der anvisierte Preis beträgt knapp eine halbe Million Euro. Linke kann das erklären: "Die Gegend ist doch landschaftlich viel attraktiver als beispielsweise der Müggelsee und dank der glänzenden Auto- und Bahnverbindung ist man in knapp 40 Minuten in Berlin."------------------------------Foto: Schreibt die Erfolgsgeschichte fort: Potsdam.Foto: Loblied auf die Baumblüten-Stadt Werder: Brandenburger und Berliner balgen sich um die wenigen verbliebenen Objekte.Foto: Hoher Freizeitwert: Brandenburgs Seen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]